Was kann es Schöneres geben, als bei der Verabschiedung in den Ruhestand noch einmal von Dritten bestätigt zu bekommen, gute, sehr gute Arbeit geleistet zu haben?

Wenn Hartmut Knüppel sich Ende Februar aus dem Amt des geschäftsführenden Vorstands des Deutschen Derivate Verbands (DDV) in den Ruhestand zurückzieht, wird er nicht nur das Lob seiner Kollegen für elf Jahre an der Verbandsspitze hören, sondern auch stolz auf die Anfang des Monats in London verliehenen Auszeichnungen "Best Structured Products & Derivatives Association Europe" und "Best Educational Initiative" blicken. Diese von der britischen Euromoney-Gruppe verliehenen Preise fußen vor allem auf einer Befragung unter über 1.200 institutionellen Investoren, Börsen, Indexanbietern und Wirtschaftskanzleien in Europa. Hier für die beste Verbandsarbeit und eine herausragende Ausbildungsinitiative ausgezeichnet zu werden, ist das Ergebnis eines langen Atems.

Über einen solchen langen Atem verfügt Knüppel. Das Political Animal, einer der Entdecker von Guido Westerwelle und guter Freund von Christian Lindner, hat auch politisch nie die Mehrheit mit sich gehabt, sondern musste als Mitglied der kleinen FDP für seine Anliegen kämpfen. Als Sprecher des Bankenverbands oder an der Spitze des DDV hatte er es beruflich ebenfalls oft mit einer gegnerisch eingestellten öffentlichen Meinung zu tun.

Und über die kann er sich herrlich aufregen. Unvergessen die Eröffnungsrede beim "Derivatetag 2018", als er sich Justizministerin Katarina Barley vornahm, die kurz zuvor in der "Welt" erklärt hatte, dass sie keine Lust habe, sich mit Geldanlage zu beschäftigen. Kein Wunder, so Knüppel, ginge die Schere zwischen Arm und Reich bei den Vermögen immer weiter auf, wenn die Regierung Wertpapiere schlechtrede und wider besseres Wissen zulasse, dass breite Bevölkerungsschichten in Zeiten des Nullzinses dem Festgeld treu blieben. In seinen Augen ist das ein Skandal.

€uro am Sonntag: Sie beklagen immer wieder die mangelnde Wertpapierkultur in Deutschland. Das ist mittlerweile ein altes Lied. Gibt es Hoffnung, dass sich das noch bessert?
Hartmut Knüppel:
Ja, da bin ich Optimist! Natürlich ist Finanzbildung schwierig. Aber man muss es immer und immer wieder versuchen. Klar, Wertpapiere sind für viele nicht das spannendste Thema. Gleichwohl ist die Vermögensbildung gerade in den Zeiten des demografischen Wandels für jeden Einzelnen von ungeheurer Wichtigkeit.

Aber wenn selbst die Bundesjustizministerin sagt, sie habe keine Lust, sich um die Anlage Ihres Geldes zu kümmern, wie kann man es da vom sogenannten Otto Normalverbraucher erwarten?
Da kann man nur sagen: Wenn Du keine Lust hast, dann mach es halt ohne Lust. Vernünftige Geldanlage ist außerordentlich wichtig, und Du musst für Dein Leben selbst Verantwortung übernehmen, auch in finanziellen Dingen. Sonst bist Du kein Bürger, sondern Untertan.

Abgesehen vom schlechten Vorbild, was regt Sie sonst am meisten an der Politik in Bezug auf Finanzen und Finanzmärkte auf?
Vieles ist gut gemeint, aber schlecht gemacht. Anstatt die Wertpapierkultur zu fördern und einen Anlegerschutz zu betreiben, der den Anlegern tatsächlich nützt, wird die Anlageberatung immer komplizierter und bürokratischer. Und was ist das Ergebnis? Breite Bevölkerungsschichten werden von der Wertpapieranlage ausgeschlossen, weil immer mehr Banken und Sparkassen sich aus der Wertpapierberatung zurückziehen und der überbordende Papierkrieg die Anleger überfordert und verschreckt.

Früher ging es doch auch ohne Wertpapiere. Warum sind die jetzt so wichtig?
Nun ja, früher hatten wir auch keine Nullzinsen. Ein Zustand, der noch eine Weile anhalten wird. Alle Studien zeigen, dass ein nachhaltiger Vermögensaufbau nur mit Immobilien und Wertpapieren gelingt. Ohne Wertpapiere können Sie heute kein Vermögen erhalten, geschweige denn eines aufbauen, um damit fürs Alter vorzusorgen. Die Reichen haben das verstanden, während die Vertreter des Nanny-Staats die Ärmeren in ebenso risiko- wie renditeärmere Anlagen treiben. Motto: Du bleibst arm - mit Sicherheit.

Aber Sie sagen ja selbst, dass es einen Anlegerschutz braucht ...
… ja natürlich. Aber ich glaube, dass eine vernünftige Selbstregulierung im Rahmen eines allgemeinen staatlichen Ordnungsrahmens allemal besser und effektiver ist. Die Regulierungswellen, von denen Banken und Anleger in den vergangenen Jahren förmlich überrollt worden sind, waren extrem teuer, wenig effektiv und manchmal sogar kontraproduktiv.

Starke Worte. Aber wie könnte es denn besser gehen?
Transparenz ist der Königsweg. Der Anleger muss die wesentlichen Merkmale eines Produkts verstehen und wissen, welche Kosten auf ihn zukommen. Da haben wir im DDV mit der Transparenzinitiative und insbesondere dem Fairness-Kodex übrigens ganz ordentlich vorgelegt.

Was nützen die denn?
Mit dem Fairness-Kodex verpflichten sich die Mitglieder selbst auf ein Höchstmaß an Produkt- und Kostentransparenz. Damit wird der verantwortungsvolle Umgang mit dem Kapital und dem Vertrauen der Anleger sichergestellt.

Aber genau diese Punkte will die Finanzaufsicht doch auch erreichen - indem sie zum Beispiel Produktklassen verbietet, weil sie zu komplex sind.
Es ist manchmal wirklich zum Verzweifeln. Viele Regulierer wollen es einfach nicht verstehen. Was heißt denn zum Beispiel "zu komplex"? Nehmen Sie ein Zertifikat auf einen Aktienkorb außerhalb des Euro. Da ist es doch für die meisten Anleger offensichtlich besser, wenn man in das Produkt noch eine Währungssicherungskomponente einbaut. Für die Aufsicht wird das Produkt dadurch aber komplexer und somit gefährlicher. Das Gegenteil ist richtig! Für den Anleger verringert diese Komplexität allerdings das Risiko ganz erheblich, und darauf kommt es ja schließlich an.

Ist dieses Problem auch dadurch entstanden, dass die Finanzaufsicht zunehmend bei europäischen Behörden zusammengefasst wird?
Im Fall von Zertifikaten und Hebelprodukten ist das sicher so. Schauen Sie, in der Mehrzahl der - noch - 28 EU-Länder gibt es solche Produkte gar nicht. In der ESMA hat der deutsche Regulator, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, Bafin, zwar eine starke Stimme, aber eben nur eine Stimme. Im Ergebnis entscheiden dann Leute über die Regulierung von Produkten, die es in ihren Heimatländern gar nicht gibt.

Was müsste sich Ihrer Ansicht denn in Sachen Regulierung ändern?
Der Grundsatz ist falsch. Marktwirtschaftliche Mechanismen werden immer weiter zurückgedrängt, planwirtschaftliche Elemente nehmen überhand. Anstatt einen Ordnungsrahmen vorzugeben, der auch die Banken in die Pflicht nimmt, gibt es fast nur Regulierungs-Klein-Klein mit Vorschriften bis ins kleinste Detail. Und das am grünen Tisch, ohne Wissenschaftler und Praktiker einzubeziehen. Auch das Menschenbild und damit das Leitbild für die Regulierung hat sich leider geändert. An die Stelle des mündigen Verbrauchers tritt immer mehr der "homo demens", der angeblich nicht willens und zu dumm ist, eigene Verantwortung zu übernehmen.

Da spricht der eingefleischte Liberale …
… der ich aus voller Überzeugung bin: In einer freiheitlichen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung müssen wir die Schwachen schützen, ohne die Stärkeren zu bevormunden oder ihnen die Verantwortung abzunehmen. Dafür müssen wir immer wieder streiten.

Werden wir Ihre streitbare Stimme auch aus dem Ruhestand hören?
Ruhestand - welch seltsames Wort. Ich werde mich künftig als Kommunikations- und Politikberater um Abgeordnete und Verbände kümmern. Außerdem werde ich an der Uni Tübingen zu Sustainable Finance lehren. Wer möchte, wird weiter von mir hören.

Vita:
Hartmut Knüppel (65)
Der promovierte Wirtschaftsingenieur verbindet in seinem beruflichen Werdegang Wirtschaft und Politik. Er war Mitgründer der Jungen Liberalen und persönlicher Referent von Hans- Dietrich Genscher. Nach Stationen als Industriepressesprecher arbeitete er viele Jahre als Geschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken. Dach war er Leiter Public Affairs der Dresdner Bank. Seit 2008 ist er geschäftsführender Vorstand des Deutschen Derivate Verbands.