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Online-Trading als Betrugsmasche

Online-Trading als Betrugsmasche
01.06.2019 15:00:00

Unseriöse Anbieter locken Verbraucher mit hohen Gewinnaussichten auf dubiosen Handelsplattformen. Bundeskriminalamt, Bafin und Verbraucherschützer warnen vor einer neuen Finanzbetrugsmasche. Von Wolf Brandes, Gastautor für €uro am Sonntag

Die Arme hinter dem Kopf verschränkt und entspannt zurückgelehnt, drei Monitore im Blick. So präsentiert sich ein erfolgreicher Trader beispielsweise auf der Internetseite www.option888.com. "Echtzeit Trades - unkomplizierte Auszahlungen" heißt es dort, mit ein paar Klicks ist das Konto eröffnet, "kostenlos und in weniger als 2 Minuten". Doch Vorsicht: Wer jetzt die Registrierung bei einer solchen unseriösen Handelsplattform nicht abbricht, läuft Gefahr, in die Fänge einer neuartigen, systematischen Internet-Betrugsmasche zu geraten. Das eingesetzte Geld bleibt nämlich fast immer ganz beim vermeintlichen Broker - von Auszahlungen an den Kunden ist selten zu hören.

Immer häufiger stoßen Anleger im ­Internet auf Anbieter mit scheinbar besonders lukrativen Investitionsmög­lichkeiten, Seiten, die das schnelle Geld ­versprechen. Mit aufwendigen Internet­auftritten, die persönliche Erfolgsgeschichten erzählen, prominenten Namen oder der Verwendung von Logos bekannter Medien wird Seriosität vorgetäuscht. Optisch und technisch sind die Internetseiten der Handelsplattformen sehr gut gemacht. Es ist deshalb schwierig, die seriösen Anbieter von den mutmaßlichen Betrügern zu unterscheiden.

Fast immer steht am Ende ein Totalverlust für die Anleger


Verbraucherschützer schlagen beim Thema Online-Trading angesichts steigender Beschwerdezahlen immer häufiger Alarm. Momentan konzentrieren sich die Betreiber vor allem auf zwei ­Anlageklassen: sogenannte finanzielle ­Differenzkontrakte (CFD) und das Forex-­Trading. Bei CFDs spekulieren Anleger auf die Kursentwicklung eines bestimmten Basiswerts, etwa einer Aktie oder Kryptowährung. Beim Forex-Trading setzen sie auf Veränderungen von Wechselkursen. Beides sind per se hochspekulative Geschäfte - wer es sich nicht leisten kann, das eingesetzte Geld zu verlieren, sollte auch bei seriösen Dienstleistern die Finger davon lassen.

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Nach Einschätzung der Marktwächter-Experten der Verbraucherzentrale Hessen, die bundesweit die Fälle auswerten, handelt es sich bei dem Phänomen des grassierenden unseriösen ­Online-Tradings um den grauen Kapi­talmarkt 2.0. Hier geht es also nicht mehr um klassische Investments des grauen Kapitalmarkts wie Container oder Windanlagen, sondern um ab­strakte Produkte wie CFDs. Nicht nur das Bundeskriminalamt ist alarmiert angesichts der vielen unseriösen Online-Handelsplattformen, die Anlageprodukte wie CFDs anbieten.

In Beschwerden über den Onlinehandel auf Trading-Plattformen berichten Verbraucher, wie sie ihr Geld verloren haben. Denn bei den oftmals betrügerischen Onlineseiten stehen die Gewinnchancen nicht nur schlecht, sondern sind praktisch bei null. Fast immer steht am Ende ein Totalverlust des inves­tierten Kapitals. Den Verbraucherschützern sind Fälle bekannt, bei denen einzelne Anleger bis zu 70.000 Euro verloren haben; insgesamt geht es wohl um Betrug im dreistelligen Millionenbereich, genaue Zahlen gibt es nicht. Den Marktwächter-Experten der Verbraucherzentrale Hessen liegen Beschwerden zu mehr als 50 verschiedenen Plattformen vor.

Wie viele Anleger schildern, sind die Maschen, mit denen sie auf diese Handelsplattformen gelockt werden, oft ähnlich. Anfangs wird ein kleines Startkapital von meist 250 Euro oder Dollar gefordert. Wie die Kapitalanlage funk­tioniert, erklären die Onlinehändler nicht. Nutzer berichten, dass sie dann zunächst zum Teil sehr hohe Gewinne machten und ein "persönlicher Broker" sie überzeugt habe, mit höheren Einzahlungen noch mehr Gewinne zu erzielen. Sobald dann eine höhere Summe auf dem Konto der Trading-Plattform eingegangen ist, fangen die Probleme an. Die Auszahlung von Guthaben wird verschleppt, die Broker sind dann meist nicht mehr erreichbar. Oder Anbieter belästigen Verbraucher, die aus dem Handel aussteigen möchten, mit Telefonanrufen.

Ein korrektes Impressum suchen Verbraucher auf den Internetseiten dieser Plattformen meist vergeblich. Eine Überprüfung der Internet-Domains ergibt zudem, dass hinter verschiedenen Plattformen die gleichen Hintermänner stecken. Fakt ist, dass die Anbieter die Gelder auf verschiedenste Konten im Ausland überweisen, dass die Betreiber der Handelsplattformen häufig wechseln und dass es sich bei den Firmensitzen oft um Offshore-Briefkastenadressen handelt. Verbraucher haben somit praktisch keine Chance, wieder an ihr Geld zu kommen.

Die Aufsicht und Polizei berichten ebenfalls, dass Kunden nach der Anmeldung sehr schnell von Mitarbeitern der Handelsplattform kontaktiert werden. "Die Anrufer geben sich als kompetente Finanzbroker mit jahrelanger Han­dels­erfahrung aus, um sich so das Vertrauen der Neukunden zu erschleichen", heißt es in einer Meldung von BKA und Bafin. Besonders dreist sei es nach Erkenntnissen der Ermittler, dass der Anleger den Stand seines Anlagekontos vermeintlich online einsehen kann; dort würden ihm mithilfe der ­Betrugssoftware der Handelsplattform Kontobewegungen und die hohen Gewinne angezeigt.

Die Betreiber der Plattformen sind flexibel und einfallsreich


"Fakt ist: Die eingezahlten Gelder werden in Wahrheit nie einer Kapitalanlage zugeführt. Die komplette Handelsplattform einschließlich des vermeintlichen Kundenkontos ist ein Fake", schreiben BKA und Bafin. Die Behörden geben Tipps, wie man sich schützen kann. Besonders wichtig: "Lehnen Sie unaufgeforderte Anrufe im Zusammenhang mit Anlageangeboten ab! Lassen Sie sich nicht auf Beratungsgespräche mit Unbekannten ein." Und: "Vorsicht bei Hilfs­angeboten! Häufig geben sich Betrüger, die Ihre Kundendaten erworben haben, als ,Samariter‘ aus, die Sie unterstützen wollen."

Die Behörden warnen nicht nur, sie versuchen auch die Flut der unseriösen Trading-Angebote einzudämmen, in Einzelfällen wie beispielsweise bei option888 oder indem gegen ganze Produkte vorgegangen wird. So sind seit 2018 Vermarktung, Vertrieb und Verkauf von binären Optionen an Privatkunden untersagt. Doch die Betreiber der Plattformen sind flexibel. Nachdem Bafin und die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA den Vertrieb von binären Optionen verboten hatten, wechselten manche Anbieter einfach zu CFD- und Forex-Trading. Teilweise begegnen den Verbrauchern dieselben Anbieternamen wieder - nur der "Lockvogel" wurde ausgetauscht.

Kurzvita

Wolf Brandes
Teamleiter der Verbraucherzentrale Hessen
Verbrauchern eine Stimme zu geben ist Wolf Brandes wichtig. Deshalb war seine erste berufliche Station nach dem Volkswirtschaftsstudium die Stiftung Warentest, deshalb hat er als Finanzjournalist bei "Börse Online", ­"Capital" und "Financial Times Deutschland" für Anleger geschrieben. Seit fünf Jahren arbeitet Brandes als Finanzreferent und Teamleiter im Marktwächter-Projekt bei der Verbraucher­zentrale Hessen.

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