Eine Blockade der Straße von Hormus trifft vor allem die Kunststoffindustrie in Asien und Europa mit besonderer Härte. US-Produzenten profitieren hingegen.
Nach dem Scheitern der Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran hat Donald Trump eine Blockade des Schiffsverkehrs von und zu iranischen Häfen angekündigt. Viele Investoren richten ihren Blick nun vor allem auf Rohöl und Helium, das für die Chipproduktion benötigt wird. Weniger beachtet wird bislang ein anderer Bereich mit einer hohen Abhängigkeit vom Nahen Osten: die Kunststoffindustrie. Vor allem in Asien und Europa gelten ihre Lieferketten als besonders anfällig.
Die Folgen sind in vielen asiatischen Ländern bereits im Alltag zu spüren. In Indien sind die Preise für abgefülltes Wasser zuletzt um elf Prozent angestiegen, weil sich Plastikflaschen deutlich verteuert haben. Gleichzeitig drosseln in Asien erste Hersteller von Plastikflaschen bereits ihre Produktion.
Naphtha-Preis bereits vervierfacht
Die asiatische und europäische Kunststoffindustrie ist besonders stark betroffen, weil in beiden Regionen die Kunststoffproduktion vor allem auf Naphtha basiert. Naphtha ist ein Raffinerieprodukt aus Erdöl, das als wichtiger Ausgangsstoff für Benzin, Kunststoffe und Chemikalien dient. Bei einer Sperrung der Straße von Hormus können pro Tag 1,2 Millionen Barrel nicht auf den Weltmarkt gelangen. Für Asien ist das besonders brisant, weil die Region rund 60 Prozent ihres Bedarfs aus dem Nahen Osten bezieht. Entsprechend stark fiel die Preisreaktion aus: Seit dem Ausbruch des Iran-Kriegs ist der Naphtha-Preis in Asien von 108 auf 400 US-Dollar je Tonne gestiegen.
Der Rohstoffvorteil der US-Kunststoffindustrie
US-Unternehmen sind von den stark angestiegenen Naphtha-Preisen deutlich weniger betroffen, weil sie Kunststoffe überwiegend auf Basis von Ethan herstellen. Ethan wird durch die Abtrennung aus Erdgas oder durch das Cracken von Erdöl gewonnen und ist in den USA reichlich vorhanden. Zudem liegt die Produktion derzeit auf Rekordniveau, deshalb werden keine Importe benötigt.
Obwohl auch für US-Chemieunternehmen die Kosten steigen, profitieren sie sogar von der aktuellen Situation. Der Grund: Die US-Chemikonzerne können wie ihre asiatischen Konkurrenten die Preise erhöhen, ohne jedoch im gleichen Maße von Kostensteigerungen betroffen zu sein. Das stärkt ihre Margen. Nach Einschätzung von Utpal Sheth, Chemical Market Analyst bei Opis, erzielen US-Chemieunternehmen derzeit überdurchschnittlich hohe Gewinne.
Wir stellen drei Chemieunternehmen vor, die von der Krise im Nahen Osten vergleichsweise wenig betroffen sind - oder sogar davon profitieren könnten.
Dow Inc.
Mit einem Plus von 67 Prozent seit Jahresbeginn gehört die Aktie von Dow Inc. zu den klaren Gewinnern des laufenden Jahres und zeigt ein starkes Momentum. Operativ ist das Bild allerdings gemischt: Der Umsatz ist seit 2022 leicht rückläufig, 2025 schrieb das Unternehmen sogar einen Verlust von 2,6 Milliarden US-Dollar.
Für März und April hatte das Unternehmen bereits Preiserhöhungen angekündigt. Das schürt unter den Anlegern Hoffnung, dass der Konzern bald wieder auf den Gewinnpfad zurückfindet. Rückenwind kommt zudem von Analystenseite: Patrick Cunningham von Citigroup hob sein Kursziel jüngst von 40 auf 48 US-Dollar an und bekräftigte seine Einstufung als „starken Kauf“.
Celanese
Auch die frühere Hoechst-Tochter Celanese könnte von den aktuellen Entwicklungen im Nahen Osten profitieren. Der Konzern verkauft neben Kunststoffen auch technische Materialien für Auto, Industrie, Elektronik und Konsumgüter. Die Aktie konnte seit Jahresbeginn 49 Prozent zulegen, notiert aber auf Fünfjahressicht immer noch deutlich im Minus.
Ähnlich wie bei Dow ist der Umsatz von Celanese seit Jahren rückläufig und die Preise wurden zuletzt deutlich erhöht. Mit einem Forward-KGV von zwölf ist die Aktie jedoch deutlich günstiger bewertet als Dow. Entscheidend dürften nun der Umsatz- und Gewinnausblick bei den anstehenden Quartalszahlen am 6. Mai werden.
LyondellBasell Industries N.V.
Der Konzern ist international aufgestellt und gehört zu den weltweit größten Produzenten von Polyethylen und Polypropylen. Die Aktie stieg seit Jahresbeginn um rund 70 Prozent und zeigt damit eine ihrer stärksten Phasen seit Jahren. Citi-Analyst Patrick Cunningham hob auch für LyondellBasell sein Kursziel deutlich von 76 auf 90 US-Dollar an und bekräftigte sein „Strong Buy“-Rating.
Auch aus dem Unternehmen selbst kommen positive Signale: Finanzchef Michael McMurray betonte gegenüber Reuters den Rohstoffvorteil Nordamerikas in der Kunststoffindustrie. Zudem sind die Orderbücher im April so stark gefüllt wie seit mehreren Monaten nicht mehr.
Fazit: Interessante Branche mit viel Rückenwind, aber kein Selbstläufer
Ganz ohne Risiken ist die aktuelle geopolitische Lage für US-Chemiekonzerne jedoch nicht. Steigende Gas- und Transportpreise könnten einen Teil des Kostenvorteils wieder aufzehren. Zudem haben viele Chemieaktien im laufenden Jahr bereits kräftig zugelegt, sodass unklar ist, wie viel der positiven Entwicklung bereits in den Kursen eingepreist ist. Trotzdem bleibt die Branche spannend und die genannten Titel sind definitiv einen Blick wert.
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Häufig gestellte Fragen:
Was hat die Straße von Hormus mit Plastik zu tun?
Sehr viel. Über die Region laufen wichtige Lieferströme für Naphtha, einen zentralen Rohstoff für Kunststoffe in Asien und Europa.
Warum zählen US-Chemieaktien derzeit zu den Börsengewinnern?
Weil US-Produzenten für die Kunststoffproduktion vor allem Ethan verwenden, das im Preis nicht so stark gestiegen ist wie Naphtha. Ihre Verkaufspreise konnten sie trotzdem anheben.
Wo liegen die Risiken für Anleger?
Steigende Gas- und Transportpreise könnten den Kostenvorteil der US-Unternehmen schmälern. Außerdem haben viele Aktien bereits stark zugelegt.