Die Edelmetalle haben es in Zeiten steigender Zinsen, die den Anleihemarkt für längerfristig orientierte Investoren attraktiver machen, nicht leicht. In den vergangenen Wochen ging es mit den Preisen für Gold, Silber, Platin und Palladium zeitweise deutlich abwärts. Eines davon birgt jedoch im laufenden Jahr überdurchschnittlich gute Steigerungs-Chancen.

Nach zwei Jahren mit deutlichen Produktions-Überschüssen wird im laufenden Jahr am Platinmarkt mit einem materiellen Defizit gerechnet. Das geht aus dem neuen Quartalsbericht des World Platinum Investment Council (WPIC) hervor, der am vergangenen Mittwoch veröffentlicht wurde.

Nachfrage nach Platin steigt viel stärker als das Angebot

Angebotsengpässe bei gleichzeitiger Belebung der Nachfrage dürften 2023 zum ersten Mal seit drei Jahren zu einem großen Angebotsdefizit führen. Das WPIC rechnet nach einem Überschuss von 776.000 Unzen Platin im Jahr 2022 im laufenden Jahr mit einem Defizit von 556.000 Unzen.

Die Differenz von über 1,3 Millionen Unzen spiegelt wider, dass das Gesamtangebot im Jahr 2022 wohl lediglich um 3 Prozent auf 7,43 Millionen Unzen gestiegen ist. Die Nachfrage dürfte hingegen künftig stark um 24 Prozent auf knapp 8,0 Millionen Unzen wachsen. Im nächsten Jahr könnte das Platin-Defizit auf 1,5 Millionen Unzen wachsen.

"Der Haupttreiber für das für dieses Jahr prognostizierte Defizit ist eine Kombination aus einem sehr begrenzten Angebotswachstum, das hauptsächlich auf die Stromengpässe in Südafrika zurückzuführen ist, sowie auf einige Sanktionen gegen Russland, das in Südafrika tätig ist“, erläutert WPIC-Manager Ed Sterck gegenüber Mining Weekly in einem Interview. Einige Bergbau-Utensilien konnten deshalb nicht nach Südafrika eingeführt werden.

Mehr Platin statt Palladium in Katalysatoren

Die Prognose wird noch befeuert, weil Palladium bei der Herstellung von Katalysatoren in größerem Umfang durch Platin ersetzt werden dürfte, sagt Jeff Klearman, Portfoliomanager des GraniteShares Platinum Trust laut Barron’s. Platin ist auch für umweltfreundliche Wasserstoff-Brennstoffzellen-Fahrzeuge unerlässlich.

Der Anstieg der Nachfrage nach Platin sei zum Teil auch auf die zunehmende Substitution gegenüber dem teureren Palladium in Katalysatoren für benzinbetriebene Fahrzeuge zurückzuführen, so Sterck. Im Vergleich zum Vorjahr prognostiziert WPIC einen Anstieg der Automobilnachfrage nach Platin um 10 Prozent.

Am Freitag notiert der Platin-Futures-Kontrakt bei knapp 940 Dollar pro Unze, während Palladium bei gut 1.370 Dollar pro Unze steht – der niedrigste Stand seit Juni 2019. In den vergangenen 12 Monaten hat Platin 18 Prozent an Wert verloren, während Palladium sich um 55 Prozent verbilligte (siehe Charts in US-Dollar).

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Platin (Feinunze in US-Dollar)
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Palladium (Feinunze in US-Dollar)

Auch die steigende Nachfrage nach physischen Platin-Barren und -Münzen stützt oder beflügelt sogar den Platinpreis. Die Nachfrage könnte sich voraussichtlich verdoppeln und gleichzeitig dürfte sich der Abfluss von börsengehandelten Platin-Fonds-Beständen verlangsamen, so das WPIC.

Klearman hält es für möglich, dass die Platinpreise auch aufgrund einer "robusten US-Wirtschaft und eines robusten Arbeitsmarktes sowie der Erwartung einer erhöhten chinesischen Wirtschaftsaktivität" steigen werden.

Preise für Gold und Silber gesunken

Unterdessen schwächeln seit Februar auch die Preise für Gold und Silber wieder. Höhere Zinsen (und Anleihenrenditen) machen den Edelmetallen das Leben schwer. Dass US-Notenbank-Chef Jerome Powell wieder ein höheres Tempo bei den Zinserhöhungen in Aussicht stellt, sorgt für neuen Druck. Der Goldpreis liegt am Freitagmittag bei 1.833 US-Dollar die Feinunze und damit unter dem Niveau Ende 2022. Anfang Februar waren es noch 1.957 US-Dollar.

Die Feinunze Silber wird zu gut 20 Dollar gehandelt, nachdem es im Februar bis 24,50 Dollar hinaufging (siehe Charts). 

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Gold (Feinunze in US-Dollar)
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Silber (Feinunze in US-Dollar)

Kurzfristig trübe Aussichten für Gold und Silber

Das Vertrauen der Anleger in die beiden beliebtesten Edelmetalle scheint derzeit immer mehr zu schwinden. Während die Notenbanken zuletzt massiv Gold gekauft haben, stießen immer mehr Privatanleger und Fonds Edelmetalle ab, enttäuscht von der aktuellen Performance in der Krisenphase.

"Der Goldpreis bleibt durch anziehende US-Zinsen unter Druck", stellt Aneeka Gupta von WisdomTree fest. Dennoch setzten Anleger auf Edelmetall-ETCs, und zwar wegen der gestiegenen geopolitischen Risiken und der hohen Aktienmarkt-Volatilität. Auch Fabian Wörndl von Lang & Schwarz sieht wieder verstärktes Interesse an Gold-ETCs und -ETFs. Viel Geschäft auf beiden Seiten meldete jüngst der Händler für Xetra-Gold (DE000A0S9GB0).

Ähnliches gilt für Silber, das vor allem in der Industrie gebraucht wird. Die Preisbewegungen sind prozentual deutlich größter als beim Gold. Wobei das Kursziel, das Keith Neumeyer, Präsident und CEO von First Majestic Silver, kürzlich für Silber ausgab, doch sehr ambitioniert erscheint.

Weil E-Auto-Konzerne wie Tesla bald Silberminen aufkaufen müssten, um die Versorgung mit wichtigen Metallen für Elektrofahrzeuge zu kontrollieren, könnte der Silberpreis bis auf 125 Dollar pro Unze steigen. "Die Automobilunternehmen sind sich der Angebots-Nachfrage-Grundlage des Metalls nicht wirklich bewusst", behauptete er. "Wenn ich Elon Musk wäre, würde ich in diesem Bereich sehr aktiv sein.“

Die besten Aussichten hat...

Von den vier vorgestellten Edelmetallen hat prozentual Silber wohl das größte Aufwärtspotenzial. Im laufenden Jahr ist auch Platin sehr aussichtsreich und hat eine vergleichsweise niedrigere Schwankungsbreite. Gold und vor allem Palladium könnten relativ gesehen mittelfristig zurückbleiben.