Ein direkter Konkurrent der deutschen SAP hat am Mittwochabend Zahlen gemeldet – und wurde nachbörslich geradezu verprügelt. Dabei hob er sogar die Prognose an. Bietet sich da womöglich eine Kaufchance?
Der KI-Trade hat die Aktie von ServiceNow im Jahr 2026 noch härter getroffen als SAP: Um 35 Prozent ging es für das Unternehmen des früheren SAP-Chefs Bill McDermott nach unten. SAP verlor im gleichen Zeitraum „nur“ 27 Prozent.
Insofern wussten McDermott und sein Vorstandsteam, wie scharf die Börsianer die Zahlen zum ersten Quartal auseinanderpflücken würden, die ServiceNow am Mittwochabend nach Börsenschluss veröffentlichte. Und ServiceNow (Börsenkürzel: NOW) lieferte – zumindest auf dem Papier:
Erwartungen geschlagen – Aktie bricht ein
Das Unternehmen übertraf die Erwartungen der Analysten im ersten Quartal knapp. Der Gewinn je Aktie lag bereinigt bei 97 Cent nach erwarteten 96 Cent, der Umsatz bei 3,77 Milliarden Dollar, erwartet worden waren 3,74 Milliarden Dollar. Der Umsatz wuchs im Jahresvergleich um 22 Prozent, der Nettogewinn stieg leicht auf 469 Millionen Dollar. Dennoch reagierte die Börse heftig: Die Aktie sackte nachbörslich um 14 Prozent ab.
Grund dafür war offenbar ein kleiner Hinweis in der Verlautbarung. Dort äußerte sich ServiceNow zum Ausblick für das Abo-Geschäft im kommenden Quartal. Bei Softwarefirmen ist das Abo-Wachstum oft die wichtigste Messgröße – und jede Schwäche wird sofort abgestraft.
Nahost-Krieg verzögert große Deals
Unterm Strich lagen die Abo-Umsätze zwar mit 3,67 Milliarden Dollar leicht über den Erwartungen. Doch ServiceNow erklärte, dass das Abo-Wachstum im Quartal durch verzögerte Abschlüsse mehrerer großer Verträge im Nahen Osten belastet worden sei. Dadurch sei ein „Gegenwind“ von rund 75 Basispunkten entstanden. Der Krieg wirkt also direkt auf die Abschlussgeschwindigkeit. Finanzchefin Gina Mastantuono ergänzte, man habe die Jahresprognose mit Blick auf die geopolitische Lage bewusst vorsichtig formuliert.
Das genügte offenbar, um einen nachbörslichen Abverkauf auszulösen. Da half es auch nicht, dass ServiceNow gleichzeitig seine Jahresprognose für die Abo-Umsätze 2026 auf 15,74 bis 15,78 Milliarden Dollar anhob (von zuvor 15,53 bis 15,57 Milliarden Dollar).
KI-Vorreiter im Sektor
Und auch eine weitere, richtig starke Zahl, ging unter: Das in Santa Clara, Kalifornien, ansässige Unternehmen meldete für das Quartal noch ausstehende Leistungsverpflichtungen in Höhe von 12,64 Milliarden US-Dollar und übertraf damit ebenfalls die Schätzungen von 12,56 Milliarden US-Dollar. Im ersten Quartal habe man 16 Transaktionen mit einem jährlichen Vertragswert von über fünf Millionen US-Dollar vollzogen. Das entsprach einem Anstieg von fast 80 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum und zeigt eigentlich, dass die Nachfrage nach Lösungen von ServiceNow weiterhin groß ist.
Das Unternehmen gilt als einer der Vorreiter bei der Implementierung von KI-Lösungen in seine Plattform und wurde dafür jüngst auch von Morningstar ausdrücklich als Gewinner im Wettbewerb mit den neuen KI-Agenten genannt.
Analyst sieht 100 Prozent Kurspotenzial
Auch die Analysten stehen fest auf der Seite von ServiceNow: Vor den Zahlen rieten 45 von 50 Experten zum Kauf der Aktie – in der Nacht auf Donnerstag bestätigte fast ein Dutzend Analysten diese Empfehlung. Keith Eric Weiss von Morgan Stanley bestätigte außerdem sein Kursziel von 180 Dollar, das entspricht gegenüber dem nachbörslichen Kurs von rund 90 Dollar einem Kurspotenzial von 100 Prozent – ein glatter Verdoppler. Im Konsens liegt der Zielkurs auf Sicht von zwölf Monaten bei 155,41 Dollar, was immer noch 72 Prozent Kurspotenzial bedeutet.
Bietet sich da also womöglich für Mutige eine Einstiegschance? Mit einem KGV von knapp 25 ist das Unternehmen für eine Software-Company nicht zu teuer. Allerdings bekommen Anleger SAP mit einem KGV von nur noch 22 derzeit sogar günstiger. Das Momentum und die Charttechnik sprechen andererseits klar gegen ein Engagement zum jetzigen Zeitpunkt.
Zittern um SAP
Die harsche Kursreaktion ist auch eine Warnung an SAP, das heute, am Donnerstag, um 22:05 Uhr nach US-Börsenschluss seine Zahlen vorlegen wird. Das Beispiel ServiceNow zeigt: Anleger verzeihen der Softwarebranche derzeit nicht die kleinste Abweichung oder gar Unsicherheit.
Voller Fokus auf den Technologie-Boom
Mit dem „Tech-Giganten-Index“ von BÖRSE ONLINE holen Sie sich 15 Tech-Giganten auf einen Schlag ins Portfolio – von Nvidia bis Tesla, von Micron bis Palantir. Wie Sie investieren können und welche Strategien dafür zur Wahl stehen, erfahren Sie hier.
Häufige Fragen zum Thema
Was macht ServiceNow?
ServiceNow ist ein Softwareanbieter, der Unternehmen hilft, Arbeitsabläufe durch KI und Automatisierung zu digitalisieren, zu verbinden und zu optimieren. Im Zentrum steht eine cloudbasierte Plattform, die IT, Personalwesen (HR), Kundenservice und Sicherheitsabteilungen vernetzt und dadurch Prozesse effizienter machen und die Produktivität steigern soll.
Wer ist der Chef von ServiceNow?
CEO ist seit 2029 der US-Amerikaner William Richard (genannt „Bill“) McDermott. Die Personalie sorgte für Schlagzeilen, weil McDermott zuvor von Februar 2010 bis Oktober 2019 Vorstandsvorsitzender der SAP SE gewesen war. Dort wurde am 11. Oktober 2019 sein Rücktritt als CEO mit sofortiger Wirkung verkündet. Nur elf Tage später wurde bekannt, dass McDermott zum Ende des Jahres 2019 als Nachfolger von John Donahoe neuer CEO von ServiveNow werden würde. McDermott wurde 2026 vom Manager Magazin zum „Manager des Jahres“ in Deutschlanf gekürt.
Sind SAP und ServiceNow Konkurrenten?
Ja, zum Teil. SAP und ServiceNow konkurrieren im Bereich der digitalen Geschäftsprozesse, bei der Workflow-Automatisierung und im Enterprise Service Management. Unter McDermott hat ServiceNow außerdem begonnen, in Teile des klassischen ERP-Geschäfts von SAP (Finanzen, Logistik) einzubrechen.
Hinweis auf Interessenkonflikte
Der Autor hält unmittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: SAP.