Deshalb plane TUI weiter mit 80 Prozent der Vorkrisenkapazität in den saisonstarken Monaten Juli bis September. Voraussetzung dafür ist, dass in Europa eine kritische Masse der Bevölkerung gegen das Virus geimpft ist und Schnelltests eingesetzt werden. Dann könnten die zum Gesundheitsschutz verhängten Reiserestriktionen fallen. Sollte das optimistische Szenario eintreten, käme TUI auch mit seinem vorwiegend vom deutschen Steuerzahler finanzierten Rettungspaket vorerst über die Runden. "Wir haben jetzt 2,1 Milliarden Euro Cash - das sollte genug sein bis zum Sommer", sagte Joussen. "Wir sind in einer sehr guten Position."

"Markt und Kunden sind in den Startlöchern, die Nachfrage ist da", sagte der TUI-Chef. Hoffnung machen Joussen nach einem verheerenden Corona-Jahr mit Milliardenverlusten die Buchungszahlen. Stand jetzt gäbe es 2,8 Millionen Buchungen, gut die Hälfte davon aus dem wichtigsten Markt Großbritannien. Das entspreche 56 Prozent des Buchungsstands zum selben Zeitpunkt im Vorkrisenjahr 2019. Damit seien 30 Prozent der geplanten Sommerkapazität abgedeckt. Die Sommersaison könne vom zügigen Impfverlauf am wichtigen Markt Großbritannien profitieren. Die Kunden buchten weiterhin wegen der Quarantäne- und Reiseauflagen kurzfristig und daher später als üblich. In Deutschland laufe das Geschäft noch verhalten. Es komme auch darauf an, dass es nicht wieder massenhaft zu Stornierungen kommt wie im vergangenen Jahr, sagte Joussen. Im Sommer 2020 verkaufte TUI nur 25 Prozent der Vorkrisenkapazität.

TUI baut darauf, dass bis zum Sommer nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Europa die Impfkampagnen erfolgreich sind. Ziel der Politik ist es nach Einschätzung Joussens nicht, bis zum Ausrotten des Virus die Schotten dicht zu halten, sondern Risikogruppen in der Bevölkerung zu schützen und die Gesundheitssysteme vor Überlastung zu bewahren. Großbritannien würde das schon Mitte März trotz der besorgniserregenden Virusmutationen erreichen, erwartet Joussen, der Rest Europas folge etwas später.

Derzeit herrscht aber auch in Großbritannien noch Alarmstufe Rot in der Pandemie. Die Regierung rät davon ab, Sommerreisen zu buchen und verschärft die Testpflicht für Einreisende. Eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Dynata ergab, dass sich die Briten auch nach Abklingen der Corona-Krise mit einer Flugreise Zeit lassen könnten. Nach Reuters vorliegenden Rohdaten der Umfrage planen mehr als die Hälfte der Bürger keine Flüge innerhalb eines halben Jahres, sobald die Regierung mit Blick auf die Corona-Lage Entwarnung geben würde.

Für Deutschland geht der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung, Thomas Bareiß, ähnlich wie TUI von mehr Reisefreiheit in einigen Monaten aus. "Ich glaube aber, dass im Sommer schon ein Boom entstehen wird", sagte er kürzlich im Interview mit Reuters. Mit Impfungen und Schnelltests könne Reisen schrittweise wieder möglich werden.

ERNEUT HOHER QUARTALSVERLUST


Die Corona-Krise hält TUI tief in der Verlustzone. Im ersten Quartal seines Geschäftsjahres 2020/21 machte der mit rund 4,3 Milliarden Euro staatlicher Finanzhilfen gestützte Reiseriese gerade noch 468 Millionen Euro Umsatz - im Vergleich zu 3,85 Milliarden Euro im Vorjahreszeitraum. Im saisonal ohnehin schwachen Vierteljahr von Oktober bis Dezember fiel ein operativer Verlust von fast 699 Millionen Euro an nach 147 Millionen Euro vor Jahresfrist.

TUI stemmte sich mit Kostensenkungen, vor allem durch Personalabbau, gegen die schwere Krise. So wurden schon 5000 der geplanten 8000 Vollzeitstellen der fest Angestellten abgebaut. Da viele Saisonkräfte nicht angeheuert wurden, lag die Mitarbeiterzahl des Konzerns Ende 2020 mit 37.000 gut ein Drittel unter Vorjahr. Zuletzt seien nur noch 300 Millionen Euro Liquidität pro Monat abgeflossen nach zuvor bis zu 450 Millionen Euro. Analysten von Jefferies schätzen, dass der Reisekonzern jetzt für rund sieben Monate durchfinanziert ist, wenn es nicht wieder zu hohen Erstattungen aufgrund von Stornos kommt.

rtr