DAS IST LOS BEI WIRECARD:

Wirecard mit seinen rund 4500 Mitarbeitern wächst derzeit gleichzeitig durch den Boom von Internetkäufen und durch Zukäufe. Vorrangig verdient das Finanztechnologie-Unternehmen mit Banklizenz sein Geld mit der Abwicklung von Zahlungen im Internet. Wirecard zählt zu seinen Kunden 37 000 mittlere und größere Händler, dazu über 200 000 kleinere, für die das Unternehmen die Zahlungen selbst sowie das Risikomanagement übernimmt. Zum Angebot für Händler gehören auch Kreditkartenakzeptanz, Gutschein- und Prepaidkarten. Wirecard will verstärkt auch mit mobilen Zahlungslösungen über Handy-Apps bei Privatkunden punkten.

Im ersten Quartal zog der Umsatz um mehr als die Hälfte an - vor allem zukaufsbedingt, weil Wirecard in den nordamerikanischen Markt eingestiegen ist und sich in Asien spürbar verstärkt hat. Aber auch organisch bleibt das Plus mit einem Anstieg von knapp einem Viertel stark. Über die eigene Transaktionsplattform wurden im ersten Jahresviertel Zahlungen über 26,7 Milliarden Euro abgewickelt, gut die Hälfte mehr als ein Jahr zuvor. Wirecard verdient über Gebühren mit - rund 1,5 Prozent der Zahlungen bleiben bisher zunächst bei Wirecard als Erlös hängen.

Der Einzelhandel verlagert sich immer stärker ins Netz. Für Wirecard-Chef Markus Braun steckt der Wechsel vom Bargeld zu digitalen Zahlungslösungen weltweit aber noch in den Kinderschuhen. Der Markt ist wettbewerbsintensiv, andere Zahlungsabwickler drängen ins Geschäft. Am Kapitalmarkt werden die Tech-Unternehmen heiß gehandelt. Der Rivale Adyen soll nach dem Willen seiner Eigner bald an die Börse. Die Niederländer weisen ebenfalls rasantes Wachstum auf - zählen sie doch Silicon-Valley-Größen wie Spotify, Netflix und Uber zu ihren Kunden. Die Bewertung soll bis zu 7,1 Milliarden Euro erreichen. Wirecard ist derzeit mehr als das Doppelte wert.

DAS SAGEN ANALYSTEN:

Nach Ansicht des Goldman-Sachs-Experten Mohammed Moawalla kann Wirecard über die kommenden zwei bis drei Jahre Wachstumsraten von rund 25 Prozent aus eigener Kraft halten. Wenn Online- und Offline-Zahlungslösungen sich vermischen, sollte Wirecard seiner Ansicht nach ein Nutznießer davon sein. Wirecard könne schneller wachsen als der Onlinehandel und Marktanteile gewinnen. Nicht zuletzt böten weitere Partnerschaften wie zuletzt mit der französischen Credit Agricole (Crédit Agricole) zusätzliche Wachstumschancen. Allerdings werde die operative Marge durch die Zukäufe etwas belastet. "Die kurz- wie mittelfristigen Ziele sind konservativ", bilanziert Moawalla.

Analyst Antonin Baudry von der HSBC sieht das ähnlich. "Die Prognose für 2020 scheint vorsichtig an allen Fronten", schrieb er zuletzt. Sowohl die Schätzung für das Transaktionsvolumen als auch für die einbehaltene Gebühr daraus sei konservativ. Das Geschäftsmodell mit der Transaktionsplattform liefere bessere Resultate, als er erwartet habe. Er verweist zudem auf die Chancen von Wirecard bei Fintechs - also Unternehmen, die per mobiler App zum Beispiel Bankdienstleistungen und andere Finanzservices anbieten.

DAS ERWARTEN DAS UNTERNEHMEN UND DER MARKT:

In diesem Jahr erwartet das Unternehmen aus einem Vorort Münchens aktuell ein Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen von 520 bis 545 Millionen Euro, das wäre ein Plus von bis zu 30 Prozent. Am Markt wird im Schnitt bereits mit 550 Millionen Euro kalkuliert.

2020 soll das Transaktionsvolumen auf rund 210 Milliarden Euro anwachsen, der Umsatz mehr als 2,8 Milliarden Euro betragen. Das beinhalte ein Abschmelzen der Transaktionsgebühr von zuletzt 1,6 Prozent 2017 auf dann 1,3 Prozent und wäre ein deutlich schnellerer Rückgang als in den vergangenen Jahren, schrieb HSBC-Analyst Baudry.

Die von Bloomberg befragten Analysten rechnen ohnehin schon mit 3 Milliarden Euro Umsatz bis dahin. Die Ebitda-Marge 2020 soll 30 bis 35 Prozent erreichen, vergangenes Jahr lag sie bei 28 Prozent.

DAS MACHT DIE AKTIE:

Die Wirecard-Aktie hat allein in dieser Woche an drei Tagen ein Rekordhoch erzielt, das aktuelle liegt bei 141,20 Euro. Allein in diesem Jahr beträgt das Plus rund 50 Prozent. Das Unternehmen ist derzeit an der Börse etwas mehr als 17 Milliarden Euro wert, das ist mehr als die Dax-Konzerne (DAX 30) Lufthansa, RWE, Commerzbank oder thyssenkrupp auf die Waage bringen. Selbst bis zum größten deutschen Geldhaus, der Deutschen Bank (Deutsche Bank), ist es nicht mehr weit - die ist aktuell knapp 20 Milliarden Euro wert.

Weit weg scheinen die Zeiten, als die Wirecard-Aktie im Februar 2016 bei rund 40 Euro in Kursbedrängnis geriet, weil ein selbsternannter Analysedienst mit einem kritischen Bericht zu den Geschäftspraktiken des Unternehmens Aufsehen erregte. Börsianer sahen darin eine Attacke von Leerverkäufern, die mit fallenden Kursen Geld verdienen wollten. Wer im März 2016 im Tief eingestiegen ist, hat seinen Einsatz bis heute fast verfünffacht.

Einer der Hauptprofiteure des Anstiegs ist Unternehmenschef Markus Braun, der seit 2002 an der Spitze des Unternehmens steht und die Kursrückschläge vor etwas mehr als zwei Jahren nutzte, seine Position aufzustocken. Der Österreicher hält aktuell rund 7 Prozent der Anteile - das Paket kommt derzeit auf einen Wert von rund 1,2 Milliarden Euro.

Trotz der rasanten Kursgewinne der vergangenen Wochen empfiehlt die Mehrheit der von dpa-AFX erfassten Analysten das Papier zum Kauf. Viele Analysten setzten in den vergangenen Wochen ihre Kursziele nach oben, zuletzt schraubte die Berenberg Bank vor dem Wochenende ihres von 133 Euro auf 156 Euro. Das höchste kommt derzeit von Hauck & Aufhäuser mit 180 Euro./men/bek/zb/fba