Bei beiden Gelegenheiten gab es zwar nach Teilnehmerangaben deutliche Unzufriedenheit und Kritik an Kandidat und Wahlkampf: Aber der von einigen erwartete Aufstand blieb beide Male aus. Laschet hat Tag eins und Tag zwei nach dem historisch schlechten Wahlergebnis politisch überlebt. Und der gerade wiedergewählte Unions-Fraktionschef Ralph Brinkhaus stärkte ihn, indem er den CDU-Chef als "den geborenen Verhandler" bei Sondierungen für ein Jamaika-Bündnis bezeichnete und ihn auf eine Ebene mit CSU-Chef Markus Söder stellte.

Warum der Aufstand vorerst ausblieb, machte etwa Hamburgs konservativer CDU-Landeschef Christoph Ploß deutlich. "Wir müssen Schritt für Schritt vorgehen", sagte er. Die Option Machterhalt hat also derzeit für führende Unionspolitiker Vorrang - auch weil bei machtbewussten Unionisten ins Bewusstsein einsickert, dass es beim Gang in die Opposition nur noch einen attraktiven Posten zu besetzen gäbe: den des Fraktionsvorsitzenden im Bundestag. Also will man Jamaika zumindest sondieren. "Solange hat Laschet Bestandsschutz mit seinen guten Kontakten gerade in die FDP", heißt es bei mehreren CDU-Bundesvorstandsmitgliedern. Sollte tatsächlich noch ein "Zukunftsbündnis", wie Jamaika nun unions-intern heißt, zustande kommen, habe man ein neues Spiel.

ÜBERLEBENSKÜNSTLER ODER AGONIEVERLÄNGERUNG?


Dennoch gilt Laschet intern als Wackelkandidat. Denn der Frust und die Nervosität angesichts täglich neuer Umfragen über seine fehlende Popularität hinterlässt bei vielen CDU-Politikern ebenso Spuren wie Medien-Kommentare, dass er endlich aufgeben solle. "Die Lage ist einfach zu beschreiben: Überlebt Laschet die nächsten drei, vier Tage politischer Empörung, kommen die Sondierungen in Gang, hat er vielleicht noch eine Chance", meint ein CDU-Bundesvorstandsmitglied. Schafft er dies nicht, droht ihm der Absturz ins politische Nichts. Einen Rückzug nach Nordrhein-Westfalen hatte Laschet bereits vor der Wahl selbst ausgeschlossen. Am Montagabend verabredete die Spitze der NRW-CDU in Düsseldorf vielmehr, dass der Ministerpräsident bis zum Ende der kommenden Woche einen Nachfolger vorschlagen soll. Dann kann er auch nicht mehr aus der Position eines mächtigen Ministerpräsidenten heraus agieren. In Berlin werden ihm beim Gang der Union in die Opposition keine Chancen auf eine einflussreiche Position mehr eingeräumt.

Und dass er sich auf die Unterstützung der CSU nicht wirklich verlassen kann, machte CSU-Chef Markus Söder am Dienstag deutlich. Dieser vermied es selbst auf Nachfragen, von Verhandlungen an der Seite Laschets zu sprechen. Stattdessen orakelte CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt, "dass dies die Woche der Entscheidungen sei, personell wie inhaltlich".p>

INTERESSENÜBEREINSTIMUNG LASCHET - MIT GRÜNEN UND FDP


Hilfe bekommt Laschet nun ausgerechnet von FDP und Grünen. Ironischerweise gibt es seit der Wahl eine Interessenübereinstimmung: Laschet will seinen Kopf retten und der Union das Kanzleramt. Grüne und FDP wiederum hätten gegenüber der SPD eine wesentlich schlechtere Verhandlungsposition, wenn sie nicht auch mit CDU und CSU sondieren können. "Das schließt allerdings natürlich mit ein, dass die Parteien, mit denen man dann redet, überhaupt handlungs- und regierungsfähig sind", mahnte Grünen-Ko-Chef Robert Habeck Richtung CDU bereits am Montag.p>

Laschet will und muss deshalb Tempo machen: Der Jamaika-Joker ziehe als politischer Lebensretter für ihn nur, wenn es schnell eine glaubwürdige Option für Gespräche gibt, heißt es in der CDU. Auch sein engster Verbündeter, FDP-Chef Christian Lindner, so wird in beiden Parteien betont, brauche eine schnelle Klärung - sonst erscheint die Jamaika-Option nicht mehr als realistisch. Zumindest sprang die neuen Führung der CDU/CSU-Bundestagsfaktion Laschet am Dienstagabend bei: Sowohl Brinkhaus als auch Dobrindt signalisierten Gesprächsbereitschaft bereits in den kommenden Tagen. p>

TEMPO ODER AUFARBEITUNG?


Laschets Problem: Dennoch wollen viele in der Union gerade kein Tempo, sondern eher eine Erneuerung anstoßen. "Die besten Chancen Kanzler zu werden, hat derzeit Olaf Scholz", hatte auch Söder vor der Fraktionssitzung betont. Das Lager von Laschets konservativen Kritikern will ohnehin lieber in die Opposition. Schon blühen zudem wilde Gerüchte, ob nicht doch Söder die Sondierungen übernehmen und dann von der Seitenlinie aus Kanzler werden könnte. Und wie schon einige Male zuvor spielt der CSU-Chef eher mit einer Spekulation statt sie klar zu dementieren.p>

Ebbt der Rücktrittsdruck ab oder beschränkt er sich auf Personen aus der dritten Reihe, dann könnte es am Mittwoch oder Donnerstag eine Schalte des CDU-Präsidiums geben, die Eckpunkte für die Sondierungen festlegt. Viel Zeit bleibt Laschet jedenfalls nicht: Der FDP-Politiker Marco Buschmann hat bereits ein zeitliches Limit für das Wundenlecken der Union gesetzt: Bis Ende der Woche sollten alle Parteien "sprechfähig" sein.p>

rtr