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INTERVIEW

Synbiotic-Chef Lars Müller im Interview: "Wir wollen ein Starbucks für Cannabis-Produkte aufbauen"

Synbiotic-Chef Lars Müller im Interview:
06.12.2021 06:32:00

Die neue Bundesregierung will Cannabis zu Genusszwecken legalisieren. Lars Müller, Chef der deutschen Cannabis-Unternehmensgruppe Synbiotic, erklärt, wo das Cannabis herkommen könnte, welche Chancen die Legalisierung bietet und wie Synbiotic davon profitieren will. Von Julia Pfanner

Börse Online: Herr Müller, die neue Bundesregierung will "die kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken in lizenzierten Geschäften" einführen, heißt es im Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP. Freuen Sie sich darüber?
Lars Müller: Natürlich freuen wir uns. Die Entscheidung kam zwar nicht aus dem Nichts, aber doch sehr schnell. Das jetzt schwarz auf weiß im Koalitionsvertrag stehen zu sehen ist schon der Wahnsinn. Synbiotic ist zwar nicht abhängig von Cannabis für den Freizeitgebrauch - wir fokussieren uns auf Cannabinoide, also Inhaltsstoffe aus der Cannabispflanze, und medizinisches Cannabis. Aber die geplante Legalisierung tut dem ganzen Cannabis-Thema einfach unglaublich gut.



Wie geht es jetzt weiter?
Wir müssen noch einiges tun. Wir müssen überlegen, wie und wann die Legalisierung vonstatten gehen soll. Zum Beispiel ob Cannabis in Apotheken abgegeben oder über Coffeeshop-ähnliche Konzepte verkauft wird, welche Regeln gibt es, wie eine Lizenz aussieht und so weiter. Ich hoffe, dass die Politik auch weiterhin auf die Branchenverbände zugeht. Da sitzen viele Unternehmer wie wir drin, die mithelfen und mitgestalten wollen, um letztendlich die Kunden optimal zufrieden zu stellen. Wir müssen auch überlegen, wie sich Cannabis als Genussmittel und als Medizinprodukt differenzieren. Denn es gibt hier auf jeden Fall zwei verschiedene Zielgruppen.


Wo soll denn das Cannabis herkommen? Wird es in Deutschland angebaut oder aus dem Ausland importiert?
Das kommt stark darauf an, welcher Qualitätsstandard gefordert wird. Im Moment sind die Blüte oder das Extrakt in Deutschland ein Pharmaprodukt, das hat einen sogenannten GMP-Qualitätsstandard. Darum importieren wir in Deutschland auch jetzt schon sehr viel. Denn in Deutschland gibt es bisher nur ein Unternehmen, das davon demnächst ein bisschen was liefern kann. Diese Firma muss das Cannabis in einem tresorähnlichen Gebäude anbauen, mit höchsten Sicherheitsstandards. Ich denke wenn irgendwann jede Stadt ein Cannabisgeschäft haben will, funktioniert das so nicht.

Das heißt?
Wenn wirklich alles so legalisiert und frei verkäuflich wird, wird die Nachfrage riesig. Wir werden mit der Synbiotic dann bestimmt auch Produkte aus den USA oder anderen Ländern beziehen. Der Freizeit-Cannabis-Konsument will ganz spezielle Sorten haben und die Geschäfte brauchen coole Marken. Ich denke dass es am Ende auf eine gesunde Mischung aus Import und hoffentlich auch Pflanzen aus Deutschland herausläuft.

Wie schnell könnte man eine Cannabis-Produktion in Deutschland hochfahren?
Auch hier kommt es darauf an, welche Qualität das Cannabis haben muss. Wenn es nach Pharma-Regeln in Reinräumen angebaut werden muss, wird das Cannabis für keinen Normalsterblichen zu bezahlen sein. Es könnte aber auch nur Food Grade sein müssen oder es gibt einen neuen Qualitätsstandard. Daraus leitet sich ab ob man eine Produktion hier schnell hochfahren kann und auch mehr Unternehmer bei Cannabis aktiv werden können. Schön wäre ein neues Qualitätsmerkmal, so etwas wie das deutsche Reinheitsgebot beim Bier. Ich hoffe, dass wir da Lösungen finden, die ein guter Mittelweg sind und eine hohe Qualität und eine hohe Reinheit bringen. Das ist ein wichtiger Punkt im Vergleich zum Schwarzmarkt, wo man die Qualität des Produkts nicht kennt.

Welche Produkte könnten besonders beliebt sein?
Ähnlich wie in Nordamerika wird der Trend zu Extrakten oder Edibles, also Esswaren, gehen. Aber am Ende wird es denke ich auch hier eine Mischung sein: Die einen rollen sich gerne einen Joint, die anderen gehen eher Richtung Verdampfung oder bevorzugen Edibles. Da kann man tolle Produkte machen, die sicher und gut dosierbar sind und eine positive Erfahrung bringen. Ich glaube da wird es eine sehr große Vielfalt an Produkten geben.

Welche Vorteile und welche Gefahren sehen Sie durch die Legalisierung in Deutschland?
Es gibt viele Vorteile, sie bringt vor allem Themen wie Qualität, Kontrolle oder Jugendschutz voran. Nachteile zu finden ist gar nicht so leicht. Denn was viele vergessen: Der Markt ist mit dem Schwarzmarkt heute schon da, ob wir legalisieren oder nicht. Alles was wir tun, ist, ihn zu verbessern und ihn sicherer zu machen.

Kann man den Schwarzmarkt denn schnell verkleinern?
Das ist sehr schwer zu beantworten. Es hängt stark davon ab wie kompetitiv wir zum Schwarzmarkt sind. Ich kann mir gut vorstellen dass es viel angenehmer ist, in einen cool gestalteten Laden mit tollem Personal, das einen gut berät, zu gehen als zu einem schmuddeligen Dealer um die Ecke. Wenn es gut gemacht ist, die Regeln angenehm sind, die Preise in Ordnung und die Qualität top, kann ich mir schon vorstellen, dass man sehr viel vom Schwarzmarkt einsammeln kann. Er wird natürlich immer noch bestehen und versuchen günstiger anzubieten. Aber ich glaube Qualität und Sicherheitsgefühl werden für die Konsumenten überwiegen, damit wir hier große Schritte in die richtige Richtung machen.

Synbiotic hat den Fokus auf Cannabinoiden, also Stoffen aus der Cannabispflanze. Eines davon ist das berauschende THC, aber es gibt auch viele andere, wie CBD. Was bedeutet die Legalisierung denn für einzelne Cannabinoide?
Das ist eine sehr gute Frage. Die Cannabinoide werden gerade noch sehr eigenständig betrachtet. Wir haben CBD, das leider immer noch nicht sauber als Lebensmittelinhaltsstoff oder Nahrungsergänzungsmittel reguliert ist. Es sieht aber ganz gut aus, dass das passiert. Als Inhaltsstoff für Kosmetik ist es zum Beispiel schon sauber reguliert, hier kann man es schon verarbeiten. Ich kann nicht auf der einen Seite Cannabis legalisieren und eine THC-haltige Blüte rauchen, in der ja auch immer CBD und alle anderen Cannabinoide sind, CBD aber weiter in der Ecke lassen. Wir müssen noch viele Logik-Themen regeln und überlegen, wie wir generell mit Cannabinoiden umgehen.

Steigt Synbiotic jetzt in den Cannabisanbau ein?
Wir haben uns am Anfang etwas von THC distanziert, aber wir haben auch ein Unternehmen gekauft, das seit 2017 medizinisches Cannabis produziert. Wir bieten als Unternehmensgruppe die beste Grundvoraussetzung, um alles mögliche anzubieten und werden jetzt erstmal die Lieferkette weiter aufbauen. Den Anbau finde ich gar nicht so spannend, denn er ist sehr kapitalintensiv und es gibt schon sehr gute Anbieter. Wir müssen etwas aufpassen, dass wir in Europa nicht die gleichen Fehler machen wie in Kanada, wo alle Unternehmen in den Anbau gegangen sind, dann gibt es natürlich irgendwann, wie es dort passiert ist, ein großes Überangebot.

Was wollen Sie dann machen?
Synbiotic wird sich jetzt auf jeden Fall stark auf Marken fokussieren, denn sie bringen am Ende das Produkt zum Kunden. Wenn wir wissen wie Vertrieb und Abgabestellen aussehen, wollen wir versuchen die Kette schlechthin in Deutschland, ein Starbucks für die Abgabe von Cannabis-Produkten aufzubauen. Danach wollen wir in anderen Teilen der Lieferkette aktiver werden. Dann kommt irgendwann der Punkt, an dem unser Volumen so groß ist, dass es sich bestimmt lohnt in einen Anbauer zu investieren oder in unsere Gruppe holen. Wir verfolgen eine Buy & Build-Strategie, das heißt: Wir sprechen mit Unternehmen und fragen sie, ob sie sich in unsere Gruppe aufnehmen lassen und sich unserer Vision anschließen wollen. Wenn wir nichts Passendes finden, machen wir es selbst. Wir sind da superflexibel. Wir sind an der Börse und haben auch unsere Unternehmensanteile als Währung. Wer sich uns anschließt, ist voll investiert und profitiert auch von allen anderen Bereichen.

Was ist denn Ihre Vision?
Ich will auf Basis von Cannabinoiden Lösungen für die großen gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit bauen: Schlaf, Schmerz, Stress und Angst. Das sind Milliardenmärkte. Mit Cannabinoiden können wie sensationelle Lösungen bauen, die das, was es aktuell im Markt gibt, in den Schatten stellen. Ich war 2017 selbst medizinischer Cannabis-Patient und benutze CBD-Produkte für mein bronchiales Asthma. Synbiotic macht CBD aus Hanf, medizinisches Cannabis und Cannabis für den Freizeitgebrauch, wir schauen uns aber auch die Welt neben Hanf und Cannabis an. Cannabinoide kommen in kleinen Mengen auch in anderen Pflanzen vor, wie Hopfen, Kakao, Süßholzwurzel oder schwarzem Pfeffer. Mir geht es nicht um die Pflanze per se, sondern um das therapeutische Potential der Cannabinoide. Wir wollen nicht das größte Cannabis-Unternehmen oder das größte CBD-Unternehmen sein, sondern die größte Unternehmensgruppe für Cannabinoide.

Wie ist denn der Stand der Forschung bei Cannabinoiden und deren Wirksamkeit bei Schlaf, Schmerz, Stress oder Angst?
Es gibt erste Studien, die die Wirksamkeit belegen. Aber uns gehört zum Beispiel Hempamed, eine von Deutschlands größten CBD-Marken. Wir haben jeden Tag hunderte Kunden und bekommen jeden Tag tolle Nachrichten oder Anrufe von Menschen, deren Leben sich durch ein einfaches CBD-Öl komplett verändert. Sie haben weniger Schmerzen, können ein bisschen besser schlafen. Die Produkte sind sehr niedrig dosiert, was in Lebensmitteln erlaubt ist. Wenn CBD oder THC nichts bringen würden, würden die Menschen es ja gar nicht kaufen. Aber das ist genau wie medizinisches Cannabis noch ein sehr junges Thema.

Wird die Forschung durch die Legalisierung denn einfacher?
THC ist ein Betäubungsmittel und ein starkes Pharmazeutikum, deshalb ist es sehr schwierig damit zu forschen. Man braucht die Lizenzen, um damit umgehen zu dürfen. Allein ein Apotheker braucht einen Tresor, damit er ein bisschen Blüte lagern darf. Wenn Cannabis aus der Ecke der Pharmaqualität geholt wird, wird mit großer Sicherheit auch die Forschung vereinfacht und beschleunigt. Aber generell ist die Forschung ein zähes Thema in Deutschland, Synbiotic macht in diesem Bereich viel. Projekte laufen über Jahre, um belastbare Ergebnisse zu bekommen, und verschlingen dreistellige Millionenbeträge.

Der Kurs der Synbiotic-Aktie hat seit der Vorstellung des Koalitionsvertrags stark zugelegt. Viele Cannabis-Aktien etwa aus Nordamerika sind dagegen sehr weit weg von ihren alten Höchstständen. Wie schätzen Sie die Aktien ein?
Der Hype um Cannabis, der natürlich real ist, ist dort ein bisschen abgeflacht. In Deutschland darf sich nicht wiederholen, was dort passiert ist. Wir haben in Nordamerika einen großen Hype gesehen, dann kam aber eine große Flaute, auch weil die Unternehmen Ziele nicht eingehalten haben und weiterhin massive Verluste geschrieben werden. Synbiotic ist da ganz anders aufgestellt. Ich will eine Unternehmensgruppe aufbauen, die zeitnah profitabel ist, und nicht ständig Geld von außen braucht. Da hilft uns unsere Buy & Build-Strategie. Durch neue Unternehmen, die wir aufnehmen, haben wir mehr Umsätze und können Synergien heben. Ich wachse lieber langsamer, dafür aber planbar und konstant, statt großes Wachstum zu versprechen und das dann nicht liefern zu können. Aber es gilt in den nächsten Jahren abzuwägen, ob eher Profitabilität oder mehr Investitionen in Wachstum Sinn machen. Wir könnten Synbiotic ohne Probleme profitabel machen, aber das macht keinen Sinn, wenn der Markt jetzt noch einmal richtig anzieht. Und die Konkurrenz schläft natürlich nicht. Nächstes Jahr wird es mit sehr großer Sicherheit auch noch ein paar Börsengänge geben. Ich rate, sich diese Unternehmen vor einem Investment genau anzuschauen.

Die Legalisierung in Deutschland hat für die Aktien der nordamerikanischen Cannabis-Unternehmen also keine großen Auswirkungen?
Sie haben fast kein Geschäft in Deutschland, und der europäische Markt ist immer noch sehr klein. Klar verkaufen Tilray oder Aurora Cannabis ihre Produkte in Deutschland, das sind aber Medizinprodukte. Synbiotic strebt jetzt ein Listing in Kanada Anfang kommenden Jahres an. Wir wollen auch für Investoren in den USA und Kanada die Aktie sein, wenn man in den europäischen Cannabis-Aktienmarkt investieren will.

Folgen andere europäische Länder nun dem deutschen Beispiel bei der Legalisierung?
Wenn Deutschland zu einem guten Beispiel geworden ist, kann ich mir sehr gut vorstellen dass die anderen Länder sich anschließen werden. Ich würde es mir wünschen. Die Legalisierung in Deutschland wird aber schon eine echte Hausnummer. Die Infrastruktur aufzubauen, die Lieferkette, und wenn dann andere europäische Länder auch anfangen, haben wir richtig viel zu tun. Aber ich denke da haben wir noch ein paar Jahre Zeit. Aber wer weiß, die Legalisierung hier kam jetzt auch ganz schnell. Wir werden nächstes Jahr unsere Fusions- und Übernahme-Aktivitäten sehr stark ausweiten nach Europa, ich will mit jeder Firma, die in Europa nur irgendwas macht in diesem Segment Kontakt haben, weil Synbiotic ja eine europäische Plattform ist.

Denken Sie, dass der Eigenanbau künftig auch eine Rolle spielt?
Der wird auch mitdiskutiert. Eigentlich gehört es dazu, vielleicht so ähnlich wie in Spanien, wo man drei Pflanzen zu Hause haben darf. Das fände ich super. Dann würden Konsumenten natürlich weniger in Läden kaufen, weil einige dann toll zu Hause anbauen. Wir sind mit Synbiotic im gesamten Cannabis-Segment voll investiert. Ob wir versuchen, Deutschlands größte Kette für die Abgabestellen aufzubauen oder einen Onlineshop für Ausrüstung für den Eigenanbau übernehmen und versuchen dort einen Marktführer aufzubauen - Synbiotic ist dort überall aktiv. Uns geht es einfach darum, Menschen cannabinoidhaltige Produkte verfügbar zu machen.

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