Elektromobilität, Energiewende und KI schieben das Geschäft der Stromerzeuger, Netzbetreiber und Kabelspezialisten deutlich an. BÖRSE ONLINE nennt die Gewinner.
Nun auch in Europa: Finanzstarke Investoren, die sich in den USA an den Rekordinvestments für den rasanten Bau von Rechenzentren für künstliche Intelligenz (KI) beteiligen, treiben das mittlerweile auch auf dem Alten Kontinent voran: Vor wenigen Tagen gab der stark in Immobilieninvestments engagierte Private-Equity-Konzern KKR bekannt, 1,5 Milliarden US-Dollar in die Londoner Plattform für europäische Rechenzentren Global Technical Realty (GTR) zu investieren. Weitere 400 Millionen Dollar wird US-Finanzinvestor Oak Hill Capital dort zur Verfügung stellen. Gesucht werden Areale mit einer ausreichend großen und sicheren Stromversorgung, um für große Cloud- und KI-Dienstleister wie Amazon, Alphabet oder Microsoft Rechenzentren nach deren Vorgaben zu bauen und, wenn gewünscht, auch zu betreiben.
Vervierfachung der Netzleistung gegenüber 2020
GTR könnte auch Standorte ehemaliger RWE-Braunkohlekraftwerke erwerben, wo die Energieinfrastruktur schon weitgehend vorhanden ist und den Bedürfnissen von Rechenzentren mit einem überschaubaren Aufwand von Zeit und Umbauten angepasst werden kann. In Großbritannien hat der Stromkonzern aus Essen einen entsprechend umgerüsteten Kraftwerkstandort im vergangenen Jahr mit viel Gewinn verkauft und will in Großbritannien, Deutschland und in den Niederlanden zehn weitere veräußern.
Nicht nur in Amerika, auch in Europa wird der Stromverbrauch nun deutlich zulegen: wegen Elektromobilität, der Umstellung von fossilen Energiequellen auf Strom in einigen Branchen, wegen der häufigeren Nutzung von Wärmepumpen statt Gasheizungen und auch durch den Bau von KI-Rechenzentren. Bis 2030 erwarten Experten des US-Börsendienstes Bloomberg bei einem schnellen Anstieg des Stromverbrauchs in der EU eine Vervierfachung der Netzleistung gegenüber 2020: von 50 Terawattstunden (TWh) auf 200 TWh, bei einem moderaten Anstieg eine Verdreifachung auf 150 TWh.
Wenn alle aktuell im Bau befindlichen Rechenzentren ans Netz gehen und ein Zehntel der erst avisierten realisiert werden, sollte sich ihr Anteil am Stromverbrauch bis 2030 auf fünf Prozent verdoppeln und, wenn die Hälfte der Datencenter-Projekte im Pionierstadium dann auch am Netz ist, auf sieben Prozent erhöhen.
Eni: Flüssiggas und grüner Strom befeuern die Geschäfte
Wie in dem USA werden für den stärksten Anstieg des Stromverbrauchs auch hier alle verfügbaren Kapazitäten für die Stromerzeugung benötigt: zusätzlich zu Solar- und Windkraftwerken auch Gasturbinen, weil sie schnell hochgefahren werden können, um den fehlenden Strom bei Flaute und Dunkelphasen bei Wind- und Solarparks zu ersetzen oder auch um zusätzlichen zu liefern. Wegen des hohen Strombedarfs der KI werden Rechenzentren auch mit Gasturbinen für eine netzunabhängige Stromversorgung geplant. Den Treibstoff dafür wird in Europa zu einem erheblichen Anteil Italiens Energiekonzern Eni liefern. Bis 2030 will das Unternehmen seine Jahreskapazitäten zur Verarbeitung von Flüssiggas von acht Millionen Tonnen (Mtpa) auf 15,3 knapp verdoppeln. Auch bei der Tochter Plenitude, wo die ursprünglichen Pläne zum Ausbau der Kapazitäten für grünen Strom aus Wind und Sonne gedrosselt werden, soll das Geschäft von aktuell 5,5 Gigawatt (GW) auf 15 fast verdreifacht werden. Der Anteil des grünen Stroms an Enis Energiemix steigt dann von zuletzt einem auf fast sechs Prozent. Der Ausbau des LNG-Geschäfts und mehr Gewinn der grünen Tochter Plenitude sind die wesentlichen Kurstreiber der Aktie mit einer attraktiven Dividendenrendite.
Enel: Stromnetze liefern 40 Prozent des operativen Gewinns
Italiens Versorger Enel will von 2024 bis 2027 rund 43 Milliarden Euro in Stromnetze investieren, drei Viertel der Summe in Europa und die Hälfte des verbliebenen Viertels jeweils zur Hälfte in Nord- und Südamerika. Die Investments in Europa teilen sich auf Italien mit rund 16 und Spanien mit vier Milliarden Euro auf. Enel will damit die Stabilität und die Effizienz seiner Netze verbessern, die 2027 rund 40 Prozent des operativen Gewinns liefern sollen. In den ersten neun Monaten 2025 waren es etwas weniger als 38 Prozent von 17,3 Millionen Euro Ebita, Wind- und Solarparks sowie Energiespeicher sind mit aktuell 30 Prozent Enels zweitgrößter Gewinnbringer. Mit zwölf Milliarden Euro bis 2027 soll die Gesamtkapazität um zwölf auf 76 Gigawatt erhöht werden. Knapp die Hälfte davon durch den Kauf von 35 Wasserkraftwerken in Spanien im Frühjahr 2025, die den operativen Gewinn 2027 um eine Milliarde Euro erhöhen sollten. Auch die von Enel anvisierten Verkäufe, um den Fokus auf die zwei größten Geschäftsfelder zu stärken, werden nach Einschätzung von Analysten bis 2027 jährlich zwei bis vier Prozent mehr Gewinnwachstum liefern.
574 Milliarden Dollar fließen weltweit in neue Netze
Die Technik der Netze, üblicherweise für den Betrieb über vier Jahrzehnte ausgelegt, hat dieses Durchschnittsalter nun fast erreicht und wird in den Industrieländern und in China mit hohem Tempo modernisiert und erweitert. Der inzwischen hohe Anteil grünen Stroms am Energiemix vor allem in Deutschland und in Europa, für den die aktuelle Netztechnik nur bedingt geeignet ist, erhöht den Druck zu modernisieren und die Netze zu erweitern zusätzlich. Marktforscher Global Data geht deshalb davon aus, dass die weltweiten Erlöse von knapp 373 Milliarden Dollar 2025 bis zum Ende des Jahrzehnts auf fast 574 Milliarden zulegen werden.
Mit der dringend notwendigen Integration des Stroms aus Wind- und Solarparks in die Netze, auch für einen schnellen und möglichst verlustfreien Transport dieser großen Energiemengen über weite Strecken gezielt an gewünschte Orte, hat sich eine neue Technologie etabliert: die Hochspannungs-Gleichstrom-(HVDC-)Übertragung. Sie leistet, was mit dem üblichen Wechselstrom (AC) viel weniger wirtschaftlich wäre, und ist für die europäische Energiewende damit entscheidend. Möglich machen das sogenannte Interkonnektoren als Kabel über Land, in der Erde oder unter Wasser. Im Kabelmarkt ist das für Modernisierung der Netze notwendige Segment auch das mit den höchsten Margen. Marktforscher schätzen die weltweiten Umsätze für 2025 auf bis zu 10,2 Milliarden Dollar und erwarten für 2030 und 2035 28 und mehr als 61 Milliarden, jährliche Zuwächse zwischen elf und mehr als 16 Prozent.
Die drei größten Hersteller der Spezialkabel mit eigener Verbindungstechnik, Prysmian in Italien, Nexans in Frankreich und NKT aus Dänemark, sind für die nächsten fünf bis sechs Jahre in diesem Markt bereits ausverkauft. Die maximale Auslastung macht sich nun mit hohen Margen und ausreichend Kapital für die Erweiterung der Kapazitäten bezahlt. NKT ist mit drei Viertel seines operativen Gewinns in dieser Hochvolt-Technik im Vergleich zu seinen größeren Rivalen Prysmian und Nexans am besten aufgestellt. Die Investitionen des Konzerns mit 3,4 Milliarden Euro Umsatz und etwas mehr als 220 Millionen Nettogewinn belasten in diesem Jahr zwar den Ertragszuwachs, für 2027 und 2028 erwarten Analysten im Schnitt jedoch 35 und 50 Prozent mehr Gewinn pro Aktie. Mit etwas mehr als 900 Millionen Euro Erlös für 2024 ist Deutschland der größte Markt der Dänen, vor den USA mit mehr als 600 und Großbritannien mit rund 450 Millionen. In Asien ist NKT bisher nicht.
Aufsteiger aus Deutschland
Was die großen Kabelkonzerne mit eigener Verbindungstechnik bremst — zusätzliche HVDC-Technik in den nächsten Jahren nicht liefern zu können —, nutzt nun Pfisterer, der weltweit größte kabelherstellerunabhängige Hersteller von Verbindungselementen, um früh in diesem lukrativen Markt zu starten. Wenn das HVDC-Testzentrum, das Pfisterer für 30 Millionen Euro in Winterbach bei Stuttgart derzeit baut, 2027 in Betrieb geht, startet dort auch die Massenfertigung der HVDC-Produkte. Mit der Technik des Zentrums wird die Qualität während der Fertigung geprüft und eingehalten. Pfister sieht sich als „Türöffner in den lukrativen Markt für alle Kabelhersteller ohne eigene Verbindungstechnik“, sagt Chef Johannes Linden im Gespräch mit BÖRSE ONLINE.
Mit fast 280 Prozent Plus seit dem Börsendebüt im Mai lieferte die Firma mit mehr als 500 Millionen Euro Umsatz für 2026 mit Abstand das erfolgreichste IPO in Deutschland 2025. „Wir haben mit unserem Testzentrum Partnerschaften mit Kabelherstellern aus allen Regionen der Welt geschlossen. Es ist der Markt mit den höchsten Margen. Die wollen deshalb mit uns rein“, freut sich Chef Linden.
Das Interview mit Pfleiderer-Chef Johannes Linden lesen Sie hier
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