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GIRO- UND TAGESGELDKONTEN

Abschied vom Strafzins

Abschied vom Strafzins
14.05.2022 07:00:00

Giro- und Tagesgeldkonten: Die EZB leitet die Zinswende ein. Die ING Deutschland prescht vor und streicht die Minuszinsen für fast alle Kunden. Auch die Commerzbank will rasch handeln. Andere Institute werden nachziehen. Von Simone Gröneweg

Angesichts der hohen Inflation treibt die Europäische Zentralbank (EZB) die Vorbereitungen für eine Zinswende voran. Eine erste Erhöhung der Notenbankzinsen zeichnet sich auf der EZB-Sitzung am 21. Juli ab. Damit könnte es auch Bewegung bei den Strafzinsen geben, die Banken seit 2014 für Einlagen bei der EZB zahlen müssen und die viele Institute an die Kunden weitergeben.

Die ING Deutschland preschte in dieser Woche vor und will künftig weitgehend auf derartige Negativzinsen verzichten. Dazu werden zum 1. Juli die Freibeträge für Guthaben auf Giro- und Tagesgeldkonten erhöht, und zwar von 50 000 Euro auf demnächst 500 000 Euro pro Konto. Den Strafzins von 0,5 Prozent zahlen Kunden, die mit ihrem Ersparten diese Grenze überschreiten.

ING-Deutschland-Chef Nick Jue zufolge entfällt mit dieser Erhöhung des Freibetrags das Verwahrentgelt für 99,9 Prozent der Kundschaft. Wer ab dem 1. Juli 2022 ein Konto bei der ING Deutschland eröffnet, muss sich über Strafzinsen also keine großen Gedanken machen. Für Bestandskunden, die bereits einem Verwahrentgelt für Guthaben über 50 000 Euro zugestimmt haben, gelten die neuen Freibeträge automatisch.

Auch die Commerzbank kündigte am Donnerstag an, man wolle nach einer Zinswende durch die EZB bei den Strafzinsen rasch reagieren. "Wenn die EZB reagiert, dann können und werden auch wir schnell reagieren", sagte Commerzbank-Chef Manfred Knof. Deutschlands zweitgrößte Privatbank beobachte die Situation.

Derzeit verlangen nach Angaben des Vergleichsportals Verivox 455 Banken Negativzinsen von Privatkunden. Dabei handelt es sich allerdings ausschließlich um Institute, die ihre Konditionen auf Websites oder in online zugänglichen Verzeichnissen veröffentlichen. Zuletzt erhöhten einzelne Geldhäuser die Freibeträge, etwa die Oldenburgische Landesbank (OLB). Viele andere Geldhäuser ziehen die Grenze derzeit aber noch bei 100 000 Euro oder sogar schon bei 25 000 Euro.

Geschicktes Marketing


"Das wird sich bald ändern", sagt Max Herbst von der FMH-Finanzberatung. Viele Institute würden dem Vorbild der ING demnächst folgen, prognostiziert er. "Das war der Startschuss dazu und ein geschickter Marketing-Schachzug", meint der Zinsexperte.

Banken, die auf Kundeneinlagen Verwahrentgelte berechnen, orientieren sich meist am sogenannten Einlagenzins der EZB. Der liegt derzeit bei minus 0,5 Prozent. Den müssen die Geldhäuser zahlen, wenn sie bei der EZB Geld parken.

Das Medienecho auf die Ankündigung der ING Deutschland war jedenfalls groß. Dabei wurde tatsächlich deutlich: Passen die europäischen Währungshüter ihre Zinspolitik an, wollen andere große Geldhäuser wie die Deutsche Bank, Commerzbank oder die Frankfurter Sparkasse auf jeden Fall dem Beispiel der ING Deutschland folgen. Damit würde in der Branche zumindest bei einem extrem strittigen Thema zwischen Kunden und Geldhäusern etwas Ruhe einkehren. Verbraucherschützer und Banken streiten nämlich vor Gericht, ob Strafzinsen überhaupt zulässig sind. Endgültige Klarheit würde es erst mit einer Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs geben. Aber vielleicht hat sich dieses Phänomen schon vorher von selbst erledigt.

Keine höheren Sparzinsen


Sparer leiden nicht nur unter den Minuszinsen, sondern auch unter den extrem niedrigen Tages- und Festgeldzinsen. Daran wird sich vorerst auch nichts ändern. FMH-Experte Herbst zeigt sich bei den Sparzinsen jedenfalls weniger optimistisch. "Es ist enorm viel Geld im Markt", begründet er die Zurückhaltung der Geldhäuser. Würden die Banken die Sparzinsen erhöhen, kämen hohe Kundeneinlagen: "Daran haben die Geldhäuser derzeit aber kein Interesse." Das Warten auf die endgültige Zinswende geht also weiter.

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