INTERVIEW

Ist der jüngste Kurssturz beim Goldpreis eine Einstiegsgelegenheit, Herr Edelmetall-Experte?

Ist der jüngste Kurssturz beim Goldpreis eine Einstiegsgelegenheit, Herr Edelmetall-Experte?
Nachrichten
anzeigen in Währung
27.07.2018 02:40:00

Der Goldpreis steht auf Dollar-Basis auf dem tiefsten Stand seit rund einem Jahr. Ronald Stöferle, Gold-Experte bei dem Liechtensteiner Vermögensverwalter Incrementum, erklärt im Interview mit BÖRSE ONLINE, warum der Kurs derzeit so niedrig ist, wo er die größten Risiken für das Edelmetall sieht und ob Anleger jetzt einsteigen sollten. Von Floriana Hofmann

BÖRSE ONLINE: Der Goldpreis notiert derzeit auf einem Jahrestief bei rund 1220 US-Dollar. Warum?


Ronald Stöferle: Es gibt mehrere Gründe. Ganz wesentlich für den Kursrutsch in den vergangenen Tagen war die Rede vom Chef der US-Notenbank Fed, Jerome Powell, der zwei weitere Zinserhöhungen im laufenden Jahr signalisiert hat und sich erneut von seiner falkischen Seite zeigte.


... falkisch ist eine Notenbank, wenn sie eine restriktive Geldpolitik verfolgt ...


Zudem gibt es charttechnische Gründe. Das Unterstützungsniveau bei 1240 Dollar hat nicht gehalten. Zuvor konnte die psychologisch wichtige Marke bei 1.300 Dollar nicht verteidigt werden. Der wesentlichste Einflussfaktor ist im Moment aber die massive Dollarstärke, denn die Korrelation zwischen Gold und dem Dollar befindet sich derzeit auf dem höchsten Stand seit mehr als 30 Jahren. Die Kehrseite des festen Dollars sind teilweise kollabierende Emerging Market-Währungen wie die Türkische Lira, der Argentinische Peso und insbesondere der Chinesische Renminbi aber auch schwache Rohstoffwährungen (Kanadischer Dollar, Australischer Dollar). Diese beginnende - stark deflationäre - Kernschmelze im Währungssystem könnte durchaus zu signifikanteren Problemen führen.


Inwiefern besteht ein Zusammenhang zwischen dem Chinesischen Renminbi und dem Goldpreis?


China ist der mit Abstand wichtigste Player am Rohstoff-Sektor. Nicht nur Gold, sondern insbesondere auch Industriemetalle wie Kupfer, Alumnium, Blei, Zinn wurden zuletzt abverkauft. Denn die Sorge, dass aus dem Handelskonflikt ein Handelskrieg wird, wächst tagtäglich. Dies würde auch realwirtschaftliche Spuren hinterlassen, was wiederum die Rohstoffnachfrage beeinflussen würde. Der Chinesische Yuan befindet sich aktuell auf dem tiefsten Stand seit einem Jahr, wobei mich nicht das absolute Niveau sondern eher die Vehemenz der Abwertung - neun Prozent innerhalb weniger Wochen - besorgt. Man erkennt klar, dass China den Währungsmarkt nutzt, um Donald Trump in die Schranken zu weisen.

Das Edelmetall gilt als Krisenwährung. Durch einen drohenden Handelskrieg und andere, politische Unsicherheiten sollte sich der Goldpreis demnach eigentlich im Aufwind befinden. Was ist da los?


Unsicherheiten gibt es immer. Der Handelskrieg etwa wirkt sich nicht direkt auf den Goldpreis aus, sondern höchstens darüber, dass die wirtschaftliche Globalisierung eine Kehrtwende erfährt, was definitiv konjunkturelle Spuren hinterließe. Aber dieses Szenario wird massiv überbewertet. Grundsätzlich gibt es derzeit viel Gegenwind für den Goldpreis.

Welche Faktoren drücken derzeit auf den Goldpreis?


Das generelle Marktumfeld ist alles andere als bullish für Gold. Zumindest im Moment. Denn die Aktienmärkte notieren nahe ihrer Allzeithochs, die Bondmärkte laufen noch gut, die Immobilienmärkte rund um den Globus boomen und der Konjunkturmotor brummt Auch das Vertrauen der Marktteilnehmer in die Finanzmärkte und das Bankensystem ist wieder zurück. Und die Kryptowährungen stehlen dem Gold medial ein bisschen die Show. Dazu kommen natürlich die US-Zinserhöhungen sowie die Verringerung der Bilanzsumme der US-Notenbank im Zuge von Quantitative Tightening. Das sind alles negative Faktoren für den Goldpreis. Man kann demnach auch sagen, dass sich der Goldpreis in diesem doch sehr schwierigen Umfeld dann doch ganz gut hält.

Wo sehen Sie derzeit die größten Risiken für den Goldpreis?


Das längerfristige Schreckensszenario für die Goldpreisentwicklung sind fallende Inflationstendenzen begleitet von steigendem Wirtschaftswachstum. Präzedenzfälle dafür waren einerseits die 1990er Jahre, als in den USA die Teuerungsraten sukzessive zurückgingen, sich das Wachstum im Laufe der Dekade aber beschleunigte. Diese Phase wird auch als "The Great Moderation" bezeichnet und mit der geldpolitischen Ära unter Alan Greenspan als Fed-Chef assoziiert. Andererseits kann auch die disinflationäre Phase seit 2011 als Beispiel herangezogen werden.

Gibt es für den Goldpreis noch weitere Risiken neben steigenden Realzinsen?


Das konjunkturell schlechteste Szenario für den Goldpreis wäre eine weiter robuste Wirtschaft rund um den Globus bei sehr niedrigen Preisinflationsraten und langsam steigende Zinsen. Das halte ich aber für nahezu ausgeschlossen.

Erwarten Sie eine Rezession?


Die Weltwirtschaft befindet sich im Moment bereits in einer Phase des Zyklus, in der es bald wieder nach unten gehen dürfte. Rezessionen beginnen meistens in der Peripherie. Wir sehen derzeit, dass in vielen Emerging Markets wie der Türkei und China bereits ein bisschen Panik gibt. Und, die Zinserhöhungen in den USA haben bereits erste Spuren hinterlassen, so sind etwa die Kreditausfallraten bei schlechten Schuldnern in den USA signifikant gestiegen. In den USA sind bereits 15 Prozent aller Unternehmen als Zombie-Unternehmen einzustufen. Darunter versteht man Unternehmen deren Zinsaufwand über dem 3-Jahres-Durchschnitt des EBIT liegt. Diese Firmen reagieren auf steigende Zinsen naturgemäß äußerst sensitiv. Auch die Quartalsberichte vieler Unternehmen haben zuletzt die Erwartungen verfehlt, der Aktienmarkt wird jedoch von den schier unglaublichen Ausmaßen der Aktienrückkäufe über Wasser gehalten. Oberflächlich ist das Wachstum aber noch robust. Man muss aber auch bedenken, dass dafür auch der fiskalische Stimulus verantwortlich ist und die Effekte des größten geldpolitischen Experimentes der Geschichte weiter nachhallen.

... die Steuerreform von US-Präsident Donald Trump, wodurch US-Unternehmen weniger Steuern zahlen ...


Das hat noch einmal wirklich Öl ins konjunkturelle Feuer gegossen, der Konjunkturmotor brummt. Wenn dieser aber erst einmal zu stottern beginnt, dann wird Gold wieder attraktiv.

Wann?


Die US-Ökonomie befindet sich derzeit noch im zweitlängsten Aufschwung der Geschichte. Dieser könnte im nächsten oder übernächsten Jahr zu Ende sein. Die Kombination aus Zinserhöhungen und Quantitative Tightening wird die Party wohl demnächst beenden.

Dann würde der Goldpreis auch wieder steigen?


Der Goldpreis würde wieder einen Schub bekommen, wenn an den Aktienmärkten wieder Nervosität aufkommt, die Zinserhöhungen in den USA ausgepreist werden, die Inflation stark steigt oder weltweit das Vertrauen in die Märkte wieder nachlässt.

Die Rezession könnte bald kommen, der Goldpreis ist momentan noch auf niedrigem Niveau. Ist jetzt ein guter Einstiegszeitpunkt?


Ja, jetzt ist ein guter Zeitpunkt zum Einstieg, denn beim Gold sollte man antizyklisch agieren. Die Stimmung am Goldmarkt ist dem COT-Report und diversen anderen Stimmungsindikatoren derzeit grundsätzlich extrem negativ. Historisch gesehen waren solche Niveaus immer hervorragende Zeitpunkte zum Kauf. Generell sollten Anleger physisches Gold aus Sicherheitsaspekten kaufen und schrittweise zukaufen.

Zur Person: Ronald-Peter Stöferle ist seit 2013 Partner und Mitglied der Geschäftsführung bei der Vermögensverwaltung Incrementum in Liechtenstein. Er veröffentlicht seit 2007 jährlich den bekannten "In Gold We Trust Report".

Weitere Links:


Bildquelle: Incrementum

Rohstoffe in diesem Artikel

Goldpreis 1.177,23 7,10
0,61
Kupferpreis 5.842,75 -215,60
-3,56
Zinnpreis 18.712,50 -360,00
-1,89

Nachrichten

  • Nachrichten zu Rohstoffe
  • Alle Nachrichten
pagehit