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Virginie Maisonneuve: Phase 3 von Chinas Aufstieg

Virginie Maisonneuve: Phase 3 von Chinas Aufstieg
14.10.2021 06:42:46

China geht neben Wirtschaftsthemen vermehrt soziale Probleme im Land an. Das eröffnet Anlegern neue Chancen, meint Euro am Sonntag-Gastautorin Virginie Maisonneuve.

Eine Flut negativer Schlagzeilen aus China hat Anleger weltweit verunsichert. Man sollte die Geschehnisse aber im größeren Zusammenhang betrachten. Zum 100. Jahrestag der Gründung der Kommunistischen Partei verpflichtet sich China nicht nur zu anhaltendem wirtschaftlichem Erfolg, sondern auch dazu, sich um soziale Belange zu kümmern. Diese Bemühungen werden zwangsläufig für einige Unruhe und Volatilität sorgen, doch sie sind Teil der Neupositionierung Chinas für eine globale Rolle. Anlegern eröffnet dies Chancen.

Wir sind Zeitzeuge von Phase 3 des wirtschaftlichen Aufstiegs Chinas. Sie folgt auf Phase 1, als China der Welthandelsorganisation WTO beitrat und zu einem wichtigen Glied der globalen Lieferketten wurde, und Phase 2, als ein hochtechnisiertes China Japan als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ablöste und begann, seine Finanzmärkte in das globale System zu integrieren. Doch Phase 3 ist wohl die schwierigste: China will einerseits die eigene Wirtschaftskraft nutzen, um sich an die Spitze zu drängen, möchte andererseits aber gleichzeitig auch die "weiche" Anziehungskraft und den eigenen Einfluss ausbauen.

Geopolitische Spannungen und fragile globale Lieferketten erschweren es dem Land aktuell, ein wichtiges wirtschaftliches Ziel in dieser Phase zu erreichen: technologische Autarkie in strategisch wichtigen Bereichen wie neue Energien, 5G und intelligente Fertigung. Beispiel Halbleiter: China verbraucht 35 Prozent des weltweiten Angebots, stellt aber nur zehn Prozent davon her. Für ein Land, das sich sehr auf die nationale Sicherheit konzentriert, hat die Verringerung von Hightech-Schwachstellen hohe Priorität.

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Die andere Komponente von Phase 3 besteht darin, dass China soziale Fragen in einer Weise angeht, die mit seinem kommunistischen System im Einklang steht. In den vergangenen Monaten wurde versucht, den Bildungssektor neu auszurichten und eine Kultur zu reformieren, die einen überwältigenden Leistungsdruck auf Schüler ausübt und gleichzeitig soziale Ungleichheit verschärft. Auch im Technologiesektor hat China die "Spielregeln" überarbeitet und sich auf die strategische Bedeutung von Daten in einer von künstlicher Intelligenz angetriebenen Welt konzentriert. Es ist verständlich, dass diese Maßnahmen die Märkte nervös gemacht haben. Allerdings wird China die "goldene Gans" des eigenen Finanzmarkterfolgs kaum schlachten wollen.

Noch wichtiger: Die Befürchtung, eine erneute Betonung sozialer und wirtschaftlicher Governance werde Chinas Wachstum schaden, geht an der Sache vorbei. In der nächsten Phase des Auftretens Chinas auf der Weltbühne wird es ebenso sehr um "weiche" Macht wie um wirtschaftliche Macht gehen - beide sind symbiotisch. Denn das Land versucht, eine positive Geschichte für sich selbst zu entwerfen.

Chinas Vision nutzen

Um ein positives neues Kapitel in seiner Geschichte zu schreiben, gibt es für China vielleicht keine bessere Gelegenheit als den Klimawandel. Das Land hat sich ehrgeizige Dekarbonisierungsziele gesetzt, und es wird keine leichte Aufgabe sein, diese zu erreichen. Aber es gibt auch vielversprechende Anzeichen für eine internationale Zusammenarbeit. Im April 2021 verpflichteten sich US-amerikanische und chinesische Beamte öffentlich, bei der Umsetzung des Pariser Abkommens zusammenzuarbeiten. Vielleicht wird die Klimakrise so zum Auslöser für mehr geopolitische Stabilität und Zusammenarbeit in einer Zeit tiefgreifender globaler Veränderungen.

Anleger, die die aktuellen Entwicklungen in China verstehen wollen, müssen wissen, wie sich Chinas politische Agenda auf neue Bereiche wie die Förderung der Hightech-Produktion, die Bekämpfung sozialer Missstände und den Kampf gegen den Klimawandel verlagert hat. Dies kann wichtige Erkenntnisse über den weiteren Weg liefern. Am wichtigsten aber erscheint: Anleger, die akzeptieren, dass Volatilität immer ein Merkmal der chinesischen Märkte sein wird, können Chinas langfristige Vision klarer erkennen und für sich nutzen: die eines wichtigen Akteurs auf der Weltbühne.
 


Virginie Maison-Neuve,
 
Global CIO Equity Allianz GI

Maisonneuve leitet seit diesem Jahr die globale Aktienplattform von AllianzGI. In ihrer 30-jährigen Investment-Karriere war sie unter anderem für Pimco, Schroders, State Street Research und Martin Currie tätig. AllianzGI verwaltet weltweit 177 Milliarden Euro an Aktieninvestments für private und institutionelle Kunden.

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