Immerhin hat sich die Bundesregierung bis Jahresende 23 Millionen Schnelltests gesichert. Von Januar bis März sollen weitere 60 Millionen dazu kommen, von April bis Juni 40 Millionen - und das nur auf Bundesseite. Angesichts der steigenden Nachfrage will das Bundeswirtschaftsministerium mit 200 Millionen Euro auch den Aufbau einer inländischen Produktion fördern. Das beflügelt die Fantasien, dass Schnelltests mehr Schutz und vor allem wieder mehr Freiraum für Aktivitäten mitten in der Corona-Krise bieten könnten.

In der Mitte Oktober verabschiedeten neuen Teststrategie nehmen die sogenannten Antigen-Tests tatsächlich einen größeren Raum ein: Sie sollen die bisherigen PCR-Tests ergänzen - und teilweise ersetzen. Denn sie haben vor allem zwei Vorteile: Sie sind billiger und liefern schnelle Ergebnisse, weil für die Auswertung keine Labore benötigt werden. Das kann auch die Labore entlasten, die zwar gut verdienen, aber klagen, dass sie am Rande ihrer Testkapazitäten fahren. Und die Berliner Charité hatte Mitte November bei einem halben Dutzend Antigentests eine Quote von 88,24 bis 100 Prozent für die richtige Analyse von Corona-Infektionen festgestellt.

Deshalb werden sie schon jetzt in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen eingesetzt. Das soll schrittweise weiter ausgebaut werden, um sicherzustellen, dass kein Virus mehr in die Einrichtungen mit besonders gefährdeten Gruppen gelangen kann. Der Bund will ab Dezember jedem Pflegebedürftigen zudem 30 Schnelltests pro Monat bereitstellen - die Länder hatten sogar 40 gefordert. In dem am Mittwoch beschlossenen Bund-Länder-Papier ist nun auch ein Einsatz in Schulen vorgesehen, um die Quarantäne von Schülern und Lehrern mit Negativtest am fünften Tag abkürzen zu können. Unklar ist dabei nur noch, wer dafür zahlen soll. Denn Länder und Kommunen sind für die Schulen zuständig - schieben in der Corona-Krise aber gerne jede finanzielle Verantwortung nach Berlin ab.

PERSONALNOT BREMST FANTASIEN ÜBER MASSENEINSATZ


Und der Druck für einen wesentlich breiteren Einsatz wächst: Der Berliner Virologe Christian Drosten fordert jetzt, Schnelltests bei Hausärzten auch bei leichten Erkältungs-Symptomen einzusetzen. Fluggesellschaften wie Austria Airlines oder die Lufthansa setzen auf einigen Strecken Antigen-Tests ein und lassen nur negativ getestete Passagiere in die Flugzeuge einsteigen. Sport- und Kulturveranstalter drängen im Hintergrund, dass man solche Tests nutzen könnte, um wieder größere Veranstaltungen zuzulassen. Dies scheitert aber bisher sowohl am Preis als auch daran, dass Abstriche im hinteren Rachen immer von medizinischem Personal vorgenommen werden müssen, um verlässliche Testergebnisse zu erhalten.

Das bremst die Fantasien über einen Masseneinsatz dann doch - auch bei der Bundesregierung. Berlin will den Weg wie in einigen anderen EU-Staaten partout nicht mitgehen, die wie die Slowakei ihre gesamte Bevölkerung an einem Stichtag durchtesten lassen wollen. Österreich plant vom 04. bis 06. Dezember freiwillige Massentests in Tirol und Vorarlberg. In Südtirol erhoffen sich die Behörden von einem - allerdings freiwilligen - Massentest Fortschritte im Anti-Corona-Kampf wie nach einem vierwöchigen Lockdown. Immerhin würde ein flächendeckender Scan der Bevölkerung helfen, um Klarheit über die Dunkelziffer an Infektionen zu bekommen, die der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, auf den Faktor vier bis Fünf gegenüber den offiziellen Statistiken schätzt.

Das Bundesgesundheitsministerium bremst aber nicht nur, weil Virologen einwenden, dass dies sehr viel Personal binden würde und die Tests ohnehin nur eine Momentaufnahme seien - schon eine Stunde nach dem Test könnten sich Menschen wieder angesteckt haben. Bei einer Bevölkerung von mehr als 83 Millionen Menschen bräuchte man auch riesige Mengen an Antigen-Tests, die derzeit gar nicht aufzutreiben wären. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) kündigte am Donnerstag in der ARD nun aber einen sehr viel kleineren "Massentest" unter Schülern im Kreis Hildburghausen an, der derzeit die mit Abstand höchsten Corona-Infektionszahlen in Deutschland aufweist.

rtr