Nach der US-Notenbank hat am Donnerstag auch die Europäische Zentralbank den Leitzins unverändert gelassen. Doch die Begründung lässt durchblicken, dass die Frankfurter Währungshüter für die Eurozone einen anderen Kurs einschlagen werden als ihre Kollegen in den USA.

Die Europäische Zentralbank (EZB) belässt den Leitzins bei 2,0 Prozent. Damit folgt sie der US-Notenbank Fed, die am Mittwochabend ihren Leitzins in der Spanne von 3,5 bis 3,75 Prozent beibehalten hatte. Auch die britische Notenbank bestätigte am Donnerstag ihren Leitzins von 3,75 Prozent.

Ähnlich wie zuvor Fed-Chef Jerome Powell betonte auch der EZB-Rat in seiner Pressemitteilung um 14.15 Uhr die wachsenden Sorgen vor einer neuen Preiswelle im Euroraum. Man sei „entschlossen, dafür zu sorgen, dass sich die Inflation auf mittlere Frist beim Zielwert von zwei Prozent stabilisiert“.

Inflationsrisiko nimmt wieder deutlich zu

Noch vor wenigen Wochen hatte sich die Notenbank in einer komfortablen Situation im Kampf gegen die Inflation gesehen: Die Inflationsrate lag im Februar bei 1,9 Prozent und damit nah am mittelfristigen EZB-Ziel. Mit Ausbruch des Iran-Kriegs hat sich die Lage jedoch schlagartig verschärft. EZB-Chefvolkswirt Philip R. Lane warnte jüngst davor, dass ein längerer Iran-Krieg die Wirtschaft bremsen und die Inflation anheizen könnte.

Im EZB-Statement von heute liest sich das nun so: „Der Krieg im Nahen Osten hat zu deutlich unsichereren Aussichten geführt. Er hat Aufwärtsrisiken für die Inflation und Abwärtsrisiken für das Wirtschaftswachstum zur Folge. Durch höhere Energiepreise wird sich der Krieg auf kurze Frist erheblich auf die Inflation auswirken. Die mittelfristigen Auswirkungen werden sowohl von der Intensität und der Dauer des Konflikts als auch davon abhängen, wie die Energiepreise auf die Verbraucherpreise durchschlagen und die Wirtschaft beeinträchtigen.“ Der EZB-Rat sei gut gerüstet, diese Unsicherheit zu bewältigen. Die Inflation liege nicht nur in der Nähe des Zielwerts von zwei Prozent, auch „die längerfristigen Inflationserwartungen sind fest verankert, und die Wirtschaft hat sich in den letzten Quartalen als widerstandsfähig erwiesen.“

„Die in nächster Zeit eingehenden Daten werden den EZB-Rat dabei unterstützen, die Auswirkungen des Krieges auf die Inflationsaussichten und die damit verbundenen Risiken zu beurteilen. Der EZB-Rat beobachtet die Lage genau. Sein datengestützter Ansatz wird ihm dabei helfen, die Geldpolitik dementsprechend festzulegen.“

EZB will diesmal nicht zu spät reagieren

Die EZB will unbedingt verhindern, dass sie diesmal wieder auf eine mögliche neue Preiswelle zu spät reagiert. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 hatten Kritiker der EZB vorgeworfen, den damaligen Preisanstieg zu lange unterschätzt zu haben. So konnte es passieren, dass die Inflation im Euroraum zeitweise auf mehr als zehn Prozent in die Höhe schoss, getrieben von steigenden Lebensmittel- und Spritpreisen. Schließlich kletterte die Inflation im Jahr 2022 auf 6,9 Prozent und 2023 erneut um 5,9 Prozent. Das kostete die Verbraucher Kaufkraft – und die Währungshüter bei der EZB Glaubwürdigkeit.

Folgen des Iran-Krieges auch in Deutschland spürbar

Zöge sich der Krieg am Persischen Golf noch über Monate hin, würde der Ölpreis weiter steigen und mit ihm die Inflation in der Eurozone „schätzungsweise auf mindestens drei Prozent“, sagt der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer.

Einige Experten halten deshalb eine Zinserhöhung im Sommer für möglich. Diesmal werde die EZB im Zweifel schneller agieren als 2022, glaubt Ulrike Kastens, Ökonomin bei der Deutsche-Bank-Fondstochter DWS: „Zinserhöhungen werden damit wahrscheinlicher, Zinssenkungen sind vom Tisch“, sagte sie der dpa.

Pessimistischere EZB-Prognosen

In den Jahren 2027 (2,0 Prozent) und 2028 (2,1 Prozent) wird die EZB ihr Ziel stabiler Preise nach eigener Einschätzung erreichen. Allerdings liegen auch diese Werte etwas über der vorherigen Vorhersage aus dem Dezember.

Zugleich erwartet die Notenbank für den Euroraum weniger Wachstum. Die Wirtschaft wird demnach dieses Jahr nur noch um 0,9 Prozent zulegen und 2027 um 1,3 Prozent wachsen. Damit senkte die Notenbank ihre bisherige Prognose. Noch im Dezember hatte die EZB ihre Wachstumsprognose für 2026 auf 1,2 Prozent angehoben

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Enthält Material von dpa-AFX