Trump hat Amerika zum Land der unbegrenzten Polarisierungen gemacht. Seine Art Verbalentgleisungen bekommt man ansonsten nur in bestimmten pay tv-Formaten zu sehen. Er benimmt sich wie ein ungebetener Gast auf einer Veganer-Tagung, der mitgebrachte Mettbrötchen mit lautem Schmatzen vertilgt. Das Gegenteil vom Benimm-Papst Adolph Knigge scheint Donald Trump zu sein.

Dennoch, damit scheint er auf viele amerikanische Wähler eine ähnliche Wirkung zu haben wie Mon Chéri auf Pralinenliebhaber: "Wer kann dazu schon nein sagen?" Er trifft den Nerv vieler amerikanischer Wähler, die "political correct" nicht mehr für politisch korrekt halten. Donald inszeniert sich als ehrliche Haut mit herzerfrischend einfachen Botschaften. Denen in Washington will er mal ordentlich gegen den politischen Strich bürsten. Nicht zuletzt verkauft er sich als jemand, der wie ein richtiger amerikanischer Held niemals aufgibt: Er war Milliardär, dann immer wieder pleite und heute wieder Milliardär.

Seine Gegner sehen in ihm einen wilden Polit-Neuling, einen Elefanten, der die bestehende politische Weltordnung und den globalen Freihandel "zer-Trump-eln" will.

Hillary Clinton dagegen sieht sich als elder stateswoman, als eine politisch erfahrene Ex-First Lady und Ex-Außenministerin, die das Dschungelcamp von Washington als Dschungelkönigin überlebt hat. Dort hat sie schon viel politischen "Dreck" fressen müssen. Im Vergleich zu Trump steht sie für Kontinuität. Aber genau dafür wird sie auch kritisiert: Von ihr sei nur "Alter Wein in neuen Schläuchen" zu erwarten. Sie sei eine Kopie von Barack Obama. Interessanterweise gilt sie als Demokratin im Gegensatz zu Trump als Freundin der Wall Street-Banker. Für viele Wähler ist dies genauso ein Dorn im Auge wie die Häufung von Präsidentenämtern im Clinton-Clan.

Insgesamt bewerten offensichtlich viele Amerikaner die Auswahl der Präsidentschaftskandidaten als wenig attraktiv: Die Eine ist gesundheitlich angeschlagen und der Andere nicht mehr ganz frisch.

Die Finanzwelt wünscht sich Hillary Clinton



Dass Anleger eine Präsidentin Clinton einem Präsidenten Trump grundsätzlich vorziehen, ist keine Überraschung. Sie steht für überraschungslose Berechenbarkeit, er für unberechenbare Überraschungen. Die im Trump’schen Wahlkampf propagierte, protektionistische Abschottung Amerikas mit Einschränkung des freien Welthandels ist nicht nur für Schwellenländer und für die Exportnation Deutschland ein wahrer Alptraum. Auch bei den global aufgestellten US-Multis regt sich keine Hand für Applaus.

Daher ist es ganz nach dem Geschmack der Finanzwelt, dass Frau Clinton Herrn Trump im ersten von drei Fernsehduellen zwar nicht k.o. geschlagen, aber einen klaren Punktesieg errungen hat. Sollte Frau Clinton tatsächlich zur US-Präsidentin gewählt werden, würden sich die Aktienmärkte sicherlich erfreut zeigen.



Könnte outlaw Trump doch noch zum präsidialen Staatsmann werden?



Donald Trump erinnert ein bisschen an Ronald Reagan. Ich denke zurück an seinen polarisierenden Wahlkampf 1980. Niemals zuvor hat ein Präsidentschaftskandidat der damaligen Sowjetunion so eiskalt lächelnd klar gemacht, dass sie den Kalten Krieg mit Pauken und Trompeten verlieren wird, sollte er jemals heiß werden. Ronald Reagan durchlief jedoch einen (geo-)politischen Läuterungsprozess. In seiner zweiten Amtszeit wurde er fast zum Pazifisten. Seine anti-sowjetischen Kampfparolen wandelten sich zu Friedenstauben ähnlichem Gesäusel. Er hatte erkannt, dass eine knallharte Konfrontation zum militärischen Super-GAU hätte führen können.

Sicher, bei einem Wahlsieg Trumps, der nicht ausgeschlossen ist, muss man für das Aktienjahr 2016 hüben wie drüben nicht mehr sonderlich viel erwarten. Bis zu seiner Amtseinführung würden sich die Börsen sehr verunsichert mit seiner im Wahlkampf skizzierten "revolutionären" Außen- und Wirtschaftspolitik beschäftigen.

Selbst ein Trump könnte aber im Präsidentenamt kein Saulus bleiben, er müsste sich zum Paulus transformieren. Vieles, was von ihm im Präsidentschaftswahlkampf heiß gekocht wurde, würde in seiner Amtszeit bei weitem nicht so heißt serviert. Trump geht es vor allem darum, mit viel verbalem Schmackes und Auffälligkeiten gewählt zu werden.

Einen wirklich knallharten Wirtschaftsprotektionismus gegen China oder Deutschland wird es mit einem Präsidenten Trump nicht geben. Wenn Amerika die Schotten dicht macht, werden die anderen Länder sie nicht für Amerika aufmachen. Überhaupt, die USA haben längst die Umsatzfreuden einer globalen Welt entdeckt. So strahlen z.B. auch international die Zähne blütenweiß durch die Zahnpasta mit dem "C" im Namen. Und die ultramächtigen US-Markenkonzerne würden der Trump-Administration über Flächenbombardements an Lobby-Arbeit schnell die außenhandelspolitischen Flötentöne beibringen, würden ihre Absatzmärkte auch nur im Entferntesten geschwächt.

Ohnehin wird die eigentliche politische "Drecksarbeit" auch einer US-Regierung immer von Experten im Hintergrund gemacht, denn sie kennen sich mit dem schnöden Alltagsgeschäft aus. Sie wissen, was geht und was nicht. Schon viele wilde politische Ideen sind am Bürokratie-Fels von Washington zerschellt. Nicht zuletzt wechselt die Kongressmehrheit in den USA gerne zur entgegengesetzten politischen Farbe des Staatsoberhaupts. Dann verdünnisierte sich die Farbechtheit der Trump‘schen Präsidentenpolitik zügig wie die alkoholische Schlagkraft einer Party-Bowle durch viel Selters. Diese ernüchternde Erfahrung musste selbst Reagan als Lichtgestalt unter den US-Präsidenten machen. In unserer heutigen Welt kann Amerika nicht mehr machen, was es will. Das Römische Reich mit seinen Vasallen wird keine Wiedergeburt erleben. Wie sagt man in meiner rheinischen Heimat: "Es gibt mehr Ketten als bissige Hunde".

Ein schließlich im Vergleich zu seinem Wahlkampf ziemlich zwangsgeläuterter, zahmer Trump würde dann die Aktienmärkte nicht mehr erschrecken.



Welche politische Farbe ist des US-Aktionärs Liebling?



Grundsätzlich stellt sich die Frage, wer besser für US-Aktien ist: Republikanische oder demokratische Präsidenten? Gemeinhin gelten Republikaner als besonders gut für Aktien. Dieser Mythos geht vor allem auf die Wirtschaftspolitik Reagans zurück, die in den 80ern zweifelsohne eine fulminante Aktienhausse lostrat.

Doch insgesamt hätte man seit Ende des II. Weltkriegs unter demokratischen Präsidenten deutlich mehr Geld mit US-Aktien verdient als unter Republikanern: Hätte man am Tag des Endes des II. Weltkriegs am 2. September 1945 zwei Depots mit jeweils 100 US-Dollar eröffnet, diese 1 zu 1 in den S&P 500 investiert und das eine nur zu Amtszeiten von demokratischen und das andere nur zu republikanischen US-Präsidenten laufen lassen, hätte das demokratische das republikanische Depot bis dato mit 2.665 zu 523 US-Dollar meilenweit geschlagen. Mit "linken" Demokraten hätte man also fünfmal so viel verdient wie mit "wirtschaftsliberalen" Republikanern.

Grafik: Was wurde aus 100 US-Dollar, 1 zu 1 in den S&P 500 nach Ende des II. Weltkriegs angelegt, unter jeweils demokratischen bzw. republikanischen US-Präsidenten



Aber gibt es wirklich diesen systematischen Zusammenhang zwischen demokratischen Präsidenten und steigenden Aktienkursen? Nein! Die "linken" Demokraten hatten einfach nur das Glück, dass sie vom politischen, konjunkturellen sowie geldpolitischen Zeitgeist erfolgreicher gestalkt wurden als die Republikaner. Sie konnten nichts dafür. Bill Clinton profitierte von der New Economy und einer ruhigen weltpolitischen Lage, bei der man umzingelt war von Freunden. Dagegen hat der Republikaner Bush jr. die Anschläge vom 11. September 2001 mitgemacht und musste mit dem Zusammenbruch der New Economy und der Immobilienblase gleich zwei Wirtschaftskrisen aushalten. Auch er konnte nichts dafür. Und während der Amtszeit von Barack Obama sind die Aktienkurse nicht unbedingt wegen ihm von Allzeithoch zu Allzeithoch gelaufen. Er hat die Wall Street aus ideologischen Gründen nie betreten. Erst die freizügigste Fed-Politik aller Zeiten ließ ihn zum erfolgreichsten US-Aktien-Präsidenten aller Zeiten werden. Vor diesem Hintergrund ist es zweitrangig für die Aktienentwicklung, ob ab Januar 2017 Hillary oder Donald im Ovalen Office sitzt. Das große Drumherum ist entscheidend.



Für amerikanische Aktienmärkte gibt es Wichtigeres als US-Präsidenten



Für das zukünftige Wohl und Wehe des US-Aktienmarkts kommt es zunächst darauf an, ob die Weltpolitik zumindest in einer stabilen Seitenlage verharrt. Sicherlich sind die USA angesichts der eurosklerotischen Probleme so etwas wie ein sicherer Hafen.

Für eine positive US-Aktienentwicklung spricht der fortgesetzte Umbau Amerikas zu einer innovativen Industrienation, die unbedingt die Herausforderungen der Digitalisierung erfolgreich bewältigen will. Auch ist dauerhaft von niedrigen Leitzins- und Anleiherenditen in Amerika auszugehen. Einerseits bleiben damit Fed-politisch die Finanzierungs- und Investitionsbedingungen für Unternehmen attraktiv und andererseits bleiben die Zinsmärkte als ernstzunehmende Alternativen zu Aktien außen vor. Damit können die derzeit hohen Liquiditätsquoten insbesondere von großen Kapitalsammelstellen und Vermögensverwalter nicht allzu lange gehalten werden. Denn ihre Kunden werden sich an Diät-Renditen nicht lange "erfreuen" wollen. Als Zinsalternative bieten sich Dividendenrenditen an.

Selbst wenn Kursschwankungen angesichts der nicht ausgestorbenen Probleme ansteigen sollten, bleiben US-Aktien eine langfristig attraktive Anlageklasse.

Insgesamt hat für mich die US-Präsidentschaftswahl 2016 deutlich weniger Schicksalhaftes für die amerikanische Aktienbörse als vielfach angenommen. Die wirklich einflussreichste Person für die Aktienmärkte heißt weder Clinton noch Trump, sondern Yellen. Und sie ist bereits gewählt.

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG: https://www.bondboard.de/main/pages/index/p/128

Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank.