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Virus-Einschränkungen bis nach Ostern - Spahn fordert Konsequenz

Virus-Einschränkungen bis nach Ostern - Spahn fordert Konsequenz
27.03.2020 06:15:35

Die drastischen Einschränkungen des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft zur Eindämmung des Coronavirus werden womöglich noch mindestens zwei Wochen andauern. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagte am Donnerstag, erst nach Ostern könne über eine Lockerung gesprochen werden. Vorher müsse eine Verlangsamung der Virus-Ausbreitung gelingen.

"Wir können dann nach Ostern möglicherweise über eine Veränderung reden, wenn wir bis Ostern alle miteinander konsequent sind", sagte der CDU-Politiker. Statistiker kommen zu der Einschätzung, dass sich die Zuwachsrate bereits verlangsamt hat. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul rechnet mit einer Normalisierung nur in vorsichtigen Schritten, etwa indem bei Jüngeren angefangen werde. Dies empfiehlt auch der Virologe Christian Drosten.

"Eine Exit-Strategie kann man aus meiner Sicht erst dann angehen, wenn man dieses schnelle und aggressive Verbreiten des Virus im Griff hat", erklärte Bundesinnenminister Horst Seehofer per Twitter. Spahn räumte ein, dass die Bürger die stärksten Einschnitte in die bürgerlichen Freiheitsrechte in der Geschichte der Bundesrepublik erlebten. "Aber noch ist das die Ruhe vor dem Sturm. Keiner kann genau sagen, was in den nächsten Wochen kommt." Daher sei es wichtig, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und die Behandlungskapazitäten in den Krankenhäusern zu erhöhen. Nach Ostern werde es Gespräche der Bundesregierung mit den Ministerpräsidenten geben, wo man stehe.

Spahn will dann auch über die Ortung von Handydaten zur Bekämpfung von Infektionen sprechen. "Diese gesellschaftliche Debatte braucht es aus meiner Sicht." Eine entsprechende gesetzliche Verpflichtung zur Datenherausgabe durch die Telefonanbieter hatte Spahn jüngst kurzfristig wieder aus einem Gesetzentwurf gestrichen. Bis zur Entwicklung eines Impfstoffs und eines Medikaments zur Behandlung gelte es, Kontaktpersonen von Infizierten "sehr, sehr schnell" nachzuvollziehen und diese unter Quarantäne zu stellen. Dieses per Hand zu machen, stoße bei wachsenden Zahlen in den Gesundheitsämtern an Kapazitätsgrenzen: "Ohne Kontaktnachverfolgung wird es nicht gehen."

STATISTIKER: EINDÄMMUNGSMASSNAHMEN GREIFEN


Die vor rund zwei Wochen verfügten ersten Einschränkungen des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens haben nach Einschätzung von Statistikern die Ausbreitung des Coronavirus deutlich verlangsamt. Der durchschnittliche Zuwachs der Anzahl der bestätigten Infektionen habe sich ab dem 20. März auf 14 Prozent von zuvor 27 Prozent verringert, heißt es in einer Modellrechnung der Universitäten Regensburg und Mainz. "Die gravierenden Eindämmungsmaßnahmen haben die Wachstumsraten der Infektionsfälle offenbar bereits stark gedämpft", sagte Enzo Weber von der Universität Regensburg zu Reuters. "Zunahmen von 14 Prozent pro Tag sind aber noch keine Entwarnung."

Die vom Robert-Koch-Institut veröffentlichten Zahlen entsprechen indes einem Anstieg um 15,7 Prozent von Dienstag auf Mittwoch. Mit Stand 00.00 Uhr am Donnerstag waren beim RKI 36.508 bestätigte Infektionen registriert. Das seien 4954 mehr gewesen als tags zuvor. Neue Fälle in Hamburg seien dabei nicht berücksichtigt, weil keine Daten übermittelt worden seien.

Aus Sicht des RKI-Präsidenten Lothar Wieler ist noch keine gesicherte Aussage möglich, ob sich die Ausbreitung des Virus verlangsamt hat. Es gebe große regionale Unterschiede. Manche Städte mit einem "großen Ausbruchsgeschehen" hätten dies unter Kontrolle gebracht. "Wir sind alle gefordert mitzumachen, die Epidemie zu kämpfen", sagte Wieler beim Presseauftritt mit Spahn. "Dazu gehört, dass wir Abstand halten."

VIROLOGE DROSTEN: "NATÜRLICH MUSS MAN DA RAUS"


Der Virologe Drosten empfiehlt eine stufenweise Aufhebung der Einschränkungen zu einem geeigneten Zeitpunkt. "Natürlich muss man da raus", sagte der Experte der Berliner Charite, ohne einen konkreten Zeitpunkt zu nennen. Es müsse geklärt werden, wo und für wen dies zuerst gelten solle. Hier sei die Wissenschaft gefragt, es brauche Modellvorhersagen. Risikogruppen wie ältere Menschen einfach zu isolieren, funktioniere aber nicht. Es sei zu hoffen, dass der Trend mit immer mehr neuen Fällen jeden Tag langsam abgemildert oder gebrochen werden könne. Das könne womöglich in den nächsten Tagen in den Zahlen ablesbar sein.

"Ich bin sehr sicher, egal wann auch immer die Normalisierung wieder beginnt, wird sie nicht auf einen Schlag mit einem Punkt sein", sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Reul (CDU). Man werde sicherlich stufenweise vorgehen.

rtr

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Bildquelle: Hannibal Hanschke/Reuters

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