In Europa stehen die Zeichen auf neue Zinserhöhungen. Auch Bundesbankpräsident Joachim Nagel hat sich dafür ausgesprochen. Aber ist das die völlig falsche Entscheidung?

Durch die anziehende Inflation in Europa wird aktuell nach neuen Zinserhöhungen gerufen. Bundesbankpräsident Joachim Nagel hat sich nun ähnlich geäußert.

Bundesbankpräsident fordert Zinserhöhung der EZB

"Aus heutiger Sicht entwickelt sich die Lage weniger günstig als im vorherigen Basisszenario", wird Nagel am Freitag in einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg zitiert. Es sei daher umso angemessener für den EZB-Rat, im Juni zu reagieren, falls sich die Aussichten nicht deutlich verbessern.

Die Äußerungen von Nagel, der auch Ratsmitglied der EZB ist, erfolgten einen Tag, nachdem die Notenbank die Leitzinsen unverändert gelassen hatte. Der für die Finanzmärkte wichtige Einlagensatz liegt damit weiter bei 2,0 Prozent.

Bereits in der Pressekonferenz nach der Zinsentscheidung hatte EZB-Präsidentin Christine Lagarde die Tür für eine Zinserhöhung im Juni offen gehalten. Wegen der Folgen des Iran-Kriegs mit einem starken Anstieg der Energiepreise und einer deutlich erhöhten Inflation bestehe eine "solche Unsicherheit", dass wir die Frage einer Zinserhöhung "auf unserer nächsten geldpolitischen Sitzung erneut prüfen müssen", hatte Lagarde gesagt.

Zinserhöhungen in Sicht

Und auch die Märkte gehen aktuell davon aus, dass es zu steigenden Zinsen in der Eurozone kommen wird. Laut EZB Watch Tool liegt die Wahrscheinlichkeit für eine Leitzinsanhebung im Juni auf 2,25 Prozent bei rund 90 Prozent.

Im Anschluss halten die Marktteilnehmer weitere Anhebungen für realistisch. Nach der Sitzung im Oktober ist das aktuell wahrscheinlichste Szenario ein Zinsniveau bei 2,75 Prozent.

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Die richtige Entscheidung?

Doch die Frage ist: Sind Zinserhöhungen als Reaktion auf externe Ergebnisse die richtige Entscheidung? Kritiker monieren, dass dies dem Schock nicht entgegenwirken dürfte und zudem negativen Einfluss auf die ohnehin angeschlagene Wirtschaft in Deutschland haben könnte.

Fakt ist: Zinserhöhungen sind tendenziell schädlich für das Wachstum einer Volkswirtschaft, was angesichts der bereits gesenkten Wachstumsprognosen für die deutsche Ökonomie ein negatives Zeichen ist.

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Enthält Material von dpa-AFX

Häufig gestellte Fragen

Warum fordert Bundesbankpräsident Nagel eine Zinserhöhung der EZB?

Joachim Nagel begründet seine Forderung mit einer ungünstigeren Inflationsentwicklung als im bisherigen Basisszenario erwartet. Als wesentlicher Treiber gelten die stark gestiegenen Energiepreise infolge des Iran-Kriegs, die die Inflation in der Eurozone spürbar angeheizt haben. Auch EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat eine Zinserhöhung auf der Juni-Sitzung bereits als mögliche Reaktion in Aussicht gestellt.

Wie hoch könnten die EZB-Zinsen bis Ende 2026 steigen?

Die Märkte rechnen laut EZB Watch Tool mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 90 Prozent damit, dass der Leitzins im Juni auf 2,25 Prozent angehoben wird. Bis zur Sitzung im Oktober gilt ein weiterer Anstieg auf 2,75 Prozent als wahrscheinlichstes Szenario, sofern sich die Inflationslage nicht deutlich verbessert.

Sind Zinserhöhungen als Reaktion auf steigende Energiepreise die richtige Entscheidung?

Das ist unter Ökonomen umstritten. Kritiker argumentieren, dass Zinserhöhungen einem externen Preisschock wie steigenden Energiekosten kaum entgegenwirken können, da dieser angebotsseitig verursacht wird. Gleichzeitig belasten höhere Zinsen das Wirtschaftswachstum zusätzlich – ein besonders kritischer Punkt angesichts der ohnehin gesenkten Wachstumsprognosen für die deutsche Volkswirtschaft.