"Dieses schlechte Bild in der Öffentlichkeit zerstört das über Jahrzehnte gewachsene Kundenvertrauen und gefährdet so unsere Arbeitsplätze", heißt es in dem am Donnerstag im Internet veröffentlichten Schreiben (igm-bei-vw.de). Darin richtet die Gewerkschaft direkt auch an Konzernchef Herbert Diess die Frage, wer dafür verantwortlich sei, dass es bei Technik und Marketing hake. Aufsichtsrat und Unternehmen lehnten einen Kommentar ab.

"Wer übernimmt die Verantwortung für das Produktdesaster unserer aktuellen Modellpalette?", hieß es in dem Brief. "Und wie wollen Sie zukünftig vermeiden, dass hier im Konzern unnötig Geld verbrannt wird, weil hier keine eindeutigen Konzernstrategien erkennbar sind?" Die IG Metall führt eine ganze Reihe von Kritikpunkten an, darunter auch die aus ihrer Sicht misslungene Kommunikation zur Instagram-Werbung für den neuen Golf, bei dem sich VW mit Rassismusvorwürfen konfrontiert sieht. Dieses sei nur ein Beispiel für eine ganze Kette von Managementfehlern, die das Unternehmen viel Geld kosteten.

Die Hauptkritik der Arbeitnehmerseite richtet sich auf Versäumnisse bei der Markteinführung des Golf, der in guten Zeiten einen Großteil des Gewinns einfährt und damit Arbeitsplätze in Wolfsburg sichert. Zuletzt hatte VW die Auslieferung des gerade erst angelaufenen Bestsellers in achter Generation wegen Softwareproblemen stoppen müssen. Auch beim ID.3, der VW den Weg zu einem führenden Hersteller von Elektroautos ebnen soll, hapert es noch bei der Software. Der rein batteriegetriebene Wagen soll deshalb im Sommer zunächst in einer abgespeckten Grundversion an den Start gehen.

Den VW-Vorstand forderten die IG-Metall-Vertauensleute der inländischen VW-Werke auf, sich zu den Fragen zu äußern: "Schlagen Sie wieder eine Brücke zur Belegschaft." Dies sei in der Corona-Krise besonders wichtig, da sich die Belegschaft nicht wie üblich auf Betriebsversammlungen informieren könne. Dabei stellten die bei VW besonders stark vertretenen Metaller auch gleich klar, dass sie weitere Sparprogramme auf Kosten der Beschäftigten ablehnen.

"FÜR DIESS IST DAS KEINE GUTE GESCHICHTE"


Für Diess kommt die Veröffentlichung zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Denn der Brief dürfte damit auch ein Thema im Aufsichtsrat sein, der am Donnerstagnachmittag in Wolfsburg zusammenkam. Dabei dürfte einem Insider zufolge auch ein Magazinbericht über den angeblichen Wunsch des Konzernchefs nach einer vorzeitigen Verlängerung seines bis 2023 laufenden Vertrags zur Sprache kommen. Das "Manager-Magazin" berichtete, Diess habe nach der Einstellung des Verfahrens wegen Marktmanipulation im Diesel-Skandal diese Gedanken IG-Metall-Chef Jörg Hofmann vorgetragen, der als Aufsichtsratsvize in diesem Fall dafür zuständig war. "Für Diess ist das keine gute Geschichte", sagte die Person aus dem Umfeld des Kontrollgremiums. "In dieser Situation eine Vertragsverlängerung zu verlangen, ist nicht klug."

Einen Bericht der "Bild"-Zeitung, wonach sich Betriebsratschef Bernd Osterloh und Hofmann sogar schon darauf geeinigt haben sollen, dass Diess abgelöst werden müsse, dementierten beide. "Das entbehrt jeder Grundlage. Diese Meldung ist Quatsch!", hieß es in einer gemeinsamen Stellungnahme von beiden zu dem Artikel, wonach angeblich an einem "Putschversuch" gegen den Vorstandsvorsitzenden gearbeitet werde.

Nach Aussage des Insiders aus dem Umfeld des Aufsichtsrats sind auch die Familien Porsche und Piech, die über die Porsche SE die Mehrheit an dem Wolfsburger Konzern halten, "nicht glücklich" über die Situation. Es gefalle den Familien nicht, dass über technische Details des Bestsellers Golf in der Öffentlichkeit diskutiert werde. Laut Manager-Magazin haben sich die Familiensprecher Wolfgang Porsche und Hans Michel Piech, eigentlich Diess-Unterstützer, sogar gegen dessen Wunsch nach einem neuen Vertrag gestellt.

rtr