Die Nachricht dürfte das Vertrauen der Anleger in SGL zerstören, urteilte Analyst Marc Gabriel vom Bankhaus Lampe. Köhler trete zurück, nachdem sein Vertrag erst vor vier Monaten bis 2022 verlängert worden sei. Die Experten der Baader Bank rieten zum Verkauf der Aktie. Sie erwarten, dass nun womöglich die Zukunft von SGL, zumindest aber die aktuelle Struktur überprüft werden dürfte. "Wir schließen nicht aus, dass der Haupteigner Skion das ganze Unternehmen von der Börse nimmt", kommentierte Analyst Christian Obst.

Die Beteiligungsgesellschaft Skion der Unternehmerin und Quandt-Erbin Susanne Klatten hält einen Anteil von rund 27,5 Prozent an SGL. Weitere große Anteilseigner sind BMW mit mehr als 18 Prozent und Volkswagen mit mehr als sieben Prozent. Ein Sprecher von Skion wollte sich nicht zu den Vorgängen bei SGL äußern.

Vorstandschef Köhler hatte erst vor gut einer Woche die Ziele des Unternehmens bekräftigt. Nun muss sich SGL doch von seinen Prognosen bis in das Jahr 2022 hinein verabschieden. Köhler, dessen Vertrag erst im April um drei Jahre verlängert worden war, verlässt SGL Ende des Monats. Der 58-jährige stand seit 2014 an der Spitze des Vorstands, der neben ihm nur noch aus Finanzchef Michael Majerus besteht. Der promovierte Verfahrenstechniker startete seine Laufbahn bei der damaligen Hoechst AG und kam 2002 von Celanese zu SGL. Wer sein Nachfolger wird, ist offen. Ein Sprecher erklärte, der Aufsichtsrat werde sich damit beschäftigen und "zu gegebener Zeit" äußern.

KEINE KORREKTE KOSTENPLANUNG


Köhler muss die Konsequenzen aus massiven Planungsfehlern in der Verbundwerkstoff-Sparte CFM ziehen. Dort seien die Geschäftszahlen im Juli unerwartet schlecht ausgefallen, hatte SGL am Mittwochabend mitgeteilt. Wie ein SGL-Sprecher erläuterte, geht es dabei um die Lieferung von Materialien für die Herstellung von Rotorblättern von Windkraftanlagen an einen einzelnen Kunden. Dort habe es einen Planungsfehler in der internen Wertschöpfungskette gegeben. Kosten seien nicht korrekt geplant und dadurch sei mit einer zu hohen Rendite gerechnet worden. Es gehe dabei um eine Auslieferung über das zweite Halbjahr von Juli bis Dezember.

Hinzu kommt, dass die erwartete Erholung im Marktsegment Industrielle Anwendungen sowie die geplanten Maßnahmen zur Ergebnisverbesserung nicht in dem erwarteten Ausmaß das Ergebnis im zweiten Halbjahr 2019 stützen werden. SGL wird deshalb in diesem Jahr mit fast zehn Millionen Euro in die roten Zahlen rutschen statt wie geplant eine schwarze Null zu schaffen. Das bereinigte operative Ergebnis (Ebit) wird mit rund 55 Millionen Euro um zehn Millionen niedriger als 2018 und als für 2019 geplant ausfallen. Damit sind auch die Prognosen für die kommenden drei Jahre obsolet. SGL denkt nun über Restrukturierungsmaßnahmen nach. "Der Fokus liegt auf der Überprüfung der gesamten Kostenstruktur und Prozessverbesserung in dem Bereich. Alle Maßnahmen werden geprüft", sagte der Sprecher.

rtr