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Anlagestrategie: Schnellere Berichte, bessere Aktienrenditen - diese Zusammenhänge sollten Anleger kennen

Anlagestrategie: Schnellere Berichte, bessere Aktienrenditen - diese Zusammenhänge sollten Anleger kennen
14.02.2020 16:00:00

Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen künftigen Aktienrenditen, der Geschwindigkeit der Veröffentlichung von Jahres- und Quartalsberichten sowie deren Tonalität. Von Karim Bannouh

Unendliche Weiten, zahllose Möglichkeiten. Täglich wird eine schier unendliche Anzahl an Texten im Internet veröffentlicht. Dazu zählen auch Unternehmensberichte. Eine systematische Auswertung dieser Texte kann für die Invest­ment­analyse viele bisher nicht genutzte Möglichkeiten eröffnen, neue Alphaquellen zu erschließen. NN Investment Partners hat in einer Untersuchung, die gemeinsam mit der Vrije Universiteit Amsterdam erstellt wurde, analysiert, wie die Tonlage der Berichterstattung von Unternehmen weltweit mit ihren zukünftigen Aktienrenditen zusammenhängt.

Mithilfe von Natural Language Processing (NLP) haben wir die Tonalität von Berichtstexten und den Grad der Abweichung zwischen aufeinanderfolgenden Quartals- und Jahresberichten derselben Unternehmen ermittelt. NLP erfasst natürliche Sprache und elektronisch vorliegende Texte und verarbeitet sie computerbasiert mithilfe von Regeln und Algorithmen. Dafür werden Methoden aus den Sprachwissenschaften mit den Möglichkeiten künstlicher Intelligenz kombiniert. Für die Untersuchung der Unternehmensberichte haben wir die Tonalität der Texte auf Basis eines Financial Sentiment Lexikons analysiert. Dabei konnte unsere Untersuchung die schon seit Längerem bekannte Erkenntnis bestätigen, dass sich Aktien von Unternehmen mit langsamerer Berichterstattung schlechter entwickeln als Aktien von Unternehmen mit schnellerer Berichterstattung.

Das eigentliche Ziel unserer Analyse war es jedoch, herauszufinden, wie sich dieser Zusammenhang erklären lässt. Das Ergebnis: Eine langsamere Veröffentlichung der Berichte geht in der Regel einerseits mit mehr negativen Formulierungen in den entsprechenden Texten einher und andererseits mit einer größeren Abweichung gegenüber den vorherigen Berichten der jeweils gleichen Unternehmen. Die Analyse hat ergeben, dass dieses Phänomen branchen- und regionenübergreifend sowohl bei Unternehmen aus den USA also auch in Europa existiert und nicht dadurch zu erklären ist, dass große Unternehmen aufgrund ­ihrer größeren Ressourcen ihre Berichte schneller vorlegen als kleine. Fakt ist: Auch wenn man große und kleine Unternehmen getrennt voneinander analysiert, stellt man fest, dass Firmen, die ihre Berichte schneller vorlegen, deutlich höhere Aktienrenditen erzielen als Unternehmen, die bei der Veröffentlichung hinterherhinken.

Die Analyseergebnisse lassen auf mehrere mögliche Ursachen für diesen Zusammenhang schließen. Es ist naheliegend, dass Änderungen an einem Bericht Zeit benötigen. Besonders dann, wenn ein Unternehmen versucht, die Eigendarstellung zu manipulieren oder bestimmte Aspekte hervorzuheben. Ein weiterer möglicher Grund für den Zusammenhang ist, dass Unternehmen, die ihre Berichte schneller vorlegen, Informationen schneller und effizienter verarbeiten können. Dieser Fakt würde sich auch positiv auf das gesamte Geschäft auswirken. Die Geschwindigkeit der Veröffentlichung könnte also auch ein Indikator für die gesamte Effizienz des Unternehmens sein.

Wir nutzen die Erkenntnisse dieser Analyse bereits im Rahmen des Investmentprozesses für unsere Aktien-Strategien. Der Prozess basiert auf zwei Säulen: einem quantitativen und einem fundamentalen Ansatz. Die quantitative Säule nutzt ein Multi-Faktor-Modell und berücksichtigt per NLP auch den in der Analyse untersuchten Faktor "Reporting lag". Die Einbeziehung von Stimmungsanalysen in Investment­analysen steckt noch in den Anfängen. Wir sind jedoch überzeugt, dass sich dank dieser Technologie künftig viele Möglichkeiten eröffnen werden, neue Alphaquellen zu erschließen. Dabei scheint diese Technologie vielversprechend und hilfreich für Investmentansätze zu sein, die zum Beispiel Faktoren hinsichtlich Umwelt, Soziales, Unternehmensführung (ESG) berücksichtigen. Denn ESG-Faktoren sind häufig subjektiver und schwieriger zu quantifizieren.


Bildquelle: NN Investment Partners
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