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Die Finanzkrise wirkt immer noch nach - Was Anleger tun sollten

Die Finanzkrise wirkt immer noch nach - Was Anleger tun sollten
27.08.2017 08:00:00

Anlagestrategie: Eine steigende Inflation ist nicht in Sicht, die Zinsen werden auch nicht so schnell steigen. Für Anleger bleiben Aktien auf Jahre hinaus das attraktivste Investment. Von Gastautor Reinhard Panse



Nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers 2008 hat die US-Notenbank Fed rechtzeitig und konsequent die Zinsen gesenkt und - hauptsächlich über Anleihekäufe im großen Stil - massiv Geld gedruckt. Die Europäische Zentralbank (EZB) hingegen hat unter dem fatalen Einfluss der Bundesbank viel zu spät damit begonnen, die Zinsen zu senken und Anleihen zu kaufen. Wer rechtzeitig Geld gedruckt hat, wie das auch die britische Notenbank tat, konnte nach einigen Jahren wieder damit aufhören. Für die anderen, vor allem für die Eurozone, verlängerte sich die Leidenszeit dadurch erheblich.



Doch jetzt läuft es für die europäische Wirtschaft wieder gut. Ist die Finanzkrise in der Eurozone damit erledigt? Darf der deutsche Sparer wieder auf attraktive Zinsen hoffen? Die Antwort lautet: nein. Denn steigende Zinsen, insbesondere für unsolide Schuldner, wären im Moment für Länder wie Italien oder Portugal nicht verkraftbar. Auch der deutsche Finanzminister fühlt sich mit der derzeitigen Niedrigzinspolitik sehr wohl, hat doch die Bundesregierung einer aktuellen Studie der Bundesbank zufolge dadurch in den letzten Jahren 250 Milliarden Euro an Zinskosten gespart.


Und die niedrigen Zinsen werden der Eurozone noch eine ganze Weile erhalten bleiben. Denn das Schuldenproblem bleibt auch langfristig bestehen. Verursacht wurde es durch einen überzogenen Sozialstaat und häufige teure Konjunkturprogramme in Wirtschaftskrisen. Auch durch Ausgabenkürzungen wird es nicht in den Griff zu bekommen sein. Das garantiert allein schon die demografische Entwicklung: Einer stark wachsenden Zahl an Rentnern steht eine künftig stagnierende, später auch sinkende Zahl an Rentenbeitragszahlern und Steuerzahlern gegenüber. Leider werden all diese Probleme durch populistische Politiker in etlichen Ländern verschärft. Den direkten Zusammenhang zeigt das Beispiel Großbritannien. Die Entscheidung der britischen Wähler, die EU zu verlassen, hat am Tag nach dem Brexit-Referendum die britische Zentralbank dazu gebracht, mit Verweis auf die für das Land negativen wirtschaftlichen Auswirkungen das Gelddrucken stark auszuweiten. Die Zinsen sanken daraufhin weltweit auf neue Rekordtiefstände.

All das setzt die EZB unter Zugzwang, die Zinsen niedrig und die Geldmenge hoch zu halten. Zumal sich herausgestellt hat, dass, anders als befürchtet, die massive Ausweitung der Geldmenge nicht zur Inflation geführt hat. Insgesamt sollte man deshalb allenfalls ein vorsichtiges Herantasten der EZB an eine etwas weniger lockere Geldpolitik erwarten, wenn der wirtschaftliche Aufschwung sich fortsetzt. Sollten allerdings erneut finanzielle Turbulenzen entstehen, wird die EZB genauso handeln wie die Bank of England nach der Brexit-Entscheidung und das Gelddrucken noch einmal beschleunigen. Der Sparer wird also noch lange auf "normale" Zinsen warten müssen.

Es stellt sich daher die Frage, wo in diesem Umfeld noch geeignete Anlagen zu finden sind. Meine Antwort lautet: Wer keinen realen Vermögensverlust erleiden will, kommt am Aktienmarkt nicht vorbei. Auch dort werden die Bäume zwar nicht in den Himmel wachsen: In den nächsten zehn Jahren sind an den internationalen Aktienmärkten Renditen von durchschnittlich etwa fünf Prozent pro Jahr zu erwarten und damit etwas weniger als in den vergangenen Jahrzehnten. Doch das ist immer noch deutlich mehr, als jede andere liquide Anlageform erwarten lässt. Für die Aktienanlage spricht auch: Trotz kurzfristig erheblicher und in ihrer Ausprägung nicht vorhersehbarer Schwankungen können langfristig orientierte Anleger hier in den nächsten zehn Jahren mit hoher, in den nächsten 30 Jahren sogar mit nahezu 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit mit mittleren einstelligen Renditen rechnen. Alle anderen Anleger müssen sich dagegen auf moderate jährliche reale Vermögensverluste einstellen.

Reinhard Panse: Der studierte Betriebswirt Panse ist seit 2011 Chief Investment Officer bei HQ Trust und beim digitalen Vermögensverwalter Liqid Investments. HQ Trust (Harald Quandt) ist ein Verwalter hochkomplexer Vermögen von Privatpersonen, Familien und Stiftungen und Berater für institutionelle Anleger, Pensionskassen und Versorgungswerke. Liqid ist eine Plattform, auf der die klassische Vermögensverwaltung digitalisiert wurde.


Bildquelle: Uwe Noelke/HQ Trust GmbH
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