Die Straße von Hormus ist ein Nadelöhr des globalen Ölhandels. Sollte die Passage infolge des Iran-Kriegs noch weitere sechs bis acht Wochen nicht oder nur stark eingeschränkt passierbar sein, könnte der Ölpreis auf bis zu 200 Dollar je Barrel springen, warnen Experten. 

Nachdem am 28. Februar 2026 Israel und die Vereinigten Staaten ihre Angriffe auf den Iran begannen, sprang der Ölpreis binnen weniger Tage schnell und heftig in die Höhe – zeitweise bis auf 120 Dollar je Barrel. Dieser Sprung war vor allem psychologisch begründet und basierte auf der Angst vor einer Schließung der Straße von Hormus, der wichtigsten Transportader für Rohöl weltweit.

Nun ist die Straße von Hormus wirklich weitgehend unpassierbar, es kann ganz real kein neues Öl mehr nach Asien, Europa oder in die USA verschifft werden. Die letzten Tanker, die noch vor Ausbruch des Krieges mit Öl und LNG beladen wurden, haben ihre Ziele längst erreicht. Nachschub gibt es – vorerst – nicht mehr.

Doch diese ganz realen Folgen würden nun vom Markt völlig unterschätzt, warnt Fereidun Fesharaki, Chairman Emeritus der Energieberatung FGE NexantECA. Viele Marktteilnehmer seien in dem Glauben, der Markt habe diese Entwicklung ja bereits vorweggenommen und im Ölpreis eingepreist. Das sei aber nicht der Fall, sagt Fesharaki.

Sollte die Blockade der Straße von Hormus weitere sechs bis acht Wochen anhalten, könne der Ölpreis auf Niveaus zwischen 150 und 200 Dollar je Barrel steigen, warnt er. Dann würden nämlich nicht „Risikoaufschläge“ den Preis treiben, sondern ein echter Mangel.

Brent-Öl (ISIN: FTREFF000001)

Der Kampf um die letzten Fässer wird bald beginnen

Die Dimension, auf die sich Wirtschaft und Unternehmen einstellen müssten, sei drastisch, wird Fesharaki in einem Artikel auf dem Portal "Seeking Alpha" zitiert. Aktuell würden pro Woche rund 100 Millionen Barrel Öl nicht mehr „durchgehen“, pro Monat etwa 400 Millionen Barrel. Die Folge: Lagerbestände werden schneller abgebaut, Raffinerien und Abnehmer konkurrieren aggressiv um verfügbare Ladungen und überbieten sich gegenseitig. So könne in einem ohnehin angespannten Umfeld aus Volatilität rasch ein Preisschub werden – und aus dem Preisschub ein Schock. „Innerhalb kurzer Zeit werden diese Verluste für den Markt astronomische Ausmaße annehmen“, sagt der Öl-Experte.

Markt reagiert auf jede neue Meldung nervös

Am Dienstag zeigte sich, wie der Markt derzeit tickt: In der Nacht geriet im Persischen Golf ein kuwaitischer Öltanker in Brand. Er sei Ziel eines iranischen Angriffs geworden, während er vor dem Hafen von Dubai im Persischen Golf vor Anker lag, teilte die Kuwait Petroleum Corporation nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Kuna mit. Prompt zogen die Ölpreis-Notierungen schlagartig an. Sie gaben aber später am Tag wieder nach, als Meldungen kursierten, wonach US-Präsident Donald Trump den Konflikt auf jeden Fall beenden wolle – selbst wenn die Wasserstraße erstmal geschlossen bleibe.

Nach Ansicht der Analysten dämpfen solche politischen Signale den Preisanstieg allenfalls kurzfristig. Für die unterliegende Preisdynamik infolge der Knappheit am Markt sind sie zweitrangig. Denn die Händler blicken auf die realen Daten: Welche Mengen kommen tatsächlich an? Was fällt real aus? Was wird umgeleitet? Öl der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) notierte am Dienstagmittag bei rund 102 Dollar je Barrel, nachdem der Preis zuvor nach dem Tankerereignis zeitweise um fast vier Prozent gestiegen war. Brent lag bei etwa 107 Dollar. Diese Niveaus zeigen: Der Markt hat den Konflikt eingepreist – aber das sind noch nicht die Preise, die bei anhaltenden Engpässen möglich wären, warnt Fesharaki.

Politische Ankündigungen ersetzen keine Tanker

Fesharaki bringt es in einem Satz auf den Punkt: Verbale Interventionen würden den Markt kaum beeindrucken. Wenn das Angebot aber real fehle, befeuere das die Preisrally. Barrel schlagen Ankündigungen, politische Kommunikation kann Stimmungen zwar drehen – aber keine Tanker ersetzen.

Wie ernst auch die US-Politik dieses Szenario nimmt, zeigt ein – bislang unbestätigter – Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg aus der vergangenen Woche. Bloomberg berichtete, US-Regierungsvertreter würden bereits durchspielen, was ein Ölpreissprung bis 200 Dollar je Barrel für die Wirtschaft bedeuten würde. Die Modellierung der möglichen negativen Auswirkungen eines stärkeren Ölpreisanstiegs sei Teil der regelmäßigen Lagebeurteilung in Krisenzeiten und stelle keine Prognose dar, sagten Informanten der Nachrichtenagentur. Ziel sei es, sicherzustellen, dass die Regierung auf alle Eventualitäten vorbereitet sei – einschließlich eines langwierigen Konflikts.

Konsequenzen für Anleger

Anleger, die in Öl, Ölaktien, Energietitel oder entsprechende ETFs aus der Branche investiert sind, sollten auch in den kommenden Tagen und Wochen mit schnellen Richtungswechseln rechnen. Doch je länger der Konflikt anhält, umso wahrscheinlicher wird es, dass das 200-Dollar-Szenario näher rückt – und die Kurse der Ölwerte weiter steigen. Auch wenn die Preisschwelle aus heutiger Sicht noch extrem erscheint.

Sollte es am Ende wirklich so kommen, wäre das für die Volkswirtschaften der meisten Industrieländer und ihre Börsen allerdings ein fatales Signal. Denn die Abhängigkeit vom Öl ist trotz aller Bemühungen um erneuerbare Energien immer noch sehr groß – deshalb würden die weltweiten Wachstumsraten dann vermutlich heftig einbrechen.

Anleger sollten deshalb auf harte Indikatoren achten: Exportdaten, Tankerbewegungen, tatsächliche Lieferausfälle und die Frage, ob und wann sich die Lieferketten wirklich beginnen, zu stabilisieren. Denn selbst wenn Trump den Krieg in naher Zukunft beenden könnte, würde es mindestens Tage oder sogar Wochen dauern, bis die ersten, neu beladenen Tanker aus der Region die Häfen in Europa und Südostasien erreichen. Solange hielte der Kampf um die verfügbaren Barrel an – und der Ölpreis würde auch dann weiter steigen.

Noch mehr Ölwerte bietet beispielsweise der Index "Globale Dividenden-Stars" von BÖRSE ONLINE

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Häufige Fragen zum Thema

Wieviele Liter Öl sind ein Barrel?

Ein Barrel entspricht 42 US-Gallonen oder cicra 159 Litern.

Kann ich direkt in den Ölpreis investieren?

Nein. Der Ölpreis wird ausschließlich über Futures-Kontrakte an den Terminmärkten gebildet. Privatanleger können in der Regel keine Futures kaufen, weil diese das Recht auf eine physische Lieferung beinhalten. Es gibt dennoch Wege, vom steigenden Ölpreis zu profitieren, etwa über ETCs (Exchange Traded Commodities), die den Preis zum Teil direkt abbilden, sowie über Öl-Aktien oder CFDs und Zertifikate auf Öl, die sich vor allem für kurzfristige Spekulationen eignen, aber oft sehr riskant sind.

Welche Unternehmen gehören zu den "Big Oil"?

Dieser Begriff bezeichnet die sechs größten Ölkonzerne der Welt: ExxonMobil, Chevron (beide USA), Shell (UK/Niederlande), BP (UK), Eni (Italien) und TotalEnergies (Frankreich).