Daniela Bergdolt zum Wirecard-Schock: "Sowas muss doch auch den Prüfern auffallen"
· Börse Online Redaktion
Daniela Bergdolt: Die meisten hatten mal wieder gedacht, heute kommt der Befreiungsschlag, heute kann das Unternehmen endlich einen testierten oder zumindest eingeschränkt testierten Jahresabschluss vorlegen. Und dann passiert genau das Gegenteil. Und diesmal sind es keine Peanuts, sondern fehlende Nachweise über Bankguthaben von 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten.
Wie hoch ist angesichts der möglicherweise fällig werdenden Kredite von zwei Milliarden Euro das Insolvenzrisiko bei Wirecard?
Ich kann aus der Formulierung des Unternehmens nicht erkennen, was es genau bedeutet. Ich nehme aber an, Wirecard wird jetzt verhandeln, damit es zu einem Schuldenmoratorium kommt und das Unternehmen mehr Luft hat.
Und wenn nicht?
Wenn die Kredite von zwei Milliarden Euro tatsächlich am 19. Juni fällig gestellt werden, dann hat Wirecard ein massives Problem.
Die Finanzaufsicht BaFin hat vor Kurzem Strafanzeige wegen Fehlinformation des Kapitalmarkts gegen den gesamten Vorstand gestellt, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Werden die Ermittlungen ausgeweitet?
Ja, ich rechne damit, dass diese Ermittlungen nun erweitert werden um den Vorwurf der unrichtigen Darstellung in Bilanzen.
Wirecard hat selbst Strafanzeige gestellt und sieht sich als mögliches Betrugsopfer. Wie glaubwürdig ist das?
Fakt ist, es gibt Nachforschungspflichten. Der fehlende Betrag ist einfach zu groß. 1,9 Milliarden Euro sind keine Peanuts. Dass einem Unternehmen, dass insbesondere auch den Prüfern nicht auffällt, dass bei derartigen Beträgen die Bestätigungen fehlen oder nicht ausreichend sind , wirft ein sehr ungutes Licht auf die Compliance des Unternehmens.
Stichwort Prüfer: Wie können EY solche Fehler passieren?
Diese Frage stelle ich mir auch. Warum sind EY diese Mängel in der Bilanz nicht aufgefallen? Die Falschangaben ziehen sich ja über mehrere Jahre und Jahresabschlüsse, von 2016 bis 2019. Und warum bedarf es erst einer externen Sonderprüfung durch KPMG, dass diese Ungereimtheiten ans Licht kommen? Das erinnert mich alles fatal an die Skandale des Neuen Marktes.
Buchtipp: Die Geschichte der Spekulationsblasen
Eigentlich sind wir alle ziemlich schlau. Nur das mit dem Geld klappt nicht so recht … und manchmal geht es sogar richtig schief. Doch warum nur? Mit „Die Geschichte der Spekulationsblasen“ macht sich John Kenneth Galbraith, einer der ganz großen Ökonomen des 20. Jahrhunderts, auf die Suche nach der Antwort. Und er sucht an den richtigen Stellen – den Finanzkatastrophen der letzten vier Jahrhunderte: der Tulpenmanie des 17. Jahrhunderts, der Südseeblase im 18. Jahrhundert, den Hochrisiko-Anleihen im 20. Jahrhundert. Mit Geist und Witz erklärt Galbraith die psychologischen Mechanismen hinter diesen Blasen … damit der Leser sie durchschaut und sich dagegen wappnen kann. Dieses Meisterwerk zum Thema Finanzpsychologie war vergriffen und wird nun im Börsenbuchverlag wieder aufgelegt.
Autoren: Galbraith, John Kenneth
Seitenanzahl: 128
Erscheinungstermin: 19.03.2020
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-86470-677-6