Kurz vor Ladenschluss um 20 Uhr ist bei Costco im texanischen Katy nahe Houston vieles ausverkauft. Kaum Backwaren und Fleisch liegen noch in den Theken. Am Imbiss hinter den Kassen, wo Kunden für 1,50 Dollar einen Hotdog samt Pepsi oder ein großes Stück Pizza für 1,99 Dollar bekommen, sind die Glasvitrinen leer gefegt.

Tagsüber stürmen Familien den Discounter. Sie tanken, kaufen Kleidung, Sonnenbrillen, Eier, Grillhähnchen - in gigantischen Mengen zu meist unschlagbaren Preisen in einer riesigen Industriehalle. Costco meldete zuletzt regelmäßig Ergebnisrekorde. Im Dezember stieg der Umsatz um 16 Prozent auf 22,2 Milliarden Dollar. Auf bestehender Fläche, also ohne Neueröffnungen, erhöhte sich der US-Umsatz um 11,5 Prozent, in Kanada gar um 13,6 Prozent.

Trotz der Pandemie brummt das Geschäft bei vielen Einzelhändlern. Laut einer Analyse des Kreditkartenkonzerns Mastercard setzte die US-Branche zwischen November und dem 24. Dezember 8,5 Prozent mehr um - Autos mal ausgeklammert. Die Online-Umsätze stiegen sogar um elf Prozent. Es war eine Rekord-Weihnachtssaison, Verbraucher füllten ihre Einkaufswagen mit Geschenken und Gadgets wie nie zuvor. Weil sie wegen der Pandemie nicht pendeln und reisen konnten, auf Konzert-, Bar- und Restaurantbesuche verzichteten, hatten sie mehr Geld.

"Käufer sicherten sich ihre Geschenke vor dem Ansturm, da bekannt war, dass es Lieferketten- und Arbeitskräfteprobleme gab. Das trieb die Verbraucher in Scharen ins Internet und in die Läden", kommentiert Mastercard- Chefberater Steve Sadove, der früher den Luxusmodehändler Saks leitete. "Die Verbraucher haben die ganze Saison über viel Geld ausgegeben, wobei Bekleidungs- und Kaufhäuser besonders stark wuchsen."

Mode verkauft sich erstklassig

Um erstaunliche 47 Prozent erhöhten sich die Modeausgaben in der Weihnachtszeit. Das US-Bekleidungshaus American Eagle Outfitters will nach den starken Feiertagsverkäufen im Geschäftsjahr 2021/22, das im Januar endet, ein Betriebsergebnis von 600 Millionen Dollar eintüten. Chef Jay Schottenstein hatte eigentlich nur 5,5 Milliarden Dollar Umsatz und eine operative Marge von zehn Prozent für 2023 angepeilt, nun sind es 5,8 Milliarden beziehungsweise 13,5 Prozent Marge. Schottenstein will tiefer in Schlüsselmärkte expandieren, den Kundenstamm vergrößern. 1.076 Läden betreibt die Gruppe aus Pittsburgh, die Website deckt 81 Länder ab. "Wenn ich nach vorne blicke, sehe ich ein enormes Wachstumspotenzial und Chancen im gesamten Unternehmen", freut sich der Chef.

Auch bei Finanzexperten findet die Branche Zuspruch. Defensive Aktien, die während eines Abschwungs besser abschneiden und während inflationärer Phasen solide Renditen erzielen, empfiehlt etwa Cowen-Analyst Oliver Chen. Dazu zählen auch Titel aus dem Bereich Retail. Ein Trend im Jahr 2022 laut Chen ist das Thema schnellere Lieferung. "Wir sehen neue Erfordernisse für Nachhaltigkeit sowie für die Effizienz der Lieferketten", sagt er. Costco und American Eagle gehören zu seinen Favoriten für das laufende Jahr. Beide Unternehmen haben jüngst Logistikfirmen übernommen, um ihre Lieferketten zu verbessern. Darüber hinaus verwende American Eagle "grüne Chemie", um gefährliche Substanzen in der Modeherstellung zu reduzieren, lobt der Analyst. Anleger sollten überdies nach Unternehmen Ausschau halten, die sich auf Kundenerlebnis- und Treueprogramme konzentrieren, so Chen.

Walmart bastelt am Token

Zu den zukunftsorientierten Konzernen, die Daten und künstliche Intelligenz nutzen, um Kunden mit gezielten Angeboten anzusprechen, gehören vor allem die Branchenriesen. Walmart, der weltgrößte Einzelhändler, arbeitet offenbar seit Monaten an einem geheimnisumwitterten Projekt. Still und leise entwickelt der Riese eine eigene Kryptowährung sowie digitale Tokens, sogenannte NFTs, also digitale Produkte. So lassen sich jedenfalls Patentanmeldungen interpretieren, die Ende Dezember eingereicht wurden, meldete der Börsensender CNBC. Die globale Nummer 1 will virtuelle Güter anbieten, die Shopper mit Datenbrille dann im Metaverse einkaufen können, vermuten Kenner.

Künftig könnten so noch mehr Produkte nach dem Online-Einkauf ins reale Zuhause geliefert werden. Walmart kündigte unlängst an, seinen Zustellservice stark auszubauen. Bis Jahresende soll die Zahl der potenziell belieferten Haushalte von sechs auf 30 Millionen steigen. Chef Doug McMillon will bis Jahresende mehr als 3.000 zusätzliche Fahrer einstellen, die Flotte soll zu 100 Prozent aus vollelektrischen Lieferwagen bestehen. "Unser Ziel ist es, Wege zu finden, wie wir unseren Kunden helfen können, Zeit und Geld zu sparen. Nichts zeigt dies besser als die InHome-Lieferung", sagt Tom Ward, ranghoher Manager bei Walmart US.

Direkt in den Kühlschrank

Die 2019 eingeführte InHome-Delivery hat schon jetzt eine neue Dimension des Lieferdienstes eröffnet. Mitarbeiter bringen frische Lebensmittel auf Wunsch in die Küche oder stellen sie gar in den Kühlschrank der Kunden. Bestellt wird über die Walmart-App. Bei der Ankunft verwendet der Mitarbeiter einen einmaligen Code, um Tür oder Garage zu entriegeln, die mit intelligenter Zugangstechnologie gekoppelt ist. Die App benachrichtigt den Kunden bei jedem Schritt. Eine Kamera, die an der Weste der Mitarbeiter getragen wird, zeichnet die gesamte Lieferung auf. Kunden können bis zu einer Woche nach der Lieferung von ihrem Telefon aus auf die Daten zugreifen.

Wer in der Branche die Signale des Aufbruchs hingegen verschläft, bekommt Ärger. Vor einem Jahr attackierten aktivistische Hedgefonds den US-Händler Kohl’s. 9,5 Prozent der Aktien hatte ein Konsortium gekauft und neun von zwölf Sitzen im Verwaltungsrat verlangt. Die Aktivisten forderten zudem eine Strategie, den Umsatz deutlich auszuweiten. Mit gutem Grund. Seit über einer Dekade verliert das Kaufhaus Marktanteile an Discounter und Online- Retailer. Der in die Enge gedrängte Konzern erhöhte zunächst die Zahl der Kunden durch eine Kooperation mit Amazon. Dessen Kunden können bestellte Ware in Kohl’s über 1.100 US-Niederlassungen bequem kostenlos zurückschicken. Zudem vermietete Kohl’s Flächen neben den Kaufhäusern an vielbesuchte Filialisten wie Aldi oder Planet Fitness. Auch im Management hat sich was getan. Auf Druck der Hedgefonds holte Kohl’s die ehemalige Lululemon- Chefin Christine Day ins Aufsichtsgremium. Die nächste Attacke der Hedgefonds läuft bereits. Die jüngste Forderung: Mehr Action und Umsatz - oder einen Verkaufsplan für den Konzern.

 


INVESTOR-INFO

WALMART

Handel im Metaverse

Chef Doug McMillon baute die Lagerbestände frühzeitig aus, um für das wichtige Weihnachtsgeschäft trotz Lieferengp ssen gerüstet zu sein. Er hatte Anfang des Jahres Schiffe gechartert, um Ware zu bekommen. Walmart hob die Umsatz- und Gewinnziele nach einem guten dritten Quartal an. Die weltweite Nummer 1 arbeitet intensiv an einer Präsenz im Metaverse und baut den Heimlieferdienst stark aus. Kernige Aktienrückkäufe und Dividenden. Die Aktie hat noch Potenzial.

Empfehlung: Kaufen
Kursziel: 145,00 Euro
Stoppkurs: 109,00 Euro

COSTCO

Club zum Sparen

Weltweit hat Costco 828 Warenhäuser, 572 Filialen davon stehen in den USA. Das Geschäftsmodell ist speziell: Rein darf, wer eine Clubkarte hat. Die Jahresgebühr kostet 60 Dollar je Familie. Costco hat 113 Millionen Mitglieder. Die Clubgebühr spült etwa vier Milliarden Dollar jährlich in die Kasse. Die Mega-Filialen ziehen Menschen wegen der günstigen Preise an. Erfolgreich, aber die Aktie ist schon hoch bewertet. Halten.

Empfehlung: Beobachten
Kursziel: 480,00 Euro
Stoppkurs: 370,00 Euro

KOHL’S

Aktivisten schieben an

Mehrere Hedgefonds fordern einen Umbau. Der Druck der Aktivisten beginnt zu wirken: Im dritten Quartal stieg der Umsatz um 15 Prozent, es sprang ein Rekordergebnis von 243 Millionen Dollar heraus. Die Kaufhauskette ist im Vergleich zu Wettbewerbern sehr günstig bewertet, die Aktie wird mit dem 1,5-fachen Buchwert gehandelt. Spekulation auf einen Nachzügler.

Empfehlung: Kaufen
Kursziel: 53,00 Euro
Stoppkurs: 37,00 Euro