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Monetärer Ansatz: Moderne geldpolitische Katastrophen

Monetärer Ansatz: Moderne geldpolitische Katastrophen

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29.05.2019 15:00:29

Noch mehr Schulden, noch mehr Geld drucken - ein neuer monetärer Ansatz sorgt derzeit für Furore, vor allem bei Politikern links der Mitte. In Lateinamerika wurde das Konzept schon mehrmals umgesetzt. Mit desaströsen Folgen. Von Sebastián Edwards, Gastautor für €uro am Sonntag

Die moderne Geldtheorie (Modern Monetary Theory, kurz MMT), ein scheinbar neuer wirtschaftspolitischer Ansatz, hat sich zu einem hochbrisanten Thema entwickelt und genießt inzwischen die Unterstützung führender Progressiver in den USA, darunter die des Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders und der demokratischen Kongressabgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez. Doch sollten sich die MMT-Fans die in Lateinamerika gelernten Lehren vergegen­wärtigen, wo auf ähnlichen Ideen beruhende Strategien unweigerlich in Wirtschaftskatastrophen mündeten.

Laut den MMT-Anhängern sollte die US-­Notenbank große Mengen an Geld drucken, um enorme Infrastrukturprodukte sowie ein "Arbeitsplatzgarantieprogramm" zu finanzieren, das darauf abzielt, Vollbeschäftigung zu gewährleisten. Eine deutliche Erhöhung der Schulden des öffentlichen Sektors, so die Anhänger, stelle für ein Land, das wie die USA Kredite in eigener Währung aufnehmen könne, keine Gefahr dar. Diese unkonventionelle Sichtweise wird von Keynesianern und Monetaristen gleichermaßen kritisiert. Viele renommierte Wirtschaftswissenschaftler, darunter Paul Krugman, Kenneth Rogoff und Larry Summers, sagen, die MMT ergebe wenig Sinn.

Die MMT-Unterstützer argumentieren im Gegenzug, die Kritiker hätten nicht richtig begriffen, wie eine moderne Geldwirtschaft funktioniert. Einflussreichen Befürwortern wie Stephanie Kelton zufolge sind Regierungen von Ländern wie den USA mit eigener nationaler Währung keinen festen Haushaltsbeschränkungen ausgesetzt, weil sie das Geld zur Finanzierung höherer Ausgaben schlicht selbst drucken können.

Die MMT sachlich zu bewerten ist aus zwei Gründen schwierig. Zunächst haben ihre Befürworter bisher keine einheitliche, detaillierte Beschreibung geliefert, wie das Modell funktionieren soll. Wie Krugman kürzlich schrieb: MMT-­Unterstützer "neigen zur Unklarheit darüber, wo genau ihre Differenzen zu konventionellen Sichtweisen liegen, und haben zudem die ausgeprägte Angewohnheit, jeden Versuch, aus ihren Worten schlau zu werden, einfach vom Tisch zu wischen". Darüber hinaus haben die MMT-Unterstützer bisher kaum Andeutungen gemacht, wie diese Politik, insbesondere mittel- und langfristig, in der Praxis funktionieren soll.

In Venezuela liegt die Inflation bei zehn Millionen Prozent


Doch ist der Ansatz nicht beispiellos. Die MMT beziehungsweise eine MMT- Version wurde bereits in mehreren ­lateinamerikanischen Ländern ausprobiert. Alle hatten zum betreffenden Zeitpunkt ihre eigene Währung. Darüber ­hinaus stützten sich diese - fast durchweg popu­listischen - Regierungen auf ähnliche Argumente wie die von heutigen MMT-­Unterstützern vorgebrachten, mit denen gewaltige, von der Notenbank finanzierte Steigerungen der öffentlichen Ausgaben gerechtfertigt werden sollen. Und all diese Experimente führten zu galoppierender Inflation, enormer Währungsabwertung und einem jähen Rückgang der Reallöhne.

Insbesondere vier Episoden sind lehrreich: Chile unter dem sozialistischen Regime von Salvador Allende von 1970 bis 1973, Peru während der ersten Amtszeit von Alan García (1985-1990), Argentinien unter Néstor Kirchner und Cristina Fernández de Kirchner von 2003 bis 2015 und Venezuela seit 1999 unter Hugo Chávez und Nicolás Maduro. In allen vier Fällen entwickelte sich ein ähnliches Verlaufsmuster. Nachdem der Staat Geld zur Finanzierung sehr hoher Haushaltsdefizite geschöpft hatte, folgte zunächst ein Wirtschaftsboom. Die Löhne stiegen (gestützt durch eine deutliche Anhebung der Mindestlöhne), und die Arbeitslosigkeit ging zurück. Bald jedoch kam es zu Versorgungsengpässen, und die Preise schossen in die Höhe; in einigen Fällen gab es hyper­inflationäre Preissteigerungen. Die Inflation erreichte 1973 in Chile 500 Prozent, 1990 in Peru 7000 Prozent, und sie dürfte in Venezuela in diesem Jahr fast zehn Millionen Prozent erreichen. In Argentinien war sie niedriger, aber trotzdem sehr hoch und lag 2015 bei durchschnittlich 40 Prozent.

Die Behörden reagierten mit der Verhängung von Preis- und Lohnkontrollen und protektionistischen Maßnahmen. Diese jedoch blieben wirkungslos, Produktion und Beschäftigung brachen dann irgendwann zusammen. Schlimmer noch: In drei dieser vier Länder sanken die inflationsbereinigten Löhne während dieses MMT-artigen Experiments drastisch. In den fraglichen Zeiträumen fielen die Reallöhne in Chile um 39 Prozent, in Peru um 41 und in Venezuela um mehr als 50; Leidtragende waren die Armen und die Mittelschicht.

In jedem Fall wurde die Notenbank von Politikern kontrolliert, und die Ergebnisse waren vorhersehbar. In Chile stieg die Geldmenge allein 1973 um 360 Prozent, was zur Finanzierung eines Haushaltsdefizits beitrug, das erstaunlichen 24 Prozent des BIP entsprach. In Peru betrug 1989 das Geldmengenwachstum 7000 Prozent, und das Haushaltsdefizit überstieg zehn Prozent des BIP. In Argentinien lag das Defizit 2015 bei sechs Prozent des BIP, und die jährliche Geldschöpfung überstieg 40 Prozent. Venezuela hat derzeit ein Defizit von 32 Prozent des BIP, und die Geldmenge wächst Schätzungen zufolge um jährlich mehr als 1000 Prozent.

Mit dem Anstieg der Inflation in diesen Ländern verringerten die Menschen ihre Bestände an nationaler Währung stark. Doch weil die Regierung verlangte, dass die Steuern in lokaler Währung zu bezahlen waren, verschwand diese nicht vollständig. Stattdessen erhöhte sich drastisch das Tempo, mit dem das Geld den Besitzer wechselte - Ökonomen bezeichnen das als "Umlaufgeschwindigkeit". Niemand wollte Papiergeld halten, das jeden Monat 20 Prozent oder mehr an Wert verlor.

Wenn die Nachfrage nach Geld einbricht, verstärkt dies die Auswirkungen des Geldmengenwachstums auf die Inflation, und es kommt zu einem Teufelskreis. Eine schwerwiegende Folge ist, dass die Währung an den internationalen Märkten rapide abwertet. Bequemerweise ignorieren die MMT-Unterstützer diese simple Tatsache, dass die Nachfrage nach lokaler Währung stark abnimmt, wenn deren Wert abstürzt. Doch ist dies vielleicht eine der größten Schwächen der Theorie, und sie macht deren Umsetzung für jedes Land äußerst riskant.

Die Erfahrung Lateinamerikas sollte den MMT-Fans von heute als klare Warnung dienen. Über die Notenpresse finanzierte fiskalische Expansionen haben in einer Vielzahl von Ländern und zu sehr unterschiedlichen Zeiten zu einem unkontrollierbaren Verlust an wirtschaftlicher Stabilität geführt. Wirtschaftspolitische Ideen sind in der Praxis häufig genauso gefährlich wie in der Theorie fehlerbehaftet. Die MMT könnte ein Musterbeispiel hierfür sein.

Copyright: Project Syndicate

Kurzvita

Sebastián Edwards
Professor für Weltwirtschaft an der UCLA
Der Ökonom, Publizist und Berater hat derzeit die Henry-Ford-II-Professur an der Anderson School of Management der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA) inne. Von 1993 bis 1996 war der Chilene Chefökonom für Lateinamerika und die karibischen Staaten bei der Weltbank. Der Titel seines zuletzt veröffentlichten Buchs lautet: "American Default: The Untold Story of FDR, the Supreme Court and the Battle Over Gold".

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Bildquelle: Dado Ruvic/Reuters

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