Mit umfangreichen Maßnahmenpaketen versuchen Notenbanken, Aufsicht und Regierungen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise in den Griff zu bekommen. "Wir tun alles, um unsere Wirtschaft und die Unternehmen zu stützen", sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier gegenüber €uro am Sonntag. "Dabei kommen wir von einer guten Ausgangssituation, die Staatskassen sind gefüllt" (siehe Interview unten). Zusammen mit Finanzminister Olaf Scholz wollte Altmaier am Freitag die Hilfen für Unternehmen erläutern (nach Redaktionsschluss). Laut Altmaier leiden vor allem Firmen aus dem Bereich Veranstaltungen, Messen und Reisen. "Hier gibt es auch keine Nachholeffekte." Am Freitag beschloss der Bundestag unter anderem Erleichterungen für Kurzarbeit. Die Bundesregierung hat außerdem den von der Coronavirus-Pandemie betroffenen Unternehmen unbegrenzte Hilfen zugesagt - Kreditgarantien etwa durch die staatliche Förderbank KfW, aber auch steuerliche Hilfen. Ergänzt werden könne dies durch ein Konjunkturprogramm, außerdem seien staatliche Beteiligungen an Unternehmen möglich.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte bereits am Donnerstag Liquiditätshilfen und weitere Anleihekäufe von 120 Milliarden Euro beschlossen, die Leitzinsen aber unverändert belassen - den Schlüsselzins bei 0,0 Prozent und den Einlagensatz bei minus 0,5 Prozent.

Der Markt, der durch das überraschende US-Einreiseverbot für Europäer ohnehin schon stark unter Druck war, reagierte mit einem Kurseinbruch. Am Ende verlor der DAX 12,2 Prozent auf 9161 Punkte, es war der zweitgrößte Tagesverlust in der Geschichte des Leitindex.

Laut Ifo-Präsident Clemens Fuest gehen die EZB-Beschlüsse in die richtige Richtung. Sie sollten vor allem Liquiditätsproblemen bei Banken und kleinen und mittleren Unternehmen entgegenwirken. Dazu trügen sowohl die zusätzlichen Anleihekäufe mit Fokus auf Unternehmensanleihen, aber auch die Erleichterungen bei der Banken-Refinanzierung bei. Weitere Zinssenkungen hätten dagegen angesichts der bereits bestehenden Negativzinsen wenig bewirkt. Deutsche-Bank-Ökonom Stefan Schneider sagte, die EZB habe "derzeit realistischerweise auch nicht mehr leisten können". Lagarde wiederum verwies darauf, dass sie nun insbesondere die Fiskalpolitik in der Pflicht sieht. Wegen der Virus-Pandemie hatten andere große Zentralbanken wie die Fed oder die Bank of England ihre Zinsen bereits gesenkt. Auch Lagarde schloss weitere Zinssenkungen nicht aus. Die EZB senkte gleichzeitig ihre Wachstumsprognosen. Das Bruttoinlandsprodukt in der Eurozone soll 2020 nur noch um 0,8 Prozent zulegen (im Dezember noch 1,1 Prozent).

Banken unter Druck


Besonders stark unter Druck gerieten nach der EZB-Sitzung die Bankwerte. Der europäische Bankenindex Euro Stoxx Banks brach um 16 Prozent ein. Die Deutsche Bank verlor über 18 Prozent auf 4,87 Euro und unterschritt erstmals die Fünf-Euro-Marke, Commerzbank ein Fünftel auf 3,12 Euro. Beide Häuser sind sehr stark im Firmenkundengeschäft engagiert. Die Banken wiederum betonten, dass sie von dieser Seite derzeit wenig Störfeuer erwarteten. Deutsche-Bank-Financhef James von Moltke bekräftigte im "Handelsblatt" die Jahresziele der Bank. Er sehe keinen Grund, sie zu revidieren, "wenn sich die Wirtschaft nach einem scharfen Einbruch wieder erholt". Vorstandschef Christian Sewing betonte in einem Mitarbeiterbrief die Stabilität der Bank. "Wir haben eine starke Kapital- und Liquiditätsbasis und eine hohe Qualität im Kreditbuch." Die Bank sei "besser als vor einem Jahr für eine schwierige Phase an den Märkten aufgestellt".

Unterdessen ist das Ökonomen-Barometer von €uro am Sonntag im März auf den niedrigsten Stand seit der Finanzkrise 2008/2010 gesunken. Der Barometerwert brach um 17,9 Prozent auf 38,5 (Vormonat: 46,9) Punkte ein. Die Prognose stürzte sogar um 14,2 Punkte oder ein Drittel auf 28,7 (Vormonat: 42,9) Punkte ab. Sowohl absolut als auch relativ ist das einer der größten Rückgänge. Nur im August 2014 gab es mit 15,1 Punkten einen größeren monatlichen Rückgang der Prognose.

Zwei Drittel der Befragten rechnen mit wirtschaftlichen Folgen mindestens bis ins zweite Halbjahr 2020. Zwei Drittel der Ökonomen halten wirtschaftspolitische Maßnahmen der Regierung für erforderlich, 28 Prozent sehen dies nicht so. 42 Prozent sind für ein Konjunkturprogramm, 30 Prozent für eine Lockerung der Schuldenbremse. Für EZB-Zinssenkungen sind dagegen nur 15 Prozent.

Die Corona-Krise werde mit wirtschaftlichen Einbußen einhergehen, aber ein vorübergehendes Phänomen bleiben, so die überwiegende Meinung (Prof. Bernd Genser, Uni Konstanz, und Prof. Horst Schellhaaß, Uni Köln). Daniel Hartmann, Chefvolkswirt bei Bantleon, rechnet mit einem deutlichen Anziehen der Konjunktur im zweiten Halbjahr, wenn die Gegenmaßnahmen griffen.


Peter Altmaier im Interview: "Wir sind auf alles vorbereitet"


Der deutsche Wirtschaftsminister über die Auswirkungen der Corona-Krise. Von Sabine Gusbeth

€URO AM SONNTAG: Herr Altmaier, die deutsche Wirtschaft ist aufgrund internationaler Lieferketten und hoher Exportabhängigkeit stark von der Corona-Krise betroffen. Droht Deutschland eine Rezession?
Peter Altmaier: Im Januar sind wir noch von einem verhaltenen Wachstum von 1,1 Prozent ausgegangen. Die Corona-Krise wird sich sicherlich auch auf unser Wachstum auswirken. Mein Ziel ist es, die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten. Aufgrund der vielen Unsicherheiten über den weiteren Verlauf will ich aber derzeit nicht spekulieren.

Welche Maßnahmen plant die Bundesregierung, um Folgen abzumildern?
Ich habe einen Dreistufenplan vorgelegt. In der ersten Stufe können wir die bereits bestehenden Liquiditätshilfen und andere Instrumente wie das Kurzarbeitergeld nutzen. In der zweiten Stufe können wir diese Instrumente ausweiten. Mit dem Kurzarbeitergeld haben wir das bereits getan. Und wir werden auch unsere Programme für Liquiditätshilfen weiter ausweiten. In einer dritten Stufe, wenn sich die Lage für die Wirtschaft deutlich verschlimmern würde, können weitere Maßnahmen eingeleitet werden, die auch konjunkturell wirken. Hier haben wir etwa in der Finanzkrise Erfahrungen gemacht. Wir sind auf alles vorbereitet und können kurzfristig handeln, soweit es jeweils notwendig ist.

Ist dabei auch die vorgezogene Abschaffung des Solidaritätszuschlags oder die Abkehr von der schwarzen Null denkbar?
Wir haben verschiedene Instrumente, die je nach Bedarf zielgerichtet eingesetzt werden können. Hierüber sprechen wir in der Bundesregierung. Wir werden alles tun, damit wir unsere Unternehmen und unsere Wirtschaft unterstützen und die Arbeitsplätze erhalten. Wir kommen dabei von einer guten Ausgangssituation, die Staatskassen sind gefüllt.