DAX 12.595 1,6%  MDAX 24.979 1,4%  Dow 30.828 -0,5%  Nasdaq 11.761 -0,2%  Gold 1.733 -1,8%  TecDAX 2.929 2,9%  EStoxx50 3.422 1,9%  Nikkei 26.108 -1,2%  Dollar 1,0169 -1,0%  Öl 99,4 -5,2% 
INFLATION

Kampf gegen Wohlstandsverluste

Kampf gegen Wohlstandsverluste
03.06.2022 10:10:00

Die Teuerung erreicht mit fast acht Prozent einen neuen Spitzenwert. Ökonomen kritisieren Tankrabatt und Neun-Euro-Ticket. Im Juni und Juli stehen entscheidende EZB-Sitzungen bevor. Von Wolfgang Ehrensberger

Die Inflationsraten in Deutschland und in der Eurozone sind im Mai mit 7,9 und 8,1 Prozent auf die höchsten Werte seit Jahrzehnten geklettert. Das verstärkt nach Einschätzung von Volkswirten den Druck auf die Europäische Zentralbank (EZB), auf ihren bevorstehenden Sitzungen am 9. Juni und 21. Juli Zinsanhebungen vorzubereiten und einzuleiten. Die US-Notenbank Fed hat wegen des starken Preisauftriebs bereits ihre Zinsen erhöht (siehe S. 14). Experten erwarten, dass die EZB auf ihrer Sitzung am 9. Juni zunächst das Ende ihrer Staatsanleihenkäufe beschließen wird und dann im Juli erste Zinsanhebungen einleitet. Es wäre das erste Mal seit 2011.

Derweil wächst in Deutschland die Kritik an den Maßnahmen der Regierung, um die Folgen der Inflation für die Verbraucher einzudämmen. Seit Mittwoch, 1. Juni, gilt eine dreimonatige Senkung der Spritsteuern, außerdem wird im Nahverkehr ein verbilligtes Neun-Euro-Ticket angeboten. ZEW-Experte Friedrich Heinemann hält diese Maßnahmen für fiskalischen Aktionismus. Sie führten über zusätzliche Staatsverschuldung lediglich zu einer Lastenverteilung in die Zukunft. "Das ist ökonomisch nicht sinnvoll und ethisch nicht fair", sagte Heinemann gegen- über €uro am Sonntag.

Laut ADAC-Umfrage führte die Spritsteuersenkung bereits am ersten Tag zu einer Preissen- kung von 28 Cent je Liter der Sorte E10. Der Ölkonzern Shell erklärte, man habe die Steuer- senkung "vollumfänglich weitergegeben". Konkurrent Total äußerte sich ähnlich.

Ende der Negativzinsen


Unterdessen rechnet die Volkswirtin der DWS, Ulrike Kastens, mit einem vorläufigen Inflationshöhepunkt spätestens im Juni. Danach könnte die Rate wieder fallen - auf fünf bis sechs Prozent bis Jahresende, falls der Ukraine-Krieg nicht weiter eskaliert und ein russi- scher Gaslieferstopp komme, wie ZEW-Experte Heinemann einschränkt. "Denn in dem Fall würde die Inflationsrate in den zweistelligen Bereich katapultiert."

Nach Einschätzung von DWS-Volkswirtin Kastens steht die EZB unter hohem Druck, mit der geldpolitischen Normalisierung zu beginnen und die Phase der Negativzinsen zu beenden. "Auf der Sitzung im Juni sollte sie das Ende der Anleiheankäufe für spätestens Anfang Juli ankündigen. Dem könnte sich eine erste Zinserhöhung im Juli anschließen", erwartet Kastens. Üblicherweise werden die Zinsen um einen Viertelprozentpunkt angepasst. Wegen der anhaltend hohen Inflation könnte die EZB allerdings auch aggressiver vorgehen. Die Deutsche Bank rechnet inzwischen bereits mit einer Anhebung um einen halben Punkt, wie sie das Lager der sogenannten "Falken" befürwortet, die eine striktere Geldpolitik wollen. Die Mehrheit der Experten prognostiziert eine Anpassung um einen Viertelpunkt. ZEW-Volkswirt Heinemann rechnet nur mit "Trippelschritten". Bei höheren Zinssätzen drohe Ländern wie Italien die Zahlungsunfähigkeit.

"Inflationsopfer" Immobilien


Kastens sieht die steigenden Zinsen im Aktienmarkt schon weitgehend eingepreist, nicht aber bei Immobilien. "Eines der ersten Opfer steigender Zinsen ist der Immobilienmarkt. Hier zeigt sich in den USA schon eine deutliche Abkühlung, erkennbar in den Hausverkäufen, die auf den tiefsten Wert seit Pandemiebeginn gefallen sind." Verglichen mit der Zeit vor Corona, seien die Hausverkäufe das letzte Mal 2014 auf einem ähnlich niedrigen Stand gewesen. Aktienanleger wiederum sollten beobachten, wann der Höhepunkt beim Inflationsdruck überschritten sei. "Sollte sich die Inflationslage wieder etwas entspannen, könnten etwa jene bilanzstarken Wachstumsunternehmen profitieren, die besonders gelitten haben. Bei steigendem Inflationsdruck dürften hingegen Substanz- und rohstoffabhängige Werte die erste Wahl darstellen", sagt Kastens.

pagehit