Deutschland hat den Nerv der Anleger getroffen. Mit mehr als 33 Milliarden Euro war das Orderbuch für die erste grüne Bundesanleihe prall gefüllt. So viel Geld boten Investoren dem deutschen Staat Anfang September an, um grüne Projekte zu finanzieren. Für europäische Verhältnisse ist das ein Rekord. Als Frankreich im Jahr 2017 mit einer grünen Anleihe an den Markt kam, betrug das Orderbuch rund 24 Milliarden Euro.

An schwacher Nachfrage lag es also nicht, dass der "Grüne Bund" am Ende nur 6,5 Milliarden Euro schwer wurde. Im Gegenteil: Die erstklassige Kreditwürdigkeit Deutschlands und der Status als "sicherer Hafen" ziehen trotz Minusrenditen immer noch - auch dann, wenn es um grüne Finanzierung geht. Denn die Investoren waren sogar bereit, Deutschland zu günstigeren Konditionen als sonst üblich Geld zu leihen. Die Emissionsrendite der grünen Bundesanleihe lag mit Minus 0,46 Prozent noch unter der Rendite vergleichbarer konventioneller Bundesanleihen. Wenn die Bundesrepublik bereit wäre, mehr Geld in die Stärkung des Klimaschutzes zu investieren, kann sie dies also zu noch günstigeren Konditionen tun als eine Finanzierung des "Weiter so".

Mittel aus grünen Anleihen fließen auch in grüne Projekte

Deshalb ist die erste grüne Bundesanleihe ein Erfolg! Ab jetzt sollte die Frage, ob sich Deutschland die grüne Transformation überhaupt leisten kann, kein Thema mehr sein. Denn der Kapitalmarkt hat gezeigt: Investoren sind willens und bereit, viel mehr Mittel zur Verfügung zu stellen, als der Bund bislang für Nachhaltigkeitsprojekte aufzunehmen plant. Dabei richtete sich die Vermarktung des ersten "Grünen Bunds" zunächst nur an institutionelle Anleger wie Notenbanken, Geschäftsbanken, Pensionskassen oder Vermögensverwalter. Der Privatkundenmarkt wurde bislang noch gar nicht angesprochen. Hinzu kommen die sehr günstigen Bedingungen für die ökologischen Investitionsausgaben des Staates: Der Bund kann heute 100 Millionen Euro aufnehmen, muss dafür überhaupt keine Zinsen zahlen und kann diese Anleihe in zehn Jahren für nur 95,5 Millionen Euro vollständig tilgen.

Mittelfristig könnte dies tatsächlich auch aufseiten des Gesetzgebers Nachhaltigkeitsprojekten mehr Schub verleihen. Gerade bei privaten Anlegern zeigen sich aber auch Bedenken, was der "Grüne Bund" denn eigentlich bringt. Das ist verständlich. Ein privater Anleger, der bereit ist, mit dem Kauf einer grünen Bundesanleihe eine Minusrendite in Kauf zu nehmen, will ja zumindest dadurch einen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten. Die noch junge Anlagegattung zeigt, wie eng gesteckt die Grenzen hier noch sind. Der Schuldenmanager des Bundes, also die Finanzagentur, will immer nur gerade so viel Geld über grüne Staatspapiere aufnehmen, wie im Vorjahr in grüne Projekte geflossen ist. Für diesen Blick in den Rückspiegel hat die Finanzagentur einen guten Grund: das sogenannte Non-Affektationsprinzip im Staatshaushalt, also das Gesamtdeckungsprinzip. Alle am Kapitalmarkt aufgenommenen Mittel werden zur Deckung der Ausgaben des Gesamthaushalts genutzt - unabhängig davon, ob sie nun als grün oder konventionell deklariert sind. Es darf aufgrund dieser rechtlichen Vorgabe gar keine Unterscheidung in der zukünftigen Mittelverwendung geben. Deutschland legt durch seine rückwärtsgewandte Berechnungsweise also besonders strenge Kriterien der Staatsfinanzierung an. Um belegen zu können, dass die Mittel aus grünen Anleihen in "grüne" Projekte fließen, werden nur die in der Vergangenheit getätigten Ausgaben zugrunde gelegt.

"Grünfärberei" kann man dem neuen Emissionsprogramm des Bundes also keinesfalls vorwerfen. Die genaue Betrachtung zeigt aber: Im Jahr 2019 ließen sich im Bundeshaushalt gerade einmal 12,7 Milliarden Euro als grüne Projekte im weiteren Sinne abgrenzen. Wie wir jetzt eindrucksvoll gesehen haben, wäre der Kapitalmarkt bereit, dem Bund zu äußerst günstigen Bedingungen viel mehr Mittel für solche Ausgaben zur Verfügung zu stellen. Hier ist der Gesetzgeber gefordert. Denn mit den grünen Bundesanleihen wird nun jeden Tag ein Zeichen gesetzt, dass Deutschland in diesem Bereich mehr tun könnte - wenn es denn wollte.

Christian Kopf

 


Leiter Rentenfondsmanagement bei Union Investment

Kopf leitet seit 2017 das Rentenfondsmanagement von Union Investment mit mehr als 50 Mitarbeitern und gut 60 Milliarden Euro an Kundengeldern.