Mit dem Kurssprung an diesem Tag gelang es den Conti-Papieren, sich deutlich nach oben hin von der 21-Tage-Linie für den kurzfristigen Trend abzusetzen. Dabei näherte sich der Kurs auch wieder der 200-Tage-Linie, die aktuell bei rund 97,85 Euro verläuft. Sie gibt charttechnisch interessierten Anlegern die Erwartung für den längerfristigen Trend an und ist in diesem noch abwärts gerichtet.

Sowohl Analystin Gungun Verma von der US-Bank Goldman Sachs als auch Jose Asumendi von JPMorgan lobten vor allem die Entwicklung der Margen von Conti im zweiten Quartal. So sei der Margenverlust in der Autosparte deutlich geringer als von ihm erwartet ausgefallen, schrieb Asumendi. Zugleich hob er auch das Antriebsgeschäft Powertrain innerhalb der Autosparte positiv hervor. Ein Händler lobte indes das kleine positive Ergebnis im Reifen-Geschäft, nachdem dort die Umsätze weniger stark als erwartet zurückgegangen waren.

Umsatz und Ergebnis des Autozulieferers hätten die Erwartungen in allen Geschäftsbereichen übertroffen, konstatierte außerdem Jefferies-Analyst Sascha Gommel in einer ersten Einschätzung. Die Entwicklung im Automobilgeschäft inklusive Powertrain stimmen ihn zuversichtlich für neues Wachstum nach Covid-19. Als Wermutstropfen allerdings verwies Gommel auf den für Aktionäre interessanten freien Barmittelfluss (FCF), der Einfluss auf die Dividendenzahlungen hat. Dieser sei deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben.

Im Konzern waren vor Akquisitionen und Kosten für die Verselbstständigung der Antriebstechnik knapp 1,8 Milliarden Euro an freien Mitteln abgeflossen und damit deutlich mehr als von Experten gedacht. Die meisten hatten - wie etwa JPMorgan-Experte Asumendi - mit rund einer Milliarde an Abflüssen gerechnet. Zur Mitte des Jahres hatte das Liquiditätspolster inklusive nicht genutzter Kredite bei 10,1 Milliarden Euro gelegen, davon waren 2,5 Milliarden Euro frei verfügbare flüssige Mittel. Im Mai und Juni hatte Conti drei Anleihen über mehr als 2,1 Milliarden Euro ausgegeben und bestehende Kreditlinien um 3 Milliarden Euro erhöht.

Asumendi, der den FCF jedoch nur auf den ersten Blick als "deutlich schwächer" bezeichnete, sieht kein längerfristiges FCF-Problem bei Conti. Der Konzern habe seine Investitionen nicht so stark wie von ihm erwartet zurückfahren können, schrieb er. Die hohen Kapitalabflüsse aus dem Working Capital seien außerdem Verbindlichkeiten geschuldet gewesen, was sich in der zweiten Jahreshälfte wieder ändern dürfte. Er rechnet daher nach wie vor mit einem kleinen positiven FCF-Betrag auf Gesamtjahresbasis, auch wenn dies vor dem Hintergrund des ersten Halbjahres nun schwerer werde.

dpa-AFX