Es war zu schön, um wahr zu sein: Ständig neue Rekorde, riesige Kurssprünge auch im Januar – der Tech-Sektor schien auch 2026 wieder alle Kritiker Lügen zu strafen. Doch dann kam die erste Handelswoche im Februar – und jetzt ist alles anders.
Ein Kommentar von BÖRSE-ONLINE-REDAKTEUR Markus Voss
Kaum waren die Quartalszahlen von Amazonam Donnerstag um zwei Minuten nach Börsenschluss über die Bildschirme der Händler geflimmert, da lag die Aktie schon zehn Prozent im Minus: Gewinn je Aktie verfehlt, Umsatz übertroffen – aber ein Investitionsprogramm angekündigt, das alle Grenzen sprengt.
Das war zu viel für die meisten Investoren. Dass der Abverkauf am Donnerstag so schnell einsetzte, keine vier Minuten nach Vorlage der Zahlen, liegt auch daran, dass die Händler und ihre Investoren ebenfalls an der KI-Front aufgerüstet haben. Womöglich laufen ihre Trading-Programme sogar in der Cloud von Amazons AWS, der Sparte, in die CEO Andy Jassy in diesem Jahr 200 Milliarden Dollar investieren will – und dafür heftig abgestraft wurde.
Eine Kette von schlechten Nachrichten
Damit reiht sich Amazon ein in die Enttäuschungen der vergangenen beiden Wochen: SAP hatte seinen Kurssturz noch mit durchwachsenen Quartalszahlen selbst eingeleitet. Ebenso wie zwei Tage später bei Microsofft, ist es vor allem das Umsatzwachstum im Cloud-Geschäft, das nicht reichte, trotz eines Zuwachses um 20 Prozent. Doch die Zweifel daran wachsen – wieder einmal –, dass die Branche ihre teuren Investitionen schnell genug über Abo-Modelle monetarisieren kann. Darunter leiden sogar Ausrüster wie AMD, dessen Chefin Lisa Su trotz proppenvoller Auftrags-Pipeline einen, nach dem Geschmack der Börse, zu vorsichtigen Ausblick abgab. Dafür wurde der AMD-Kurs um 16 Prozent rasiert – an einem Tag.
Als wären das nicht schon schlechte Nachrichten genug, legte auch noch Anthropic seinen Finger in die Wunden. Das extrem smarte KI-Startup, gegründet von früheren OpenAI-Entwicklern, hat mehrere Agenten vorgestellt, die vielleicht ganze Prozessketten in Großunternehmen obsolet machen könnten – samt ihren Mitarbeitern. Ein sogenanntes „Legal Tool“, das an Stelle hochbezahlter Anwälte Verträge prüfen und Akten automatisieren kann, lehrte die Juristen, aber auch die Softwarewelt das Fürchten. Wer implementiert noch über Jahre ein sündhaft teures und komplexes SAP-System, wenn ein KI-Anbieter dessen Aufgabe in der Cloud in zehn Minuten erledigen kann?
Diese Fragen stellen sich jetzt die Investoren. Und auch wenn die Antwort vermutlich nicht einfach Schwarz oder Weiß heißt und das letzte Stündlein von Adobe, SAP, Salesforce & Co. noch gar nicht geschlagen hat, so werden Softwareaktien trotzdem erst einmal gnadenlos verkauft. Keiner will der Letzte sein und auf seinen Papieren sitzen bleiben.
Einmal zurücklehnen - und Abstand gewinnen
In wenigen Stunden ist erst einmal Wochenende. Zeit die Wunden zu lecken und sich einmal, mit etwas Abstand, klare Gedanken zu machen. Das sollten auch die Krypto-Anleger beherzigen, die eine rabenschwarze Woche hinter sich haben. In ihrem Sektor fällt das mit dem Abstand besonders schwer. Denn Kryptobörsen handeln 24/7, jede Minute fallen dort derzeit die Bitcoin-Kurse. Welche Adressen hier in großem Stil verkaufen und ob das allein mit der Flucht in Liquidität zu tun hat, ist unklar.
Auch Gold und Silber werden dieser Tage zu Geld gemacht; vermutlich, um Margin Calls zu bedienen.
Die Gewinner sind die Langweiler von gestern
Gewinner der Woche sind die Langweiler von gestern: Der Dow Jones stieg am Dienstag auf ein Allzeithoch, Dividendenaktien legen zu. Eine Konsumgüter-Aktie wie Beiersdorf setzt ihren Aufwärtstrend, der im November begann, unvermindert fort.
Es sind Geschäftsmodelle, die berechenbar sind und unter denen sich die Anleger etwas vorstellen können. Langweilig? Vielleicht. Aber beruhigend. Erstmal. Denn die Disruption wird bald auch Branchen wie die Versicherer erfassen. Es ist nicht mehr als eine Atempause.
Anleger tun gut daran, ihre Portfolios jetzt breit zu streuen – über alle Branchen. 30 Prozent in Nvidia sind vermutlich keine so gute Idee. Und etwas Cash kann nicht schaden; um die gefallenen Engel einzusammeln, wenn sie günstig sind.
Bald ist es soweit.
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