EURO AM SONNTAG

Die Welt vor dem deflationären Schock

Die Welt vor dem deflationären Schock

WKN: A2JGMN ISIN: CA3609291032 GAR Ltd (A)

15.03.2019 03:30:00

Vor zehn Jahren erreichte die Finanzkrise ihren Höhepunkt, weltweit griffen die Notenbanken mit dem Kauf von Anleihen massiv in die Märkte ein. Doch die Krise ist noch längst nicht vorüber. Von Daniel Stelter, Gastautor von Euro am Sonntag




Im Jahr 2009 erreichte die Finanzkrise ihren Höhepunkt. Der breite US-Aktienindex S & P 500, der bereits in den Vormonaten drastisch an Wert verloren hatte, fiel am Freitag, dem 6. März 2009, auf den Stand von 666 Punkten. Ein Verlust von über 50 Prozent in weniger als 18 Monaten. Ökonomen und Börsianer sahen die Welt auf dem Weg in eine neue Weltwirtschaftskrise. Nicht unbegründet, brachen doch alle wichtigen Indikatoren der Wirtschaftstätigkeit stärker ein als 1930.



Bekanntlich kam es anders. Banken wurden gerettet, Konjunkturprogramme aufgelegt, und die Notenbanken der Welt öffneten die Geldschleusen. Die Zinsen wurden drastisch gesenkt und in großem Umfang Wertpapiere aufgekauft. Die Bilanzsumme der Notenbanken der USA, der Eurozone und Japans wuchs in der Folge von rund drei Billionen US-Dollar auf einen Wert von über 14 Billionen US-Dollar an. Für unfassbare 11 000 Milliarden US-Dollar wurden also vorhandene Wertpapiere - überwiegend Staats- und Unternehmensschulden - aufgekauft, um eine Wiederholung einer großen Depression zu verhindern. Vordergründig mit Erfolg: Die Weltwirtschaft erholte sich, die Eurozone überlebte, und die Börsen erreichten einen Rekord nach dem andern.


Der ideale Hintergrund, um die eigentliche Ursache der Krise weiter zu verdrängen. Denn sowohl die sogenannte Finanzkrise als auch die "Eurokrise" waren in Wahrheit Überschuldungskrisen - und sind es immer noch. Die weltweite Verschuldung von Staaten, Unternehmen und Privathaushalten erreichte 2007 den Rekordwert von über 250 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung. Bis es 2008 so schien, als sei die Welt am Ende ihrer Verschuldungskapazität angelangt. Die Verschuldungskapazität hängt vom beleihungsfähigen Eigenkapital oder Einkommen und von den Zinsen ab. Je höher das Eigenkapital und das Einkommen und je niedriger die Zinsen, desto mehr Schulden lassen sich schultern.

2008 stiegen die Kosten für Kredite drastisch, nicht zuletzt weil das Vertrauen der Kreditgeber in die Zahlungsfähigkeit der Schuldner deutlich zurückgegangen war. Zugleich verfiel der Wert des Eigenkapitals, und die Einkommensaussichten verschlechterten sich wegen der sich abzeichnenden Rezession. Was bei moderater Verschuldung im Einzelfall ärgerlich ist, erweist sich bei zu hoher Verschuldung als Brandbeschleuniger für eine große Depression.

Keiner hat das besser beschrieben als der wohl beste amerikanische Ökonom des 20. Jahrhunderts, Irving Fisher. Überschuldung führe zu Deflation, und "umgekehrt reagiert eine von Schulden ausgelöste Deflation auf die Verschuldung. Jeder Dollar, der als Kredit aufgenommen und noch nicht zurückgezahlt wurde, wiegt schwerer, und wenn die Ausgangsverschuldung groß genug ist, kann die Rückzahlung oder Liquidation der Schulden nicht mit dem Preisverfall Schritt halten, den sie auslöst. In der Folge verpufft die Wirkung der Schuldenrückzahlung. Sie verringert die Summe der geschuldeten Dollars, aber der dadurch ausgelöste Wertverfall ist schneller." So war es in der großen Depression. So war es im Jahre 2009, als die Weltwirtschaft noch schneller abstürzte als 80 Jahre zuvor.

Fisher sah zwei Wege, die aus der Krise herausführen. Der eine ist die ­natürliche, langwierige Talfahrt durch Insolvenzen, Arbeitslosigkeit und Ver­elendung. Der andere Weg - künstlich und schnell - besteht in einer bewussten Inflationierung: die Preise also auf das Durchschnittsniveau "reflationieren", zu dem die bestehenden Kreditverträge abgeschlossen wurden. Der Wert des beliehenen Eigentums würde wieder steigen, die Überschuldung wäre erledigt und neue Verschuldungskapazität geschaffen.

Genau dies versuchen Regierungen und Zentralbanken seit zehn Jahren. Mit Konjunkturprogrammen sowie Null- und Negativzins haben sie die Verschuldungskapazität wiederhergestellt. Vermutlich hätte es dennoch nicht gereicht, wäre China nicht mit einem gigantischen schuldenfinanzierten Konjunkturprogramm eingesprungen. Damit wurde nicht nur die Schuldentragfähigkeit im Westen erhöht, sondern zugleich noch neue Verschuldungskapazität in der Welt mobilisiert.

Auf Seite 2: Die Geister, die sie riefen, werden sie nicht mehr los



Seite: 1 | 2

Bildquelle: privat

Aktienempfehlungen zu GAR Ltd (A)

  • Alle
  • Buy
  • Hold
  • Sell