Mit 45,19 Dollar je Fass kostete Rohöl aus der Nordsee am Dienstag so wenig wie seit fast sechs Jahren nicht mehr. Und ein Ende des Preisverfalls ist - zumindest kurzfristig - nicht in Sicht. "Bislang gibt es nichts, was dieses aggressiven Ausverkauf stoppen könnte", sagt Ole Hansen, Rohstoff-Stratege bei der Saxo Bank.

Nach Einschätzung der NordLB könnte Brent in den kommenden Wochen zeitweise sogar unter die Marke von 40 Dollar je Fass rutschen. 2008 war der Preis im Sog der Finanzkrise bis auf 36,20 Dollar gesackt. Goldman Sachs senkte die Prognosen und sieht den Brent-Preis in drei Monaten bei 42 Dollar je Barrel nach zuvor 80 Dollar. Für das US-Öl WTI, das derzeit 44 Dollar je Fass kostet, prognostizieren die Experten in drei Monaten einen Preis von 41 Dollar. Hauptgrund für den derzeitigen Ölpreisverfall ist das Überangebot durch den "Fracking"-Boom in den USA. Dabei wird Rohöl mit Hilfe technisch aufwendiger Verfahren aus Schieferstein gelöst. Gleichzeitig leidet die Nachfrage durch das schwächere Wachstum vor allem in China, einem der weltweit größten Rohstoff-Verbraucher.

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HOFFNUNG AUF WACHSTUMSLOKOMOTIVE USA

Erst zur Jahresmitte sollte die Talfahrt der Ölpreise ein Ende finden, weil Anleger zunehmend auf eine weniger üppige Versorgungslage setzen dürften, sagt NordLB-Analyst Frederik Kunze. Aufgrund des Preisverfalls steige die Wahrscheinlichkeit, dass Förderprojekte in Kanada oder Venezuela unter Druck geraten und notwendige Investitionen zurückgehalten werden könnten. Er sieht Brent Ende 2015 bei 75 Dollar, Goldman Sachs verortet den Preis in zwölf Monaten bei 70 Dollar. Unterstützung sollte der Ölpreis laut Kunze zudem von einer robusten Entwicklung der US-Konjunktur bekommen. "Auch China ist - selbst wenn es langsamer wächst - weiterhin auf Öl angewiesen", sagt der Rohstoff-Experte. Ein Hoffnungsschimmer für die Branche waren am Dienstag bereits die anziehenden chinesischen Öl-Importe. Sie überschritten im Dezember erstmals die Marke von sieben Millionen Barrel täglich.

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WEITER KEINE KÜRZUNG DER OPEC-FÖRDERMENGE IN SICHT

Keine unmittelbare Stütze für den Ölpreis dürfte dagegen das Opec-Kartell sein: Trotz des rasanten Preisrutsches gibt es weiter keine Hinweise auf eine mögliche Kürzung der Fördermengen. Innerhalb des Kartells hat sich vor allem Saudi-Arabien gegen eine geringere Förderung ausgesprochen und gewährt stattdessen seinen Abnehmern Rabatte. Das Kalkül: Die Förderung soll für Konkurrenten wie die Fracking-Firmen in den USA unrentabel werden. Wenn diese dann aufgeben, verringert sich das Angebot und sorgt damit langfristig wieder für steigende Preise.

Reuters