EURO AM SONNTAG

Vorsicht, Erbschleicher: Worauf Sie jetzt achten sollten

Vorsicht, Erbschleicher: Worauf Sie jetzt achten sollten

WKN: A2JGMN ISIN: CA3609291032 GAR Ltd (A)

23.04.2019 04:20:00

Isoliert, manipuliert, abkassiert: Wer im Alter Geld hat, lebt mitunter gefährlich. Selbst eine Vollmacht schützt nicht immer. Worauf Sie achten sollten. Von Maren Lohrer, Euro am Sonntag

Eigentlich hatte Eberhard Goll (Name geändert) alles richtig gemacht. Der Senior hatte eine Vorsorgevollmacht, in der seine Lebensgefährtin eingesetzt war, und auch ein Testament zu ihren Gunsten. Sie pflegte ihn, als seine Kräfte nachließen. Doch dann kam alles ganz anders als geplant. Eine Erbschleicherin übernahm die Hauptrolle.

Justizministerin Katarina Barley ermuntert, für den Fall der eigenen Hilfsbedürftigkeit rechtzeitig vorzusorgen und zu bestimmen, wer die Interessen im Ernstfall vertreten soll. Eine solche Vorsorge besteht üblicherweise in einer Vollmacht (siehe Glossar unten). Doch was ist, wenn diese missbraucht wird? Zu diesem Thema schweigt das Ministerium.

Das Dilemma: Je weniger man selbst kann, desto mehr müssen die Bevollmächtigten leisten. Damit erhöht sich die Gefahr des Missbrauchs. Die Vollmachtgeber müssten also besonders vorsichtig sein, wenn sie eine Person ­bevollmächtigen, doch solche Vorsicht fällt schwer.

Kaufen, lesen, profitieren!

Aktuelle Informationen, gründliche Recherchen, konkrete Empfehlungen: €uro am Sonntag weiß, wie die Finanzwelt funktioniert.

Zu unseren Angeboten

Hier offenbaren sich die Schattenseiten einer Vollmacht, die Risiken, die den Vollmachtgeber um sein Vermögen und auch um ein Lebensende in Würde bringen können, wie der Fall von Eberhard Goll zeigt: Die Lebensgefährtin musste selbst in eine Klinik, eine Operation war geplant. Für diese Zeit und die sich anschließende Reha organisierte sie eine Kurzzeitpflege für ihren bettlägrigen Mann, schrieb die Aufgaben genau auf. Sie ging mit dem Gefühl, alles so gut wie möglich für ihren Mann geregelt zu haben, in die Klinik. Zunächst schien auch alles gut zu laufen, sie telefonierten täglich miteinander. Dann hatte sie immer häufiger, später ausschließlich, die Pflegerin am Telefon, ihr Mann würde schlafen, wäre gerade nicht zu sprechen. Die Lebensgefährtin verkürzte ihre Reha, um ihren Mann zu seinem 80. Geburtstag zu überraschen. Zu Hause angekommen, passte der Haustürschlüssel nicht mehr, niemand öffnete auf ihr Klingeln. In ihrer Not ging sie zur Pfarrgemeinde. Dort teilte man ihr mit, dass ihr Mann schon beerdigt worden sei. Die Pflegerin hatte eine Vollmacht sowie ein Testament und die Beerdigung organisiert - ohne die Angehörigen zu informieren.

Diesen Fall schilderte Schwester Bernadette. Seitdem sie über einen Vorfall in ihrem Bekanntenkreis ein Buch geschrieben hatte, wurde die Münchner Schwester vom Guten Hirten zur inoffiziellen Anlaufstelle für Betroffene vor allem aus Deutschland. Sie kennt mittlerweile rund 400 Fälle. Schwester Bernadette kümmert sich um Menschen, die um ihr Geld und ihre Rechte gebracht worden sind, weil jemand ihre Angehörigen so manipuliert hat, dass diese weitreichende Vollmachten ausgestellt oder das Testament geändert haben. "Ich habe schon Fälle gehabt, bei denen es um mehrere Millionen Euro ging", sagt sie.

Mal sind die Täter Fremde, die alte Leute im Café oder auf der Parkbank ansprechen, mal kommen sie aus der Nachbarschaft oder aus der eigenen ­Familie. "Problematisch ist immer der Nachweis, dass die Vollmacht missbraucht wurde", sagt Professor Volker Thieler, Fachanwalt für Erbrecht. Denn das Gesetz kennt nur Schwarz oder Weiß: geschäftsfähig oder eben nicht geschäftsfähig. Thieler aber weiß: "Tatsächlich gibt es einen großen Graubereich, den ich Beeinflussbarkeit nenne." In diesem Zustand würden viele Vorsorgevollmachten von älteren Menschen unterschrieben. Diese Menschen jedoch schützt das Gesetz nicht. Und so macht die aktuelle Rechtslage finanziellen Missbrauch sehr leicht. Vollmachten werden nicht gerichtlich kontrolliert.

Der Rechtsanwalt aus Gräfelfing bei München vertritt die Töchter von Georg Luxi, einem mit 87 Jahren verstorbenen Ex-Millionär aus Deggendorf. Er ist sich sicher, dass in diesem Fall die Täterin aus der Familie kam - die Lebensgefährtin. Luxi hatte seiner Lebensgefährtin Maria S. und deren Sohn 2008 eine Vollmacht ausgestellt. Schon kurz darauf übertrugen sie Luxis sechs Doppelhaushälften auf sich, unterbanden den Zugang der Töchter zum Vater. Luxis Töchter bezweifeln, dass ihr eventuell damals schon dementer Vater ahnte, welche Folgen die Vollmacht für ihn haben könnte. Als sie eine Kontrollbetreuung vor dem Bundesgerichtshof durchsetzten konnten, war die Lebensgefährtin mit Luxi plötzlich verschwunden - nach Tschechien, wie sich viel später herausstellte.

Die letzten Wochen seines Lebens verbrachte Luxi als Sozialfall in einem Pflegeheim. Die Staatsanwaltschaft konnte der Lebensgefährtin Untreue, Freiheitsberaubung sowie Körperverletzung nicht nachweisen und stellte die Ermittlungen schließlich ein. Für Rechtsanwalt Thieler ist das ein "bodenloser Skandal".

Auf Seite 2: Jackpot für Betrüger

Seite: 1 | 2
Inhalt wird geladen
Zur aktuellen Ausgabe

Weitere Links:


Bildquelle: Shironosov/iStockphoto

Nachrichten zu GAR Ltd (A)

  • Relevant
  • Alle
  • vom Unternehmen

Aktienempfehlungen zu GAR Ltd (A)

  • Alle
  • Buy
  • Hold
  • Sell