Herr Dr. Krämer, die Union steuert im Flüchtlingsstreit derzeit ungebremst auf eine veritables Desaster zu. Auch ein Bruch der Fraktionsgemeinschaft von CDU und CSU und ein Ende der Regierungskoalition aus CDU/CSU und SPD gilt vielen inzwischen nicht mehr als ausgeschlossen. Wie ernst ist die Lage?


Jörg Krämer: So eng war es für die Bundeskanzlerin noch nie. Aber es ist sinnlos, den Ausgang der Krise zu prognostizieren. Die politischen Entwicklungen sind einfach zu rasant und sprunghaft.

Aber in der Wirtschaft schlägt Alarm. Angesichts des Handelsstreits mit den USA, der ungelösten Euro-Krise und anderer Konflikte brauche Deutschland Stabilität, hat der Chef des Mittelstandsverbands, Mario Ohoven gerade gewarnt. Eine Regierungskrise würde die Konjunkturaussichten weiter eintrüben. Teilen Sie diese Sorge?


Zum Glück führen Regierungskrisen meist nicht zu wirtschaftlichen Krisen. So hat das halbjährige Hin- und Her der Regierungsbildung der deutschen Konjunktur nicht geschadet. Ich senke meine Wachstumsprognose von 2,0 Prozent wegen der Wirren in Berlin nicht.

Sollte die Fraktionsgemeinschaft von CDU und CSU aber doch aufgekündigt werden und die Bundesregierung daran zerbrechen: Was würde das für die Finanzmärkte bedeuten? Droht uns dann ein großes Börsenbeben?


Zerbräche die Bundesregierung, würde die Unsicherheit natürlich steigen und die Aktienkurse sinken. Aber das gilt nur kurzfristig. Denn es wäre ja nur eine Frage der Zeit, bis sich andere Regierungskonstellationen herausbilden. Außerdem würde es in der Wirtschaftspolitik nicht zu einem radikalen Wechsel kommen, wie wir es etwa in Italien gesehen haben.

Das Umfeld ist auch ohne die Unsicherheiten in Berlin schon schwierig genug. Vor allem der Handelsstreit mit den USA drückt auf die Stimmung. Die Bundesbank hat ihre Prognose zum deutschen Wirtschaftswachstum für das laufende Jahr gerade von bislang 2,5 Prozent auf 2,0 Prozent eingedampft. Auch das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) hat seine BIP-Prognose von bislang 2,2 auf 1,7 Prozent gesenkt. Wie hart könnte der Zoll-Streit zwischen den USA und der EU die exportstarke deutsche Wirtschaft treffen?



Das Wirtschaftswachstum hat seit der Jahreswende etwas nachgelassen. Das liegt vor allem daran, dass der Euro gegenüber den Währungen der Handelspartner zwischenzeitlich um bis zu acht Prozent aufgewertet hatte. Das verteuerte deutsche Produkte aus Sicht ausländischer Kunden. Außerdem belastet der gestiegene Ölpreis, der die Einkommen der privaten Haushalte senkt. Der Handelsstreit ist ein weiteres Konjunkturrisiko. Das gilt umso mehr, als die Europäer den Konflikt mit Trump nicht dadurch deeskaliert haben, dass sie ihre Verteidigungsausgaben auf die ohnehin versprochenen zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts anheben oder ihre Autozölle auf das niedrigere US-Niveau senken. Eskaliert der Handelsstreit, würde ich meine Konjunkturprognosen auf jeden Fall weiter senken.