Sie bewegt die Weltwirtschaft, wenige kennen ihren Namen. Als Miteigentümerin von MSC sorgt die Self­made-Milliardärin Rafaela Aponte-Diamant dafür, dass die globalen Lieferketten nicht reißen

Am 4. September 2024 geht ein Raunen durch die hamburgische Bürgerschaft. Mit einer Zweidrittelmehrheit stimmt sie für den Einstieg der Reederei MSC bei Hamburgs führendem ­Hafenlogistiker und Terminalbetreiber HHLA. Für die rot-grüne Regierungskoalition, deren Stimmen für den Beschluss reichen, ein Erfolg. Sie ist der Überzeugung, dass durch die MSC-Partnerschaft das ­Ladungsaufkommen erheblich erhöht und der Hafenausbau vorangetrieben werden kann. Ganz anders sieht das die Opposition, aus deren Reihen Unmut kommt. Für sie — wie auch für einen Großteil der Hamburger — ist es ein historischer Fehler und der endgültige Ausverkauf des einst öffentlichen Guts und der DNA der Hansestadt. Die Angst vor einem Kontrollverlust der Hamburger über ihren Hafen ist nicht ganz unbegründet, schließlich hält die MSC künftig mit 49,9 Prozent gegenüber den 50,1 Prozent der Stadt nahezu die Hälfte der HHLA-Anteile. Ein Coup ist es aber vor allem für die Mediterranean Shipping Company (MSC). Denn die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) betreibt nicht nur drei Containerterminals in Hamburg, sondern unterhält auch Logistikterminals in Odessa (Ukraine), Triest (Italien) sowie im estnischen Muuga. Außerdem erhält MSC nun auch direkten Zugriff auf das HHLA-Tochterunternehmen Metrans, das den Weitertransport der Güter von den ­Hafenterminals ins Hinterland organisiert und damit Wirtschaftsregionen von der Nordsee bis zum Schwarzen Meer, von der Adria bis zur Ostsee verbindet. MSC ist ­aktuell die größte Containerschifffahrts-­Reederei der Welt, deren Frachter auf allen Ozeanen unterwegs sind, um in mehr als 520 Häfen Waren jeglicher Couleur ein- und auszuladen. Gründer und Eigentümer des Unternehmens sind Gianluigi Aponte und seine Frau Rafaela Aponte-Diamant. Allerdings ist es meist nur Gianluigi, der im Zusammenhang mit MSC Beachtung erfährt — ein großer Fehler, denn Rafaela ist nichts Geringeres als die reichste Selfmade-­Milliardärin der Welt. Weitaus berühmtere, erfolgreiche Frauen wie Taylor Swift, Oprah Winfrey oder Kim Kardashian können ihr nicht ansatzweise das Wasser reichen. Rafaela Aponte-Diamants Vermögen wird auf rund 37,7 Milliarden Dollar geschätzt. Damit schafft sie es in der Liste der reichsten Frauen der Welt zwar nur auf Platz fünf, aber im Gegensatz zu den Frauen vor ihr, wie beispielsweise Alice Walton (Walmart) oder Françoise Bettencourt (L’Oréal), hat sie ihren Reichtum nicht geerbt, sondern selbst erwirtschaftet.

Unsere Kinder tragen das Versprechen der Zukunft dieser Familie und diese Schiffe das Versprechen des Schicksals von MSC.“

Rafaela Aponte-Diamant

Liebe zur Schifffahrt

Den Anfang dazu macht eine Begegnung in Italien. Es sind die frühen 60er-Jahre, und wie seine Nachbarländer erlebt auch das „Bel Paese“, zumindest in der nördlichen Hälfte, ein „miracolo economico“ — ein Wirtschaftswunder. Durch die Straßen flitzen Vespas und Fiats der Modelle 500 und 600, aus den Transistorradios trällert Tony Renis’ „Quando, quando, quando“ und Gino Paoli säuselt „Senza fine“. Ausländische Touristen, allen voran aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, entdecken Italien als Reiseziel. Rafaela lebt mit ihren Eltern in Genf, und auch sie zieht es während eines Urlaubs in den Süden, ­genauer an die Amalfiküste­ — ein Besuch auf Capri inklusive. Von Neapel setzen sie mit der Fähre über, und Rafaela freundet sich mit dem diensthabenden jungen Kapitän an. Sein Name ist Gianluigi Aponte, am Golf von Neapel aufgewachsen und ein Mann der See durch und durch. Nach dem frühen Tod des Vaters heuert er zunächst als Schiffsjunge bei der Reederei Star Lauro an. Er wird Offizier zur See und schließlich Kapitän, der auf jeder Brücke seinen Dienst tut, auf der sich ein Platz für ihn findet, ob auf regionalen Frachtern oder einer Fähre. Rafaela und Gianluigi heiraten 1966. Ihretwegen zieht er ein paar Jahre später in die Schweiz, wo er wie Rafaelas Vater zunächst als Vermögensverwalter bei einer Bank ­arbeitet. Doch seine Liebe zur Schifffahrt ist größer. Das erkennt auch Rafaela, und so nehmen sie zusammen einen Kredit über 200 000 Dollar auf und kaufen 1970 ihren ersten Frachter. Er stammt aus dem ­Bestand der Hamburger Reederei Hapag-­Lloyd, und die Apontes taufen ihn auf den Namen „Patricia“, nach Rafaelas Mutter. Sie gründen die „Mediterranean Shipping Company“, die sich in den Anfangsjahren auf den Frachtverkehr im Mittelmeerraum fokussiert. Im Laufe der Jahrzehnte kommen stetig mehr Routen und Schiffe hinzu. Rafaela und Gianluigi, denen das Unternehmen auch heute noch jeweils zur Hälfte gehört, erkennen, dass die Zukunft der Branche im Containertransport liegt. Mittlerweile umfasst die MSC-Flotte etwa 810 Containerschiffe, was einer Fracht­kapazität von rund 5,8 Millionen Standardcontainern (TEU) entspricht. Jede Geschäftsentscheidung treffen Rafaela und Gianluigi gemeinsam. Kein Zukauf, keine Expansion ohne ihr Agreement. Es ist Rafaelas strategischem Geschick zu verdanken, dass MSC sich kontinuierlich weiterentwickelt. Neben der Logistik- und Transportbranche steigt MSC ins Tourismussegment ein. Ende der 80er-Jahre gründet sie die Tochtergesellschaft MSC Cruises, zu der heute 18 Kreuzfahrtschiffe gehören. Rafaela spielt eine zentrale Rolle beim Aufbau der Sparte und hat nach wie vor ein Auge auf die Ausgestaltung neuer Schiffe sowie das Streckenangebot.

Enge Familienbande

So vermögend sie ist, so zurückgezogen lebt sie. Ihren enormen Reichtum stellen weder Rafaela noch ihr Mann oder die beiden Kinder öffentlich zur Schau. Ganz im Gegenteil, man sieht oder hört so gut wie nie etwas von der Familie, die maßgeblich die globalen Lieferketten bestimmt. Die Mediterranean Shipping Company ist nach wie vor ein Familienunternehmen, dessen operatives Geschäft mittlerweile Sohn Diego übernommen hat. Tochter Alexa ist Finanzchefin, und auch die Partner der Aponte-Kinder arbeiten mit: Alexas Mann leitet die Kreuzfahrtsparte, Diegos Frau kümmert sich um die Verwaltung der weltweiten Containerflotte und der MSC-Terminals. Auch privat lebt die Familie eng zusammen und bewohnt drei nebeneinander liegende Villen am Ufer des Genfer Sees. Öffentlich in Erscheinung treten Rafaela und ihr Mann höchstens, wenn wieder mal ein neues Kreuzfahrtschiff vom Stapel läuft. Die Taufe übernimmt dabei traditionell die italienische Filmdiva Sophia Loren. Sie kennt Gianluigi noch aus den gemeinsamen, entbehrungsreichen Kindertagen in Neapel und ist eine alte Freundin von Rafaela und ihrem Mann. 

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MSC, Luca Bruno/AP/picture alliance/dpa, Frank Perry/AFP/Getty Images, Conrad Schutt/MSC, Wolfgang Jargstorff /stock.adobe.com, Pumapala/stock.adobe.com, anshar73/iStock

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