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Der Computer als Anlageberater?

Der Computer als Anlageberater?
10.12.2016 07:00:00

Indexfonds, die aufbauen auf Technologien des Smart-Beta-ETF, werden immer beliebter. Intelligente Computerprogramme im Vergleich zum klassischen Fondsmanager. Von Gastautor Christian Michel

Nicht nur das Angebot, auch die Umsätze im Smart-Beta-ETF-Segment wachsen rasant - seit 2013 haben sich die Anzahl der angebotenen Fonds und deren Volumina mehr als verdoppelt. Bei dieser Art des Anlagekonzepts handelt es sich um Indexfonds, die nicht wie normale ETFs rein passiv nach Marktkapitalisierung aufgestellt sind, sondern anhand bestimmter Parameter wie beispielsweise einer hohen Dividende, niedriger Volatilität oder eines schnellen Unternehmenswachstums eine bestimmte Zusammensetzung des Portfolios präferieren.



Gleichzeitig werden diese Differenzierungen immer komplexer. Gab es vor zwei Jahren noch Modelle, die 450 Faktoren als Entscheidungsgrundlage für oder gegen bestimmte Investitionen enthielten, so existieren aktuell Konzepte mit mehr als 2500 relevanten Faktoren. Man könnte bei dieser Fülle an Algorithmen schon fast von einem virtuellen Fondsmanager sprechen, der für den Anleger arbeitet - inklusive Honorar! Denn die Gebühren, die dem Anleger entstehen, sind in der Tat sehr viel höher als jene, die für einen klassischen passiven Indexfonds anfallen. Sind diese Konzepte tatsächlich eine Alternative zum klassischen Fondsmanagement, oder wird hier eher eine clevere Marketingstrategie der Anbieter umgesetzt?


Tatsächlich handelt es sich um eine Symbiose von Merkmalen aktiven und passiven Fondsmanagements. So generiert der Smart-Beta-ETF für den Anleger in regelbasierter Umsetzung die Markterträge des passiven ETF gleichsam wie die aktiven Erträge durch diskretionäre Implementierung gezielter Transaktionen. Zweifellos stellt das eine Herausforderung für jeden Fondsmanager dar, wenn er eine bessere Performance erzielen will als regelgebundene Smart-Beta-ETF-Produkte.

Wichtigstes Kriterium und oberstes Gebot für einen Fondsmanager ist also die Flexibilität. Zwar kann ein Programm mehr Transaktionen durchführen als ein Mensch, jedoch kann dieser schneller auf wechselnde Marktvorgaben reagieren als sein virtuelles Gegenüber. Mit anderen Worten: Ein Smart-Beta-ETF-Produkt vermag mehr Daten auszuwerten, jedoch kann der menschliche Fondsmanager bei der Kontrolle der Datenqualität und Interpretation der Ergebnisse umgehender reagieren und zielgerichtete Änderungen vornehmen.

Zudem erfordern neue Produkte neue Entscheidungsfaktoren - auch hier kann ein Fondsmanager seine Kriterien meist sehr viel schneller anpassen als ein Programm. Die Vorteile eines Fondsmanagers kommen aber besonders bei Nutzung von mehreren Faktoren zum Tragen. Denn durch Diversifikation über Faktoren hinweg kann es leicht passieren, dass im Portfolio auch ungewünschte Elemente oder zusätzliche Risiken allokiert werden.

Gerade deshalb sind diese Unterschiede in der Reaktionszeit und der Effizienz von Anpassungen der zentrale Grund dafür, dass die Qualitätsspanne der angebotenen Smart-Beta-ETF-Produkte in der Realität so weit auseinandergeht. Manche Produkte funktionieren viel schlechter als andere - der Anleger müsste also genau wissen, welche Parameter die richtigen für profitable Transaktionen sind. Natürlich kann er dies alles mit fundierten Marktkenntnissen leisten, aber worin besteht dann der Unterschied zur Arbeit eines aktiven Fondsmanagers? Dieser muss, um Rendite zu erzielen oder Risiken zu reduzieren, ohnehin breit aufgestellt und anhand wichtiger Parameter investieren.

Ist es dann nicht logischer, gleich einen Manager zu engagieren, anstatt die Gebühren für das Smart-Beta-ETF zu zahlen? Mich erinnert dieser Trend ein wenig an jene - ebenso angesagten - italienischen Restaurants, in denen man viel Geld bezahlt, aber selbst zu einer Kochstation gehen muss, um sich in einer Schlange anzustellen und dann sein Mittagessen selbst an den Platz zu bringen. Natürlich kann man sich es auch dort schmecken lassen, aber im Grunde genommen übernimmt man doch die Arbeit eines anderen und zahlt auch noch dafür.

Christian Michel ist seit 2005 bei FERI EuroRating Services tätig und dort für die qualitativen und quantitativen Bewertungen von Investmentfonds, institutionellen Strategien und Asset Management Gesellschaften verantwortlich. Die FERI EuroRating Services AG, ein Unternehmen der Scope Corporation AG, ist eines der führenden europäischen Häuser für Research, Selektion und Analyse von Fonds und Sachwerten.


Bildquelle: FERI EuroRating Services AG
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