Ein dezenter Hinweis sieht wahrlich anders aus: Zu Beginn der zweiten Juliwoche forderte die chinesische Börsenzeitung "China Securities Journal" ihre Leser in einem großen Leitartikel auf der Titelseite auf, "einen gesunden Bullenmarkt zu unterstützen". Das Blatt gehört dem Staat, die Bürger hielten sich daran. In den folgenden fünf Handelstagen stieg der Shenzhen-Index für A-Aktien, die vorzugsweise von chinesischen Privatanlegern gehandelt werden, um satte zehn Prozent. Seit Jahresbeginn hat dieses Börsenbarometer sogar schon 29 Prozent hinzugewonnen. Beim CSI 300 ging es im selben Zeitraum um gut 14 Prozent nach oben - und am Donnerstag rauschte der Index dann schlagartig fünf Prozent nach unten.

Bei vielen Marktbeobachtern weckt die Rally unangenehme Erinnerungen an die von chinesischen Kleinanlegern getriebene Hausse von 2015 - und an deren Zusammenbruch. Tatsächlich gibt es Parallelen, aber auch gute Gründe, jetzt noch einzusteigen.

Denn eine ganze Reihe von Konjunkturdaten zeigte in den vergangenen Wochen an, dass die Wirtschaftsaktivität in China tatsächlich deutlich zunimmt. Die Industrie fuhr ihre Produktion im Juni um 4,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat hoch. Das war der dritte Anstieg in Folge. Der Einkaufsmanagerindex für das produzierende Gewerbe kletterte im Mai von 49,4 auf 50,7 und signalisierte somit Wachstum. Noch viel deutlicher fiel die Erholung im Dienstleistungssektor aus: Dort stieg der Einkaufsmanagerindex im Juni auf den höchsten Stand seit April 2010. Zuletzt überraschten die Exporte, die im Juni ein halbes Prozent über dem Stand von Juni 2019, also lange vor Corona, lagen. Lediglich der Einzelhandel schwächelt noch. Insgesamt wuchs Chinas Wirtschaft im zweiten Quartal jedoch um 3,2 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Klarer Gewinner

Die französische Fondsgesellschaft Carmignac sieht China als klaren Gewinner, was die wirtschaftliche Erholung in den kommenden Quartalen angeht. "China sticht hervor", lobt Carmignac-Fondsmanager Xavier Hovasse das bisherige gute Krisen- und Wirtschaftsmanagement in Peking. Vor allem, dass die Regierung bei den Hilfsprogrammen bisher nicht aus dem Vollen geschöpft hat, beeindruckt viele Ökonomen. "China hat mit einem gezielteren Ansatz bisher groß angelegte staatliche Unterstützungsmaßnahmen vermieden. Anstatt wahllos Kredite in die Wirtschaft zu pumpen, wie in der Vergangenheit geschehen, vergab China Kredite an die Schlüsselsektoren Technologie, Gesundheit und saubere Energien", sagt Hovasse. Bei Zinssenkungen agierte die Zentralbank bisher eher zurückhaltend.

Strengere Regeln

Das ist ein großer Unterschied zu der Hausse von 2015, als niedrige Zinsen das Spekulieren mit Aktien auf Pump erst richtig befeuerten. Auch damals hatten chinesische Privatanleger die Börse für sich entdeckt, auch damals trommelten die Staatsmedien für die Geldanlage in Aktien und das Handelsvolumen schoss in die Höhe. Im Juni brach dann der Shanghai Composite Index innerhalb von drei Wochen um 30 Prozent ein, nachdem er sich in den Monaten zuvor mehr als verdoppelt hatte. Der Sinkflug zog Aktienmärkte weltweit mit sich.

Heute setzen Vorschriften in China dem kreditfinanzierten Spekulieren strengere Grenzen als vor fünf Jahren. Die Wertpapierkredit-Bilanz ist zwar in den vergangenen Wochen auf rund 1,3 Billionen Yuan emporgeschnellt - das ist jedoch vom Stand im Juni 2015, nämlich 2,3 Billionen Yuan, noch ein ganzes Stück entfernt.


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Natürlich gibt es aktuell Übertreibungen am chinesischen Aktienmarkt. "Das ist aber kein rein chinesisches, sondern ein globales Phänomen", sagt Jing Sima, Investmentstratege bei BCA Research. "Tatsächlich koppeln sich die chinesischen Aktienkurse gerade weniger stark von den inländischen Konjunkturdaten ab als anderswo auf der Welt." Die amerikanische Investmentbank Morgan Stanley hat ihr Zwölfmonatsziel für den CSI 300 gerade auf 5.360 Punkte erhöht, trotz der Risiken durch politische Spannungen nicht nur in Handelsangelegenheiten, sondern auch beim Thema Hongkong. Das Kursziel entspricht in etwa dem Niveau vor dem 2015er-Crash und bedeutet aktuell noch ein Potenzial von rund zehn Prozent.

Wie überall in der Welt sehen Analysten auch in China bei Techwerten am meisten Luft nach oben. Die Regierung ist entschlossen, massiv in die Digitalisierung der Infrastruktur zu investieren. Dafür sollen Schätzungen zufolge 2020 umgerechnet 380 Milliarden Euro und über die kommenden zehn Jahre verteilt 2,14 Billionen Euro fließen. "Längerfristig dürften chinesische Technologieaktien, insbesondere in den Bereichen 5G und Cloud Computing, outperformen, die zuletzt aufgrund der Furcht vor neuen US-Exportbeschränkungen unterdurchschnittlich abgeschnitten haben", sagt Eng Teck Tan, Portfoliomanager bei Nikko Asset Management. Ebenfalls attraktiv bleiben Titel aus dem Konsumgütersektor, da China die wachsende Binnennachfrage auch bei höherwertigen Waren zunehmend aus der eigenen Herstellung deckt.

Ein Spezialfall ist der Gesundheitssektor. China investiert dank Corona massiv in Krankenhaus-Infrastruktur, gleichzeitig erleben telemedizinische Anwendungen dank regulatorischer Lockerungen einen Boom. Die steigende Zahl älterer Menschen, die sich auch eine gute Gesundheitsversorgung leisten können, sorgt hier zudem für einen langfristigen Wachstumstrend.
 


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