Die  Neo-Bank Cometum attackiert alteingesessene Geldinstitute.  Mitgründer Alexander Rennig erklärt im Interview, wie die Bedürfnisse der „Millenials“ den Private-Banking-Sektor verändern Von Stefan Rullkötter

Boerse-online.de: Herr Rennig, Sie bezeichnen Ihr Unternehmen als Neo-Privatbank. Was ist darunter zu verstehen?
Alexander Rennig: Kern unseres Geschäftsmodells ist die Tokenisierung. Dabei werden Sachwerte wie  Oldtimer, Diamanten oder Kunstwerke digital in Form von Token über die Blockchain abgebildet. Dadurch ermöglichen wir Kunden die Partizipation an der Wertentwicklung von eigentlich illiquiden Vermögenswerten.

An welche Zielgruppe richten sich Ihre Dienstleistungsangebote?
Wir wollen den Bedürfnissen vermögender Digital Natives gerecht werden. Die junge Generation mit entsprechendem finanziellem Hintergrund möchte eine Private-Banking-Lösung, die zu ihrem digitalen Lifestyle passt, ohne auf professionelle Expertise und individuelle Vermögensbetreuung verzichten zu müssen.

„High-Net-Worth“-Kunden wollen doch am liebsten immer selbst entscheiden…
Die Digitalisierung fördert auch die Unabhängigkeit von Bankkunden bei Anlageentscheidungen. Der World Wealth Report der Beratungsfirma Capgemini zeigt aber, dass reiche Privatpersonen nur in bullishen Märkten dazu tendieren, ihr Vermögen selbst zu verwalten, während sie in Krisenzeiten und bei Marktvolatilität wieder verstärkt Beratung in Anspruch nehmen möchten.

Wealth-Lösungen jeder Spielart sind auch das Kerngeschäft der etablierten Privatbanken. Warum sehen Sie hier eine Marktlücke für Ihr Unternehmen?
Viele alteingesessene Geldinstitute stehen derzeit vor großen Herausforderungen. Ihre Klientel wird immer älter –  und die meisten Privatbanken sind parallel mit ihrer Kundschaft gealtert. Zudem haben sich deren Dienstleistungen in den vergangenen Jahrzehnten weder nennenswert weiterentwickelt, noch sind sie auf die Bedürfnisse der Generation Erbe ausgerichtet. 


Halten Sie klassische Geldinstitute für technologiefeindlich?
Auf Produktinnovationen und technologischen Fortschritt wurde im Private-Banking-Sektor allzu oft nur wenig Wert gelegt. Man griff auf Altbewährtes zurück, Innovation kam höchstens durch Übernahmen von außen.

 
Wie ist es nach Ihren Erfahrungen derzeit um die Wechselbereitschaft von Private-Banking-Kunden bestellt?
Jeder zweite Kunde einer Privatbank möchte gern wechseln oder sucht nach einer Alternative zu seiner Privatbank. Vor allem dem hohen Anlagedruck und der Nachfrage nach alternativen Anlageprodukten werden viele Institute nicht gerecht. Sie haben zwar in der Regel vermögende Stammklientel, werden sie aber aufgrund dieser Probleme langfristig nicht mehr halten können.

Wie wird sich die Private-Banking-Landschaft hierzulande verändern?
Der „Great Transfer of Wealth“ führt zu einer enormen Vermögensakkumulation bei den Millennials, den nach 1980 Geborenen. Diese Zielgruppe hat andere Erwartungen, Bedürfnisse und Wünsche als ihre Elterngeneration, im Leben allgemein, aber auch in Bezug auf ihre Bank. 

Was bedeutet das konkret für die Geschäftsstrategien von Privatbanken?
Als Digital Natives werden die Profiteure des „Great Transfer of Wealth“ von ihrer Privatbank und von Finanzdienstleistern im 21. Jahrhundert eine hybride Wealth-Management-Lösung erwarten, die auch ihr digitales Vermögen vollumfänglich berücksichtigt.

Wie wichtig ist für diese Zielgruppe ein passgenaues Private Banking?
Der Großteil der Millennials hat sich klare finanzielle Ziele für die Zukunft gesetzt: Anlagemöglichkeiten mit entsprechenden Renditechancen. Zu nennen sind hier Finanzprodukte wie etwa Private-Equity und Hedgefonds, aber auch traditionelle Sachwerte als bewährtes Absicherungs- und Diversifikationsinstrument – und das nicht nur in Krisenzeiten.

Auf welche Bankdienstleistungen legen Digital Natives besonderen Wert?
Dazu gehören digitale Services, eine 24/7-Verfügbarkeit, die Nachhaltigkeit, neuartige Assetklassen und das damit verbundene Excitement. Auch eine ansprechende User Experience steht für junge Vermögende, neben Basisdiensten und Rendite, im Vordergrund. Alles On-Demand, aber mit der persönlichen Servicekomponente einer Privatbank. An diesen Bedürfnissen sind wir mit unseren Angeboten orientiert.

Wirken sich die derzeitigen politischen und wirtschaftlichen Krisen weltweit auch auf das Anlage-Sicherheitsbedürfnis Ihrer Kunden aus?
Das ist definitiv so. Viele unserer Anleger machen sich Sorgen um ihr Geld. Sie werden geplagt von Inflationssorgen, fallenden Aktienkursen und steigenden Hypothekenkrediten, bei noch nicht adjustierten Mieterträgen. Da viele Mietverträge, insbesondere im Privatwohnungsbau, keine Index-Klauseln enthalten, lassen sich gestiegene Refinanzierungskosten nur unzureichend weiterbelasten. Dies reduziert die realen Renditen der Investoren.

Welche Rolle spielen für Ihre Kunden neue Technologien?
Durch die Blockchain-Technologie und die damit einhergehende Reduktion der Einstiegsbarrieren sind wir in der Lage, unseren Kunden professionelle Pro- dukte, die bisher nur institutionellen Anlegern vorbehalten waren, anzubieten. Sie können so einen digitalen Überblick über ihr gesamtes digitales Vermögen erhalten und an der Wertentwicklung unterschiedlicher Sachwerte partizipieren, ohne sich dabei aber um die Verwahrung oder Instandhaltung ihres Portfolios kümmern zu müssen. Zudem bleibt das digitale Vermögen stets liquide und fungibel, da sämtliche Anteile in Form von Token zeitnah handelbar sein werden

Die meisten großen Kryptowährungen performen seit Beginn des Jahres 2022 eher schlecht –  und der Negativtrend hält an. Beeinflusst diese Entwicklung auch Ihre Strategie?
Die Performance von Kryptowährungen hat nur einen sehr geringen Einfluss auf unser Geschäftsmodell. Tokenisierte Sachwerte und Kryptowährungen nutzen beide die Blockchain als Technologie. Abgesehen von dieser Gemeinsamkeit unterscheiden sich die Eigenschaften und Wertentwicklungsdynamiken aber substanziell. Anleger sind aktuell auf der Suche nach Investitionsmöglichkeiten, welche ihnen eine Art Absicherung gegen inflationäre Entwicklungen bieten. Deshalb erfahren wir gerade jetzt eine erhöhte Nachfrage nach tendenziell unkorrelierten Sachwerten.

Spüren Sie als Neo-Privatbank mittelbar auch die Folgen stark gestiegener Energiepreise und hoher Inflation?
Wir merken, dass die Ankaufspreise für unsere Assets wie etwa Fahrzeuge oder Diamanten steigen. Laut dem HAGI Porsche Index haben sich die Preise für historische Porsche 911er zwischen Januar und August 2022 um 27,1 Prozent erhöht. Im gleichen Zeitraum hat der S & P-500-Index 18,2 Prozent verloren.

Welche Renditeperspektiven sehen Sie bei Diamanten, die Sie ebenfalls als Sachwert-Investments anbieten?
Bei Diamanten sieht es ähnlich aus. Nach einer Studie der Unternehmensberatung Bain mit dem World Diamond Center in Antwerpen stiegen die Preise für Rohdiamanten im vergangenen Jahr um 21 Prozent. Diese Trends werden sich meiner Meinung nach verfestigen. Das Timing für den Einstieg in Sachwerte könnte kaum besser sein.

Haben Crowdinvestments hier nicht bereits ähnliche Angebote auf Lager?
Es gibt einige Crowdinvesting-Anbieter, welche bestimmte alternative Assets wie Fahrzeuge oder Kunst anbieten. Diese Akteure setzen allerdings auf den Einsatz von Payment-Service-Providern (PSP), um Gelder anzunehmen. Das heißt, der Kunde überweist für jedes Investment Geld oder gibt seine Kreditkartennummer an. Tendenziell handelt es sich hierbei also eher um kleinere Transaktionssummen. Dies führt dann meistens dazu, dass die angebotenen Assets etwas preiswerter sind oder als „Collectible“ einzustufen sind.

Mit Sven Quandt haben Sie einen Teilhaber aus einer bekannten Unternehmerfamilie. Hilft Ihnen das bei der Produktpipeline?
Wir arbeiten mit Experten im Bereich Kunst, Fahrzeuge, Diamanten, Wein sowie Private Equity zusammen, um zukünftig immer eine gut gefüllte Asset-Pipeline anbieten zu können.

Welche konkreten Sachwert-Investments planen Sie als Nächstes?
Unsere Kunden können sich in jedem Fall bald über Diamanten, herausragenden Wein aus den Anbaugebieten Domaine de la Romanée-Conti und Château Pétrus, einen Ferrari F40 sowie einen legendären Mercedes-Benz 300SL freuen. Davon abgesehen arbeiten wir auch daran, einen Private-Equity-Dachfonds tokenisiert anzubieten.


Zur Person:
Alexander Rennig startete seine Karriere 2015 im Venture-Capital- Sektor, arbeitete unter anderem bei AXA Venture Partners in Paris und bei Alstin Capital in München. 2018 gründete er sein erstes Start-up im Medtech-Umfeld, dessen Produkt er an einen Konzern auslizenziert hat. Seit dem Jahr 2020 wirkt Rennig als CFO bei Cometum.

Zum Unternehmen
Cometum wurde als  Start-up im Jahr 2020 von Sascha Miller und Alexander Rennig in München gegründet. Ihr Ziel ist es, Europas führender Anbieter im Segment digitales Private Banking für junge Vermögende („Millennials“) zu werden.

Die XL-Version des Interviews ist in der Wochenzeitung €uro am Sonntag erschienen, hier als digitale Ausgabe erhältlich