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KOPF DER WOCHE

LGIM-Managerin Sonja Laud: "Ein neuer Plan muss auf den Tisch"

LGIM-Managerin Sonja Laud:
07.05.2022 17:00:11

Mit 1,7 Billionen Euro verwaltetem Vermögen ist die 48-Jährige eine der mächtigsten Investorinnen der Welt. Über ihre Anfänge bei der DWS, die europäische Energiewende und die soziale Verantwortung der Finanzindustrie. Von Andreas Hohenadl, Euro am Sonntag

Als Chief Investment Officer von LGIM, dem Vermögensverwalter des britischen Versicherers Legal & General, bestimmt Sonja Laud aktuell über ein Anlagevermögen von 1,7 Billionen Euro. Entsprechenden Einfluss genießt die gebürtige Hamburgerin in der Finanzindustrie. Den weiß sie zu nutzen und nimmt als Großinvestorin aktiv Einfluss auf Unternehmen, um sie zu nachhaltigem Handeln zu bewegen. Damit LGIM mit gutem Beispiel vorangeht, hat sie dort Initiativen zur Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung ins Leben gerufen.

Mit strategischem Geschick und viel Disziplin hat Laud ihre Karriere vorangetrieben. Angefangen hat sie 2001 bei der DWS in Frankfurt. Dort gelang es ihr schon nach kurzer Zeit, ein Ausrufezeichen zu setzen. Sie übernahm das Management eines neuen Dividendenfonds, der innerhalb von zwei Jahren mehr als fünf Milliarden Euro Zuflüsse verzeichnete.

€uro am Sonntag: Frau Laud, wie kam’s, dass Sie 2003 Managerin des Aktienfonds DWS Top Dividende wurden?

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Sonja Laud: Nach dem Platzen der Technologieblase und dem Desaster mit dem Neuen Markt stellte man sich bei der DWS die Frage, wie man die Aktienanlage wieder etwas schmackhafter machen könnte. Irgendwann kamen wir in der Diskussion auf das Thema Dividenden, das im angelsächsischen Raum schon immer eine große Rolle spielte, zu der Zeit in Deutschland aber nicht populär war. Die Idee zum Top Dividende stammte dann zum Teil von mir, zum Teil aus dem Vertrieb der Deutschen Bank. Und irgendwann lautete dann die Devise: Dann machen Sie mal, Frau Schemmann, wie ich damals noch hieß.

Ein großer Vertrauensbeweis. Sie waren damals ja noch neu in der Branche.

Die Idee war ja, einen globalen Fonds aufzulegen. Darum sollte das Team von Klaus Kaldemorgen dafür zuständig sein. Ich befand mich in diesem Team und war zu der Zeit verfügbar, also sollte ich es machen (lacht). Das ist übrigens etwas, was ich immer sehr an Klaus Kaldemorgen geschätzt habe: Er war immer begleitend dabei, hat mir aber die Freiheit gelassen, das selbst aufzustellen und den Fonds nicht nur zu managen, sondern zusammen mit dem Vertrieb auch zu vermarkten.

Wie sind Sie eigentlich zum Thema Geldanlage gekommen?

Ich wollte eigentlich Berufsreiterin werden. Aber ich habe irgendwann festgestellt, dass das ganz schön kostspielig sein kann, speziell wenn man auf nationaler Ebene reiten will. Ich habe dann auf Anregung meiner Mutter erst mal eine Ausbildung bei der Deutschen Bank gemacht. Das hat mir auch Spaß bereitet, aber ich habe danach entschieden, dass ich doch gerne studieren will.

2005 haben Sie sich entschlossen, nach London zu gehen. Weshalb?

Ich habe die Chance wahrgenommen, für mich zu lernen und mich weiterzuentwickeln. Anfang der 2000er-Jahre war die Asset-Management-Industrie in England viel, viel größer und deutlich etablierter. Bei der DWS hatte ich ein wunderbares Umfeld, in dem ich mich nach meinen Wünschen entwickeln konnte. Aber ich war realistisch genug zu sehen, dass ich nach England gehen musste, wenn ich weitere Kompetenzen dazugewinnen wollte.

Bei Ihrem jetzigen Arbeitgeber bestimmen Sie über ein Billionen-Vermögen. Wie nervös sind Sie aktuell?

Ich bin relativ ruhig. Das hängt natürlich auch mit meinen Erfahrungen als Fondsmanagerin zusammen: Ich habe angefangen mitten in der Dotcom-Blase und habe den Niedergang des Neuen Marktes erlebt. Dann kam die Finanzkrise, gefolgt von der Euro-Schuldenkrise. All diese Ereignisse bringen einen Lerneffekt mit sich - nämlich, wie man mit solchen Krisen umzugehen hat.

Die aktuelle Situation unterscheidet sich aber doch von den Krisen vorher.

Aber nicht in einem Punkt: wie man damit umgeht und den Anlegern behilflich sein kann, damit umzugehen. Neu ist die geopolitische Komponente, die bei den anderen Krisen so nicht vorhanden war. Aber wenn wir ausschließlich das Marktumfeld betrachten, ist diese Krise nicht anders als die anderen. Und es geht darum zu verstehen, wie sich das momentane Umfeld auf die zukünftige Wachstums- und Inflationsentwicklung auswirken wird.

Wie sieht Ihr Szenario aus?

Wir haben aktuell das Dilemma, dass die Inflationstendenzen, die durch die pandemiebedingte Disruption sowieso schon höher waren, weiter ansteigen. Dafür sorgt die momentane Energiekrise, die insbesondere in Europa die Teuerung antreibt und die Zentralbanken deutlich schneller fordert. Zwar haben wir uns die letzten drei, vier Jahre schon auf eine Kehrtwende in der Geldpolitik vorbereitet. Aber keiner hat damit gerechnet, dass es sich so beschleunigt am Ende. Jetzt sprechen wir in den USA sogar schon von 50-Basispunkte- Schritten. Das Inflationsthema hat uns regelrecht überrollt.

Und nun?

Wenn Sie überlegen, wie harmonisch sich die immer niedrigeren Bondrenditen ausgewirkt haben auf die Aktienmärkte, auf Sachwertanlagen - das war alles für uns ein positives Umfeld. Wenn wir hier jetzt tatsächlich an einem Inflektionspunkt angekommen sind, und sich das längerfristig verändert, dann müssen wir einen Schritt zurücktreten und uns relative Verhältnisse zwischen Assetklassen und Bewertungsniveaus anschauen. Das ist für mich wichtig. Denn dabei geht es darum, die langfristige Asset Allocation zu bestimmen.

Das ist Ihr Vorgehen als großer Asset- Manager. Was machen Privatanleger?

Ich würde jedem empfehlen, das Risiko in seinem Portfolio zu untersuchen. Ist das noch angemessen? Denn in der Tat ist das wirtschaftliche Wachstum rückläufig. Aber jetzt hektisch zu reagieren auf geopolitische Events wäre falsch. Das sehen wir auch bei unseren Kunden: Denen geht es auch mehr darum, die längerfristigen Tendenzen zu verstehen, als jetzt kurzfristig zu reagieren.

Ist es jetzt schon an der Zeit, auf stark eingebrochene Aktien etwa aus der Techbranche zu setzen?

Wir versuchen, uns mehr auf strukturelle Themen zu fokussieren. Denn wir denken schon, dass die geopolitische Situation Einfluss nehmen kann auf das Thema Globalisierung, globale Lieferketten und Risikoprämien. Wenn wir uns das Beispiel Russland anschauen, sehen wir, dass jedes dort involvierte westliche Unternehmen seine Geschäfte dort über Nacht auf null runterschreiben musste. Wir haben jetzt einen Präzedenzfall. Jedes Unternehmen muss sich Gedanken machen: Wie produziere ich eigentlich und wo ist mein größtes Risiko? Und das haben wir seit Ende des Kalten Krieges nicht mehr gemacht. Wenn wir jetzt tatsächlich so eine Art Deglobalisierung sehen, geht es etwa darum zu verstehen, welche Sektoren am abhängigsten sind von globalisierten Lieferketten und wo es den größten Einschnitt geben könnte.

Welche strukturellen Themen nehmen Sie noch unter die Lupe?

Ich denke, das Thema Cybersecurity wird noch verstärkt in den Vordergrund rücken. Und dann haben wir immer noch von der Pandemie ausgehend das Thema hybrides Arbeiten: Welche Auswirkungen wird das auf die Office-Welt oder andere Segmente haben? Um künftige Gewinner zu identifizieren, reicht der Blick aufs Bewertungsniveau nicht aus - besonders in einem Kontext, in dem das Zinsniveau höher ist als in den vergangenen 15 Jahren.

Die Zentralbanken müssen Ihrer Ansicht nach entschlossen handeln?

Das Risiko, das die Zentralbanken aktuell eingehen, ist, dass die Erwartungshaltung der längerfristigen Inflation plötzlich nach oben geht. Je länger sie warten, je länger sie sechs, sieben Prozent Inflation tolerieren, umso stärker verlieren sie die Kontrolle über das lange Ende, also über die Erwartung in fünf bis zehn Jahren. Noch bewegt sich das im moderaten Bereich von rund drei Prozent. Aber wir dürfen nicht vergessen, wo wir herkommen. Seitdem ich am Markt agiere, war Inflation zwar da, aber niemals das treibende Thema für Aktienmärkte. Für uns ist die Art und Weise, wie Zentralbanken mit diesem Übergang umgehen, das zentrale Thema für die Märkte in diesem Jahr.

Könnte der Krieg in der Ukraine und die daraus resultierenden Energieprobleme den gerade eingeschlagenen Nachhaltigkeitskurs ausbremsen?

Ich glaube nicht, dass sich der Pfad wesentlich verändert. Aber die aktuelle Krise zeigt auch sehr deutlich, dass wir vielleicht nicht ganz ehrlich waren, wie realistisch dieser Pfad ist und welche Abhängigkeiten man auf diesem Weg hat - zum Beispiel von russischem Gas. Wir versuchen einen historischen Umschwung des globalen Energiesystems. Dass es da zu unerwarteten Konsequenzen und Verwerfungen kommen muss, ist zwangsläufig. Jetzt hat die Situation in der Ukraine alle Problemzonen aufgeworfen, die wir immer schon hatten.

Und wie kommen wir da raus?

Die positive Seite könnte sein, dass auf Basis dieser Krise eine beschleunigte Investition in die richtigen Energieressourcen stattfindet. Das ist meine Hoffnung, dass der politische Wille zur Umsetzung der Energiewende am Ende gestärkt wird. Die Energiekrise wird jeden Haushalt treffen. Eine Abkehr vom Pariser Abkommen oder von Net-Zero kann es nicht geben. Aber es ist ganz klar, dass der ursprüngliche Pfad nicht eingehalten werden kann und ein neuer Plan auf den Tisch muss.

Das heißt also, die Energiewende verspätet sich?

Ich glaube, kurzfristig wird es in die falsche Richtung gehen. Wir können unsere Abhängigkeit von russischem Gas nicht über Nacht reduzieren. Das könnte bedeuten, dass wir kurzfristig auf Kohle zugreifen und vielleicht zwei Kernkraftwerke wieder anschließen. Aber: Wenn dann der richtige Plan kommt, können die auch schnell wieder vom Netz.

Sie haben bei LGIM Initiativen gestartet, mit denen Sie für Chancengleichheit sorgen und die Rechte von Frauen stärken wollen. Was war Ihr Antrieb?

Ein simpler Gedanke: Ich kann als Asset-Manager einem Unternehmen nicht vorwerfen, dass es solche Dinge nicht umsetzt, wenn wir selbst es nicht gemacht haben. Wir müssen schon zeigen, dass wir gewisse Grundsätze und Standards auch auf uns selbst anwenden, sonst verlieren wir die Glaubwürdigkeit.

Wie sieht Chancengleichheit bei Ihnen konkret aus?

Wir haben auf der Vorstandsebene 50 Prozent Frauen. Das ist, zumindest in der Finanzindustrie, relativ selten. Das nächste große Thema ist für uns die Chancengleichheit für ethnische Minderheiten. Das wollen wir so umsetzen, dass es nicht nur auf einzelnen Ebenen stattfindet, sondern quer über unseren gesamten Talentepool. Natürlich ist das ein Marathon und kein Sprint.

Als Asset-Manager müssen Sie in allen Nachhaltigkeitsbelangen mit gutem Beispiel vorangehen?

Da hat sich tatsächlich ein großer Wandel vollzogen. Als ich in der Finanzindustrie anfing, war das Thema Teilnahme an Hauptversammlungen und Unternehmensanalyse relativ eng gefasst. Sie haben sich die Bilanz angeschaut, die Gewinn-und-Verlust-Rechnung, haben mit dem Management gesprochen. Aber wie sich ein Unternehmen ins gesamte soziale Gefüge einpasst, war kein Thema. Die Idee von "active ownership", dass Sie als Teilhaber an einem Unternehmen auch aktiv Ihre Stimme und Meinung ausdrücken sollen, ist über die vergangenen vier, fünf Jahre sehr viel stärker geworden.

Und damit die Verantwortung, dass Themen wie Umwelt, Unternehmensführung und soziale Aspekte Teil dieses "active ownership" sein müssen?

Ja. Auch unsere Kunden haben zunehmend verstanden, dass diese Faktoren kein "nice to have" sind, sondern wichtig für das Verständnis, wie sich ein Unternehmen in Zukunft entwickelt. Diese Veränderung finde ich sehr positiv, was das Grundkonzept des Investierens und das Image der Finanzindustrie angeht. Die kann nun einen wichtigen Teil zu einer positiven Veränderung beitragen.

Sympathiepunkte für die Branche …

In der Tat wirkt sich das auch darauf aus, wie wir neue Talente akquirieren. Wir haben sozusagen ein neues Jobprofil, in dem nicht nur das Verständnis für Zahlen wichtig ist, sondern auch für globale Zusammenhänge und den gesamtheitlichen Kontext eines Unternehmens. Wir haben bei uns kein ESG-Team an der Seite. Meine Analysten, meine Fondsmanager sind diejenigen, die diese Entscheidungen treffen. Das ist für mich die Verantwortung, die die Industrie tragen muss.

Woran liegt es, dass in der Finanzindustrie nur wenige Frauen wie Sie die Karriereleiter hochgestiegen sind?

Ich denke am überlieferten Image der Branche: sehr trocken, sehr zahlenlastig, und es geht nur, wenn man Superstar in Mathe ist. Das war ich übrigens überhaupt nicht. Wenn es ein Fach gab, weswegen ich fast sitzengeblieben wäre, war es Mathe. Aber das ist die Fehleinschätzung, dass analytische Fähigkeiten und Mathe ein und dasselbe seien. Man muss kein Mathegenie sein, um einen guten Fondsmanager abzugeben.

Macht es für Sie einen Unterschied, ob Sie mit einer Frau oder einem Mann zusammenarbeiten?

Nein. Ich bin ein großer Verfechter von gemischten Teams, die auf Vertrauen basieren, in denen Gleichheit herrscht und jeder gehört wird. Deswegen bin ich auch kein ganz großer Freund der Quote. Denn damit mir Vertrauen entgegengebracht wird, möchte ich einen Job bekommen, weil ich kompetent bin, und nicht, weil es die Quote sagt.

Vita:
Mächtige Investorin


Sonja Laud, Jahrgang 1974, ist seit Anfang 2019 bei Legal & General Investment Managers (LGIM) tätig. Seit Juni 2019 leitet sie dort das gesamte Investmentteam mit mehr als 300 Mitarbeitern. Ihre Karriere begann die gebürtige Hamburgerin 2001 bei der DWS im globalen Aktienteam von Klaus Kaldemorgen. Laud ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in London.

LGIM
Dickschiff der Geldverwalter


Mit einem verwalteten Vermögen von rund 1,7 Billionen Euro ist Legal & General Investment Managers einer der größten Asset Manager der Welt. LGIM ist zudem der größte Indexfondsmanager außerhalb der USA. Bei thematischen ETFs (z. B. Robotik, Cybersecurity) gilt LGIM als Pionier. Die Mutter Legal & General Group wurde 1836 gegründet und ist Bild: Alastair Fyfe/LGIM im FTSE 100 notiert.

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