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Kenneth Rogoff: Beweis für Macht, aber nicht für Klugheit

Kenneth Rogoff: Beweis für Macht, aber nicht für Klugheit

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16.05.2019 15:00:00

Sollte trotz der Eskalation vergangene Woche doch noch ein Handelsabkommen zwischen China und den USA zustande kommen, sollte Peking mehr geldpolitische Autonomie zugestanden werden. Alles andere wäre brandgefährlich. Von Kenneth Rogoff, Gastautor für €uro am Sonntag

Wird eine mögliche Handelsvereinbarung zwischen den USA und China - ­vorausgesetzt, es kommt trotz der Querelen in dieser Woche noch dazu - die globalen Geschäftszyklen verschärfen oder gar der nächsten asiatischen Finanzkrise den Boden bereiten? Falls die Übereinkunft China letztlich zwingt, dauerhaft an seinem antiquierten, übertrieben rigiden Wechselkurssystem festzuhalten, könnte die Antwort "Ja" lauten.

Den Wechselkurs des Renminbi gegenüber dem US-Dollar stabil zu halten, würde von den chinesischen Behörden verlangen, entweder Veränderungen bei den US-Zinssätzen mitzumachen oder Verrenkungen im Bereich der Kapitalkontrollen zu unternehmen, um den vom Wechselkurs ausgehenden Druck anderweitig auszugleichen. Doch China ist schlicht zu groß und zu global ausgerichtet, um an einer Wechselkurs­politik festzuhalten, die sich besser für kleine, offene Volkswirtschaften eignet.

Zudem ergibt keiner der beiden Ansätze, den Renminbi stabil zu halten (die Aufrechterhaltung der Zinsparität oder der Einsatz von Kapitalkontrollen), Sinn für eine Wirtschaft mit Geschäfts­zyklen, die selten genau mit denen der USA übereinstimmen. Angesichts seiner tendenziell abnehmenden Wirtschaftsleistung, dem Überangebot auf dem Wohnungssektor und überschuldeten Regionalregierungen kommen auf China unweigerlich politisch sensible Wachstumsprobleme zu. Wenn es so weit ist, muss die chinesische Notenbank in der Lage sein, ihre Geldpolitik zu lockern, ohne sich Sorgen um die Stützung des Wechselkurses machen zu müssen. Wenn ein Land unter ernstem finanziellen und gesamtwirtschaftlichen Druck gerät, ist das Festhalten an einem starren Wechselkurs bekanntermaßen ein Rezept, um in die Kata­strophe zu schlittern. Der IWF und auch die meisten Wirtschaftswissenschaftler betonen dies seit Langem.

Eine derartige Übereinkunft über den Wechselkurs stünde zudem im Widerspruch zu anderen Elementen eines ­potenziellen bilateralen Handels­abkommens, das für beide Seiten günstig wäre. So hat China etwa versprochen, geistige Eigentumsrechte strikter durchzusetzen (auch wenn abzuwarten bleibt, wie strikt das sein wird). Eine größere chinesische Strenge in diesem Bereich könnte kurzfristig amerikanischen und europäischen Firmen nutzen, würde jedoch langfristig dazu beitragen, Wettbewerb und Innovation in Chinas eigenen Fertigungs- und Technologiesektoren zu fördern.

China hat wenig Interesse, Eigentumsrechte zu schützen


Schließlich hatten die USA im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts wie China heute wenig Interesse daran, die geistigen Eigentumsrechte ausländischer Firmen zu schützen, und die Amerikaner kopierten deren Ideen und Entwürfe in großem Umfang. Als die amerikanischen Erfinder jedoch erfolgreicher wurden, wurde der Schutz ihrer Rechte auch für sie wichtig, und die USA passten ihr Patentrecht und ihre Gesetze zum Schutz geistigen Eigentums dann an führende globale Standards an.

Auch könnten beide Seiten davon profitieren, dass Amerika darauf besteht, dass die chinesische Regierung aufhört, Exporteure üppig zu subventionieren. Die meisten dieser Subventionen gehen an Chinas ineffiziente staatseigene Unternehmen, die dem dynamischeren privaten Sektor Kredite und andere Ressourcen entziehen.

Ganz allgemein könnte ein Handelsabkommen den Wirtschaftsreformen in China, die im Laufe der letzten Jahre zum Stillstand gekommen oder rückgängig gemacht worden zu sein scheinen, neuen Schwung verleihen. Auf einer Reise nach Peking fragte ich jüngst einen sehr hochrangigen chinesischen Regierungsvertreter nach dieser Verlangsamung. Ich erwartete, dass er eine lange Liste bedeutungsloser Reformen abspulen würde, entsprechend der üblicherweise vorgebrachten Linie, dass China die Dinge stets nach und nach angehe. Daher war ich überrascht, als er offen eingestand: "Wir unternehmen wichtige Reformen nur in der Krise, und zuletzt gab es keine ausreichend große Krise."

Trump zwingt Peking zu Strukturreformen


In diesem Sinne kommt US-Präsident Donald Trump wie gerufen, denn er zwingt die chinesischen Behörden, sich bewusst zu machen, dass sie sich nicht länger darauf verlassen können, dass die US-Verbrauchernachfrage Chinas Wachstumslokomotive am Laufen hält. Tatsächlich witzeln einige Beobachter, dass Trump der Retter der chinesischen Wirtschaft sei, weil die Panik über einen möglichen Handelskrieg dazu beitrage, lange stockende Strukturreformen endlich anzugehen.

Doch könnte der amerikanische Druck, China zu verpflichten, den Wechselkurs von Renminbi und Dollar stabil zu halten und davon abzusehen, seine Währung wettbewerbsorientiert abzuwerten, weitere Wirtschaftsreformen untergraben. Insbesondere würde eine derartige Regelung China hindern, allmählich die für eine unabhängigere Geldpolitik erforderliche größere Wechselkursflexibilität walten zu lassen.

Trumps Team scheint irrigerweise der Annahme anzuhängen, China interveniere, um seine Währung schwach zu halten und so den Export zu fördern. Die von einigen Beobachtern seit Langem geäußerte Sicht, China manipuliere seine Währung, spielt die Tatsache herunter, dass die Wurzel von Chinas enormer Wettbewerbsfähigkeit lange seine relativ niedrigen Löhne waren. Grundlegender ist, dass die Anschuldigung, dass China den Wechselkurs manipuliere, für die jüngste Zeit schlicht nicht stimmt. In den letzten Jahren stand der Renminbi über weite Strecken unter Abwärtsdruck, und die Regierung hat darauf mit deutlich strengeren Beschränkungen für offene und versteckte Kapitalabflüsse reagiert. Die chinesischen Behörden haben den Kurs des Renminbi nicht gedeckelt, sondern ihn - auch aus Furcht, dass eine zu schnelle Abwertung zu einem massiven Kapitalabzug führen könnte - sogar gestützt.

China muss globale Handelspraktiken einhalten


Ein inflexibler Wechselkurs könnte nicht die einzige potenzielle Schwäche eines Handelsabkommens sein. Die US-Verhandlungsführer scheinen zudem die Bilanzierungsregel außer Acht zu lassen, dass die Leistungsbilanz eines Landes immer den Ersparnissen dieses Landes abzüglich seiner Investitionen entspricht. Wenn die amerikanischen Konsumausgaben hoch sind und die US-Regierung ein enormes Haushaltsdefizit fährt, muss das Land irgendwo Kredite aufnehmen. Und wenn China gezwungen ist, seinen bilateralen Handelsüberschuss gegenüber Amerika abzubauen, wird es schlicht die letzten Stufen der Warenproduktion ins Ausland verlagern, sodass die US-Importe statistisch erfasst werden, als stammten sie aus einem anderen asiatischen Land, etwa Vietnam.

Natürlich ist es für die gesamte Welt wichtig, China zur Einhaltung konventioneller globaler Handelspraktiken zu drängen. Jüngste Reden des chinesischen Präsidenten Xi Jinping sind in dieser Hinsicht ermutigend (auch wenn zu wünschen wäre, dass bei den Handelsverhandlungen auch der Umweltschutz zur Sprache käme). Doch wenn ein Abkommen letztlich verhindert, dass China größere geldpolitische Autonomie erlangt, könnte das bei Eintritt der nächsten großen asiatischen Rezession bedeutende Probleme verursachen. In diesem Fall hätten die amerikanischen Unterhändler ihre Verhandlungsmacht, aber nicht ihre Klugheit unter Beweis gestellt.

Copyright: Project Syndicate

Kurzvita


Kenneth Rogoff
Professor an der Harvard-Universität
Seit 1999 lehrt der Ökonomieprofessor an der US-Eliteuniversität Harvard. Von 2001 bis 2003 war er Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF). ­Internationale Beachtung fand 2010 sein Buch "Dieses Mal ist ­alles anders: Acht Jahrhunderte Finanzkrisen". Er gilt zudem als einer der besten Schach­spieler der USA und trägt den Titel eines Großmeisters.

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Bildquelle: Project Syndicate
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