KI- Unternehmen errichten Rechenzentren im Rekordtempo – und investieren hunderte Milliarden Dollar. Doch die Banken wollen kaum noch neue Kredite auf die eigenen Bücher nehmen – und reichen sie sofort weiter. Das erinnert an die Auswüchse vor der Finanzkrise.
Der KI-Hype besteht nicht nur aus Chips und Software, es geht auch um Beton, Stromanschlüsse und Kühlsysteme. Denn ohne den Bau von Rechenzentren gibt es keinen Platz für die teure KI-Technik – und ohne Geld von Banken und Private-Debt-Fonds keine Rechenzentren.
Doch viele Banken sind nicht mehr bereit, noch mehr Kredite für KI-Rechenzentren in ihre Bücher zu nehmen. Sie fürchten wachsende Klumpenrisiken. Dafür gibt es zwei Auswege: Entweder, die Banken verbriefen die Kredite und reichen sie an andere Investoren weiter. Oder es finden sich Finanziers außerhalb des Bankensektors im neu entstandenen Private-Debt-Markt.
Auf der Suche nach Geldquellen gehen die KI-Projektierer nun Wege, die gefährlich an die Auswüchse vor Ausbruch der Finanzkrise 2007/2008 erinnern: Laut Financial Times beantragen die Projekt-Entwickler von Rechenzentren inzwischen schon Kreditratings bei Ratingagenturen wie Moody’s oder Fitch, noch bevor die Anlagen überhaupt im Bau sind. Ihr Ziel: Sie wollen sich neue Geldquellen öffnen, um Hunderte Milliarden Dollar an KI-Investitionen zu stemmen.
Warum leihen sich die Betreiber nicht einfach Geld von den Banken?
Der Grund für das ungewöhnliche Vorgehen liegt darin, dass viele Banken nicht bereit sind, weitere KI-Kredite auf die eigenen Bücher zu nehmen, weil sie schon zig Milliarden an den Sektor verliehen haben und Klumpenrisiken fürchten. Hat das Projekt aber eine attraktive Bonitätsnote, können die Geldhäuser die Kredite verbriefen und in Portionen weiterreichen.
Interessenten dafür gibt es offenbar genug: Viele große Investoren, etwa Versicherungen, dürfen aber nur in Papiere investieren, die von den großen Ratingagenturen als solide genug eingestuft werden und ein Investment-Grade haben. Bei S&P und Fitch entspricht das einer Note von mindestens BBB-, bei Moody’s heißt die niedrigste Stufe für das Investment Grade Baa3.
Wenn ein Rechenzentrums-Projekt so eine Note bekommt, wird es plötzlich investierbar für einen viel größeren Kreis von Anlegern. Mit Rating können die Banken die unliebsamen KI-Kredite viel leichter an andere Investoren weiterreichen und so Platz in ihren eigenen Bilanzen schaffen.
Ratingagenturen kommen nicht hinterher
Laut dem Financial-Times-Bericht verzeichnet die Ratingagentur Fitch ein geradezu „astronomischem Wachstum“ bei den Anträgen auf Benotung von KI-Rechenzentrumsprojekten: Man habe in den vergangenen neun Monaten an mehr als 35 Ratings für die Branche gearbeitet. Besonders häufig sei es um private Deals mit durchschnittlich rund drei Milliarden Dollar Volumen gegangen.
Auffällig dabei: Viele der Projekte seien neue Anlagen, die dann von großen Cloud-Kunden, sogenannten „Hyperscalern“ wie Meta, Oracle oder anderen Tech-Giganten, angemietet werden. Die Namen der Mieter seien der eigentliche Grund, warum die Projekte so gut benotet würden. Ist ein Projekt durch langfristige Mietverträge mit Big Techs abgesichert, ist das aus Sicht der Ratingwelt ist das zentrale Sicherheitsnetz. Umgekehrt gilt: Die Projektbewertung ist nach oben durch die Kreditqualität des Mieters begrenzt.
Dafür nennt die FT ein aktuelles Beispiel: Bei Metas Hyperion-Rechenzentrum in Louisiana bekam das Kreditpaket über 27 Milliarden Dollar ein A+-Rating. Entscheidend waren dabei Vertragsklauseln, wonach Meta zum Teil schon Miete zahlt, selbst wenn sich der Bau verzögert. Außerdem erklärte sich der Facebook-Konzern bereit, zusätzliche Kosten zu übernehmen, falls das Projekt teurer wird als geplant.
Wie riskant sind KI-Projekte wirklich?
Trotzdem wachsen die Zweifel an der Finanzierbarkeit der Mega-KI-Projekte. Denn aus Sicht der Gläubiger gibt es ein großes Problem: Rechenzentren, die speziell für KI-Anwendungen gebaut werden, gelten als riskanter als klassische Cloud-Rechenzentren. Sie stehen oft in abgelegeneren Regionen, sind stark spezialisiert – und lassen sich nach Ende eines Vertrags nicht einfach „umwidmen“. Wenn eines Tages der bekannte Tech-Mieter abspringt oder seine Strategie ändert, kann es schwierig werden, Ersatz zu finden.
Erinnerungen an die Finanzkrise
Derweil treibt die Suche nach frischem Geld für die KI-Branche immer wildere Blüten. Neben den Banken hat sich in den USA ein zweiter Kreditmarkt gebildet, der laut Schätzungen schon zwei Billionen Dollar groß ist: Sogenannte Private Debt-Fonds sammeln Kapital von Investoren, darunter auch Privatanleger, ein und verleihen es dann, ähnlich wie eine Bank, an Firmen und Projektierer. Auch hier fließt ein großer Teil des Geldes in KI-Projekte.
Nun aber bekommen die ersten Investoren kalte Füße und fordern ihr Geld zurück. Doch das geht nicht – es wurde ja verliehen. Haben die Fondsanbieter dann nicht genügend Cash-Reserven für solche Auszahlungen gebildet, kommt es zum Eklat: Der Fonds muss seine Auszahlungen einstellen – mit der Folge, dass noch mehr Anleger skeptisch werden und Geld zurückfordern.
Blue Owl und Blackrock
So geschehen bereits bei Blue Owl Capital, einem der größten Emittenten solcher Private Debt Fonds. Blue Owl griff sogar zu Notverkäufen von Kreditportfolios, um wieder flüssig zu werden. Seit dem ersten Bekanntwerden der Schwierigkeiten im Dezember verlor die Aktie bereits 16 Prozent.
Aber auch Branchengrößen wie Blackrock witterten in dem neuen Markt ein tolles Geschäft – und laufen nun in dieselben Probleme hinein: Am vergangenen Freitag kündigte der weltweit größte Vermögensverwalter Blackrock an, die Auszahlungen aus einem seiner größten Private Credit Fonds zu begrenzen. Das US-Unternehmen reagiert damit auf eine steigende Zahl von Rücknahmeanträgen der Investoren. Die Anleger reagierten geradezu panisch, die Blackrock-Aktie fiel um zehn Prozent.
Noch ist unklar, ob einfach nur liquide Mittel fehlen oder ob sich Ratingagenturen und Private Debt Fonds möglicherweise auch beim Ausfallrisiko verschätzt haben.
Das wäre dann eine weitere Parallele zur Finanzkrise – und dann hätte der Markt noch ganz andere Probleme.
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Häufige Fragen und Antworten zum Thema
Warum vergeben viele US-Banken keine KI-Kredite mehr?
Angesichts der Summen, die in den KI-Sektor fließen, machen Darlehen für den Bau von KI-Rechenzentren bereits einen beträchtlichen Teil in vielen Bilanzen US-amerikanischer Banken aus. Um weitere Klumpenrisiken zu vermeiden, lehnen sie neue Kredite ab oder verbriefen diese und reichen sie auf diese Art weiter, um sie nicht in die eigenen Büche nehmen zu müssen.
Wer baut die KI-Rechenzentren?
Auch wenn in der öffentlichen Wahrnehmung oft von „den“ Investitionen der Hyperscaler die Rede ist, so kaufen viele von Ihnen zwar die KI-Chips direkt ein, mieten jedoch die Gebäude, in denen diese installiert werden, an. Dadurch geben Sie das Betriebsrisiko für Bau, Stromanschluss und andere Gebäudekomponenten ab. Denn Google Microsoft & Co. wollen nicht auch noch zu Immobilienverwaltern mutieren.
Was sind Private-Debt-Fonds?
Private-Debt-Fonds agieren außerhalb des regulierten Bankensektors, vergeben aber dennoch Kredite. Das Geld dafür sammeln sie von institutionellen und auch Privatanlegern ein, die sich bei diesen Geschäften höhere Renditen erhoffen als aus normalen Spareinlagen oder etwa Anleihen. Die Fonds können in der Regel höhere Zinsen verlangen, weil viele ihrer Kreditkunden bei Banken bereits abgeblitzt sind. Ob die Fonds bei der Vergabe der Gelder ähnlich strenge Kriterien anlegen wie die Banken, wird von vielen Beobachtern bezweifelt, wodurch sich das Risiko erhöht. Der Private-Debt-Markt wird auf rund zwei Billionen Dollar geschätzt.