DAS IST LOS BEI SIEMENS ENERGY:

Siemens Energy ist die jüngste Abspaltung aus dem Reich des Münchener Technologiekonzerns Siemens. Der Konzern vereint das alte Kraftwerksgeschäft von Siemens, die Stromübertragung sowie die Windkraft-Tochter Siemens Gamesa (Siemens Gamesa Renewable Energy SA). Seit dem Börsengang im vergangenen September hat Konzernchef Christian Bruch das Unternehmen, das zu Beginn hohe Verluste schrieb, kräftig umgekrempelt. Zuletzt wurde Siemens Energy in den deutschen Leitindex Dax (DAX 30) aufgenommen.

Siemens Energy orientiert sich dabei am Wandel des Energiemarktes hin zu erneuerbaren Energien. So hat das Unternehmen angekündigt, sich nicht mehr an Neuausschreibungen für Kohlekraftwerke zu beteiligen. Ein weiterer Fokus liegt auf dem Gasgeschäft. Der Gasmarkt steht seit Jahren unter Druck, der Preisverfall insbesondere für große Gasturbinen setzt dem Unternehmen zu. So soll etwa das Geschäft mit sogenannten aeroderivativen Gasturbinen - die in der Bauweise Flugzeugtriebwerken nachempfunden sind - zurückgefahren werden. Siemens Energy hatte im vergangenen Jahr hohe Abschreibungen auf das Geschäft vorgenommen und insgesamt einen Milliardenverlust verzeichnet.

In der Sparte Gas and Power, die unter anderem das klassische Kraftwerksgeschäft beinhaltet, sollen 7800 Arbeitsplätze bis 2025 wegfallen, um Kosten zu sparen und die Profitabilität zu verbessern. Standortschließungen soll es dabei möglichst nicht geben. Der Abbau ist Teil der Bestrebungen, die Kosten im Geschäft mit fossilen Energien mindestens um weitere 300 Millionen Euro zu senken. Dieses Ziel hatte Siemens Energy im vergangenen September auf seinem Kapitalmarkttag angekündigt.

Bereits in den vergangenen Jahren hatte die frühere Konzernmutter Siemens die seit längerem schwächelnde Kraftwerkssparte einem harten Sparkurs unterzogen und mehrere tausend Stellen gestrichen. Bruch hatte beim Börsengang klar gemacht, dass er mit der Profitabilität von Siemens Energy nicht zufrieden ist, und Maßnahmen angekündigt. So will er die Struktur des Unternehmens vereinfachen. Die beschlossenen Maßnahmen reichen von Einsparungen bei externen Dienstleistern und im Einkauf über eine optimierte Logistik bis zur deutlichen Vereinfachung der IT-Landschaft.

"Der Energiemarkt verändert sich rasant. Das bietet uns Chancen, stellt uns aber gleichzeitig vor große Herausforderungen", hatte Vorstandschef Bruch bei der Vorlage der Erstquartalszahlen erklärt. Mit den Plänen will Bruch die Wettbewerbsfähigkeit von Siemens Energy steigern und zudem Mittel für Investitionen in zukunftsfähige Projekte freischaufeln, etwa im Bereich Wasserstoff, auf den auch Bruch große Hoffnungen setzt. Erste Pilotprojekte laufen bereits.

DAS SAGEN ANALYSTEN:

Analysten begleiten Siemens Energy derzeit mit Wohlwollen. Die Mehrheit der im dpa-AFX-Analyser erfassten Experten empfiehtl die Aktie zum Kauf und sieht beim Kurs zum Teil deutliches Aufwärtspotenzial. Dabei haben sie vor allem die längerfristige Entwicklung im Blick - etwa bei Windanlagen und dem Wasserstoffgeschäft. Hier sehen die Experten viel Potenzial. Entlang der Energie-Wertschöpfungskette sei Siemens Energy insgesamt einzigartig gut aufgestellt, lobt der Deutsche-Bank-Experte Gael de-Bray.

Das Wasserstoffgeschäft von Siemens Energy beinhalte etliche Wachstums- und Wertschöpfungsmöglichkeiten, wovon sich nur wenig in den mittelfristigen Unternehmenszielen sowie der Bewertung widerspiegele, kommentierte etwa Analyst Alexander Virgo von der Bank of America. Die Nachfrage nach Strom aus erneuerbaren Energien dürfte dabei einen gewaltigen Schub erfahren, ist JPMorgan-Analyst Andreas Willi überzeugt. Diese Art der Energieerzeugung könnte aber auch der begrenzende Faktor sein, denn ohne günstige grüne Energie gebe es keinen "grünen" Wasserstoff.

Auch Jefferies-Experte Simon Toennessen ist für die Aussichten des Marktes mit grünem Wasserstoff optimistisch. Allerdings, so der Analyst, seien für eine Produktion im industriellen Maßstab noch erhebliche Investitionen notwendig. Etwas vorsichtiger ist auch Sven Diermeier von Independent Research. Die Trends in der Energiewelt bergen für den Konzern Risiken wie etwa Wertberichtigungen oder zusätzliche Restrukturierungsmaßnahmen. Allerdings sieht auch er erhebliche Chancen, etwa mit Blick auf Windkraftanlagen oder Anlagen für die Wasserstoffwirtschaft.

DAS MACHT DIE AKTIE:

Die Aktie des seit Ende September börsennotierten Unternehmens hat sich zunächst sehr volatil gezeigt. Dies ist bei einer Abspaltung nicht ungewöhnlich. So haben Siemens-Aktionäre das Papier in ihr Depot gebucht bekommen. Investoren mit einem anderen Anlagefokus oder Fonds, die etwa bestimmte Indizes nachbilden, haben daher zunächst ihre Anteile verkauft. Mit dem Kurs ging es erst einmal abwärts.

So startete Siemens Energy mit einem Kurs von rund 22 Euro. Nach einem Anstieg auf mehr als 23 Euro ging es bis Ende Oktober deutlich abwärts, das Papier fiel bis auf 18,36 Euro.

Dann griffen Anleger aber mehr und mehr beherzt zu, Anfang 2021 erreichte der Kurs mehr als 34 Euro. Doch das Niveau konnte das Papier nicht halten. Derzeit kosten die Papiere gut 28 Euro und damit knapp ein Fünftel weniger als zum Rekordhoch.

Seit März ist das Unternehmen, dessen Börsenwert aktuell bei rund 20 Milliarden Euro liegt, im Dax notiert. Das bedeutet einen Platz im letzten Indexdrittel. Die frühere Siemens-Tochter rückte für den Konsumgüterkonzern Beiersdorf in den deutschen Leitindex auf. Wichtig sind Änderungen in den Indizes der Dax-Familie vor allem für Fonds, die diese Indizes real nachbilden. Dort muss dann entsprechend umgeschichtet werden.

Siemens (Siemens) hält nach dem Spin-off noch 35 Prozent der Anteile, weitere knapp zehn Prozent beim Pensionsfonds der Münchener. Siemens hat bereits angekündigt, die Beteiligung weiter reduzieren zu wollen.

dpa-AFX