FRANKFURT (dpa-AFX) - Ein verschleppter Konzernumbau und turbulente Wechsel an der Spitze haben die Commerzbank und ihre Aktionäre lange in Atem gehalten. Doch seit dem Antritt des neuen Vorstandschefs Manfred Knof überrascht das Frankfurter Geldhaus wieder mit ersten Erfolgsnachrichten. Das spiegelt sich auch im Aktienkurs. Die Kurse aus der Zeit vor der Rettung des Instituts durch den deutschen Staat sind aber noch sehr weit entfernt. Was bei der Commerzbank los ist, was Analysten sagen und wie sich die Aktie entwickelt.

DAS IST LOS BEI DER COMMERZBANK:

Nach turbulenten Wochen stellt sich die Commerzbank-Führung an diesem Dienstag (18. Mai) den Aktionären. Wegen der anhaltenden Pandemie findet die Hauptversammlung erneut online statt. Erstmals leitet der neue Aufsichtsratsvorsitzende Helmut Gottschalk die Versammlung. Die Bank hatte sich Ende März für den ehemaligen Chefkontrolleur der genossenschaftlichen DZ Bank entschieden, nachdem sein Vorgänger Hans-Jörg Vetter den Posten wegen einer Erkrankung Mitte März überraschend niedergelegt hatte.

Vetter hatte den Job erst vergangenen Sommer von Stefan Schmittmann übernommen, der nach harscher Kritik von Investoren zusammen mit dem damaligen Vorstandschef Martin Zielke seinen Rücktritt eingereicht hatte. Vetter musste vor allem schnell einen Nachfolger für Zielke finden. Er gewann den Deutsche-Bank-Manager Knof für die Aufgabe. Der machte nach seinem Antritt zum 1. Januar Tempo beim Konzernumbau, der seit Vorstellung der Pläne durch Zielke im Jahr 2019 lange auf Eis gelegen hatte.

Jetzt wird das Filialnetz der Bank auf 450 Standorte fast halbiert. Die Zahl der Vollzeitstellen soll bis Ende 2024 von knapp 40 000 auf 32 000 schrumpfen. Nach einem Milliardenverlust 2020 peilt der Commerzbank-Vorstand zumindest im Tagesgeschäft im laufenden Jahr wieder schwarze Zahlen an.

Im ersten Quartal lief es für das Institut jedenfalls deutlich besser als gedacht. Statt des von Analysten erwarteten dreistelligen Millionenverlusts stand nach drei Monaten ein Quartalsgewinn von 133 Millionen Euro in den Büchern - trotz erheblicher Kosten für den von Knof forcierten Umbau. Die Chancen seien "durchaus gestiegen", auch im Gesamtjahr 2021 unter dem Strich schwarze Zahlen zu schreiben, sagte Finanzchefin Bettina Orlopp vergangene Woche.

Damit Gottschalk die Hauptversammlung leiten kann, wurde er Mitte April per Gerichtsbeschluss bestellt und vom Aufsichtsrat übergangsweise zum Vorsitzenden gewählt. Formell soll der 69-Jährige bei der Hauptversammlung zusammen mit vier weiteren neuen Kandidaten von den Aktionären in den Aufsichtsrat gewählt werden. Unmittelbar nach dem Aktionärstreffen will das Kontrollgremium Gottschalk erneut zu seinem Vorsitzenden machen. Dann wäre er regulär bis zum Ablauf der Hauptversammlung 2023 im Amt.

Am Rande beschäftigt auch der Wirecard-Skandal die Commerzbank-Aktionäre: Auf der Tagesordnung steht die Wahl eines neuen Abschlussprüfers für das Geschäftsjahr 2022. Die Commerzbank kehrt EY den Rücken und will zu KPMG wechseln. Die Prüfungsgesellschaft Ernst & Young (EY) steht wegen ihrer Rolle als langjähriger Abschlussprüfer des insolventen Zahlungsdienstleisters Wirecard in der Kritik. Das Unternehmen hatte im vergangenen Juni Luftbuchungen von 1,9 Milliarden Euro eingeräumt und in der Folge Insolvenz angemeldet.

Die Commerzbank, die zu Wirecards Kreditgebern gehörte, musste wegen der Pleite 187 Millionen Euro abschreiben. Allgemein wird damit gerechnet, dass die Bank versuchen wird, sich zumindest einen Teil davon per Schadenersatzklage zurückzuholen - allein, um nicht von den eigenen Aktionären wegen Untätigkeit in der Sache belangt zu werden.

DAS MACHT DIE AKTIE:

Für die Commerzbank-Aktionäre verläuft es seit Knofs Amtsantritt gut. Nachdem das Papier der immer noch teilstaatlichen Bank in den vergangenen Jahren meist zu den Verlierern an der Börse gezählt hatte, gehörte es in den ersten Monaten 2021 zu den Gewinnern. Im bisherigen Jahresverlauf legte der Kurs um etwas mehr als ein Fünftel zu, nachdem sie 2020 wieder an Wert verloren hatte. Neben einem etwas verbesserten Umfeld für Banken wie der Aussicht auf zumindest mittelfristig wieder steigende Zinsen sorgten zuletzt die überraschend starken Quartalszahlen für Auftrieb.

Auf mittel- und langfristige Sicht gehört die Commerzbank-Aktie aber zu den größten Verlierern unter den deutschen Standardtiteln. So summieren sich die Verluste in den vergangenen fünf Jahren trotz der jüngsten Gewinne auf fast zehn Prozent, während der MDax um fast 60 Prozent zugelegt hat. In den vergangenen zehn Jahren ist ihr Kurs um fast 75 Prozent gesunken. Wegen der immensen Kursverluste hatte die Bank 2018 ihren Platz im Dax verloren.

Mit Kursen von zuletzt rund 6,40 Euro wird die Aktie aber mehr als doppelt so hoch gehandelt wie beim Rekordtief von 2,804 Euro im Corona-Crash vom vergangenen Jahr. Das rechnerische - um viele Kapitalerhöhungen und Aktienzusammenlegungen bereinigte - Rekordhoch der Anteilsscheine datiert aus dem Jahr 2000. Mit knapp 285 Euro liegt es heute in praktisch unerreichbarer Ferne.

Insgesamt kommt die Commerzbank derzeit auf einen Börsenwert von acht Milliarden Euro. Damit konnte das Institut in den vergangenen Monaten immerhin den Vorsprung vor kleineren börsennotierten Banken wie der Aareal Bank (1,4 Mrd) und der Deutschen Pfandbriefbank (2,8 Mrd) ausbauen. Der Abstand zur Deutschen Bank ist aber gewachsen. Der deutsche Branchenprimus kommt nach einem 30-prozentigen Kursplus in diesem Jahr derzeit auf eine Marktkapitalisierung von 24 Milliarden Euro.

Der Staat hält derzeit knapp 16 Prozent der Commerzbank-Aktien. Derzeit ist das Paket rund 1,3 Milliarden Euro wert. Im Vergleich zu den anderen Beteiligungen an den früheren Staatskonzernen Deutsche Telekom und Deutsche Post ist das sehr wenig. Zudem liegt der Kurs weiter deutlich unter dem Niveau, zu dem der Staat bei der Bank eingestiegen ist. Daher dürfte die Regierung mit einem Ausstieg warten.

Zuletzt hatte es Spekulationen gegeben, dass die Regierung wegen der hohen Staatsverschuldung infolge der Corona-Pandemie Anteile an der Deutschen Telekom oder der Deutschen Post verkaufen könnte. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hatte diese selbst durch ein Interview befeuert.

DAS SAGEN ANALYSTEN:

Bei Branchenexperten hat sich trotz der verbesserten Gewinnaussichten und des Durchbruchs beim Umbau der Bank bisher keine Euphorie breitgemacht. Unter den 28 von der Nachrichtenagentur Bloomberg erfassten Analysten empfehlen 7 den Kauf und 6 den Verkauf der Aktie. Die Mehrheit von 15 nimmt mit dem Votum "Halten" eine abwartende Haltung ein.

Das passt zu ihren Erwartungen an den Aktienkurs: Im Schnitt haben die Analysten ein Kursziel von 6,13 Euro auf dem Zettel. Vor Bekanntgabe der Quartalsbilanz vergangene Woche hatte das durchschnittliche Kursziel der Experten noch bei 5,87 Euro gelegen. Doch auch die inzwischen leicht angehobene Durchschnittserwartung wurde an der Börse bereits von der Realität übertroffen.

Analysten hatten sich von dem Gewinn der Bank im ersten Quartal und den Fortschritten beim Konzernumbau überrascht gezeigt. Branchenexperte Ingo Frommen von der Landesbank Baden-Württemberg hob das geplante Kostenmanagement positiv hervor: Wenn der Umbau Erfolg habe, könnte die Commerzbank im Jahr 2024 wieder ausreichend profitabel sein.

Frommen wertet auch die starke Position der Bank im Geschäft mit Privat- und Firmenkunden und ihre Liquiditätsausstattung als positiv. Allerdings sieht er weiter Risiken durch drohende Kreditausfälle und Rückstellungen bei polnischen Konzerntochter mBank. Einen weiteren Grund zum Zweifeln sieht er in der Vergangenheit des Konzerns: So habe die Commerzbank die an sie gestellten Erwartungen immer wieder enttäuscht./stw/ben/zb/nas/jha/

Quelle: dpa-Afx