Das ist los bei Merck



Aus einer altehrwürdigen Darmstädter Apotheke wurde binnen 350 Jahren der global agierende Wissenschafts- und Technologiekonzern Merck mit gut 50 000 Mitarbeitern. Diese Narrative verbreitet Merck gern von sich selbst, und tatsächlich ist das Unternehmen aus der hessischen Provinz schon lange kein Mauerblümchen mehr. Dennoch hat der Konzern, der in diesem Jahr mit viel Pomp sein rundes Jubiläum feiert, bislang vergeblich versucht, sich in der öffentlichen Wahrnehmung vom Stempel des klassischen Pharma- und Chemieunternehmens zu befreien.

Auch durch mehrere Übernahmen in den vergangenen Jahren haben sich die Darmstädter ein Potpourri moderner Technologien zusammengestellt: Von Merck kommen etwa Spezialmaterialien für die Halbleiterindustrie und Pigmente für Autolacke oder dekorative Kosmetik. Viel Geld und Hoffnung steckt der Konzern auch in die Beleuchtungstechnologie Oled. Lange Zeit war Merck unangefochtener Marktführer bei den Flüssigkristallen, doch genau in diesem wichtigen Geschäft gräbt derzeit die Konkurrenz aus China. Im vergangenen Jahr drückte dieser Kampf auf das Ergebnis der übergeordneten Sparte für Spezialmaterialien. Sie soll nun unter der Leitung ihres im vergangenen Herbst neu bestellten Chefs Kai Beckmann umgekrempelt werden.

Merck-Chef Stefan Oschmann hat deshalb vorsorglich die Investoren auf eine Schwächephase im Jubiläumsjahr eingestellt. Erwartet wird für 2018 ein moderates Umsatzwachstum aus eigener Kraft, das bereinigte Betriebsergebnis dürfte hingegen sinken. 2019 soll es wieder aufwärts gehen. Dabei hat allerdings auch die wichtige Pharmasparte noch ein gutes Wegstück vor sich. Da frühere Kassenschlager immer weniger abwerfen, richtet Oschmann das Pharmageschäft derzeit neu aus. Erfolgsgaranten sind die neuen Hoffnungsträger, die Krebsimmuntherapie Bavencio (Avelumab) und das Multiple-Sklerose-Mittel Mavenclad (Cladribin), aber noch nicht.

Dass noch immer keine Entscheidung über die Zukunft des Geschäfts mit rezeptfreien Arzneien gefallen ist, macht es nicht leichter. Oschmann schweigt sich derzeit darüber aus, ob ein Komplett- oder Teilverkauf oder die Einbringung in ein Gemeinschaftsunternehmen anstehen könnten. Anfang 2018 steht der Merck-Chef nun wohl einzig mit einer richtig gut laufenden Laborsparte da, die vor allem dank der Ende 2015 vollzogenen Übernahme des US-Laborausrüsters Sigma-Aldrich auf Kurs ist.

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Das sagen die Analysten



Unter den von dpa-AFX befragten Analysten hält sich der Großteil mit einem neutralen Votum an der Seitenlinie. Immerhin 9 von 22 befragten Experten empfehlen die Aktien zum Kauf. Der vorsichtige Ausblick des Konzerns hat aber allein in den vergangenen drei Handelstagen ein gutes Dutzend Analystenhäuser zur Senkung ihrer Kursziele veranlasst. Viele Experten zeigten sich von dem Ausmaß der Probleme im Flüssigkristallgeschäft überrascht.

Das durchschnittliche Kursziel liegt mit 98 Euro nach wie vor deutlich über dem aktuellen Niveau der Aktie bei 79,12 Euro. Skeptisch sind vor allem die Analysten von Barclays und vom Analysehaus CFRA. CFRA-Experte Ahmad Halim strich wegen der Schwäche bei Merck am vergangenen Freitag seine Kaufempfehlung und senkte sein Votum von "Buy" auf "Hold". Auch er sieht die Darmstädter erst 2019 wieder auf den Wachstumspfad zurückkehren.

Barclays-Analystin Emily Field war bereits zuvor pessimistisch: Sie hatte Anfang März in Erwartung eines schwierigen Jahres für Merck die Aktie in ihre Bewertung mit "Underweight" aufgenommen. Doch ihre mauen Erwartungen wurden trotzdem noch enttäuscht. In Reaktion auf die Merck-Pressekonferenz kürzte Field kurzerhand ihre Prognosen nicht nur für das Jahr 2018, sondern auch für das Folgejahr. Gleichzeitig kappte sie ihr Kursziel für die Aktie auf 70 Euro.

Deutlich positiver ist dagegen die Sicht von Bernstein-Analyst Wimal Kapadia: Trotz eines gesenkten Kursziels traut er der Aktie noch immer Aufwärtspotenzial bis auf 105 Euro zu und sieht die jüngste Kursschwäche als Kaufgelegenheit. Sein Argument: Das Schlimmste aus dem Merck-Konzern dürfte nun bekannt sein. Als positiven Aspekte führt der Experte dabei das sich beständig entwickelnde Laborgeschäft ins Feld, zudem böten sich im Pharmageschäft gut austarierte Chancen und Risiken.

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Die Kursentwicklung



Bis heute ist Merck als Kommanditgesellschaft (KGaA) mehrheitlich in Besitz des inzwischen weitverzweigten Familienclans. Die restlichen Papiere werden seit mehr als 20 Jahren an der Börse gehandelt. Zu den größten Aktionären gehören Vermögensverwalter wie die amerikanische Blackrock, aber auch die Deutsche Bank und der Versicherer Allianz. Seit ihrer Erstnotiz haben die Papiere den Anlegern zwar nicht immer Freude gemacht, doch der langfristige Trend der vergangenen Jahre zeigte nach oben.

Im Mai 2017 erreichte der Kurs seinen vorläufigen Höhepunkt bei 115,20 Euro. Seitdem offenbarten sich scheibchenweise die Probleme im Flüssigkristallgeschäft. Im bisherigen Jahresverlauf gehört die Aktie mit einem Minus von knapp 12 Prozent zu den größten Dax-Verlierern - nur die Aktien der Deutschen Bank und der Lufthansa haben sich seit Jahresbeginn noch schlechter entwickelt. Im Vergleich zu vielen anderen Dax-Mitgliedern ist die Dividendenrendite von Merck mit unter 2 Prozent vergleichsweise gering.

dpa-AFX