"Von Euphorie kann im Augenblick wahrhaftig nicht die Rede sein", sagte Christian Henke, Marktanalyst beim Brokerhaus IG. Die Pandemie sei das zentrale Thema auf den Börsenparketts, die Zahl der Neuinfektionen steige weiter an. "Bis zu einer Impfung mit einem entsprechenden Medikament kann es noch eine Weile dauern. Die Angst vor den wirtschaftlichen Auswirkungen ist wieder groß."

Auf Wochensicht steuerte der deutsche Leitindex am Freitagnachmittag auf ein mageres Plus von 0,6 Prozent zu. In den beiden vorangegangenen Wochen hatte er noch knapp fünf und acht Prozent zugelegt, als die Meldungen über die ersten wirksamen Impfstoffe gegen das Virus eingegangen waren. Das Mainzer Biotechunternehmen BioNTech und der US-Pharmakonzern Pfizer reichten am Freitag bei der US-Gesundheitsbehörde FDA ihren erwarteten Antrag auf eine Notfallgenehmigung für ihren Impfstoff gegen das Coronavirus ein. Bei grünem Licht könne ab Mitte oder Ende Dezember damit begonnen werden, Hochrisikogruppen in den USA zu impfen. "Die Impfstoff-Hoffnungen stellen zwar eine gute Unterstützung für den Aktienmarkt dar", sagte Milan Cutkovic, Analyst beim Handelshaus Axi. "Für eine Jahresendrally aber werden frische Impulse benötigt. Die Investoren hoffen daher, dass weitere Konjunkturmaßnahmen der Regierungen nicht lange auf sich warten lassen."

BITCOIN-RALLY HÄLT AN


Am Rohstoffmarkt behielten die Optimisten die Überhand. Der Preis für ein Barrel Nordseeöl der Sorte Brent stieg um 0,6 Prozent auf 44,46 Dollar je Barrel (159 Liter). "Nachfragesorgen, die die Preise seit dem Frühjahr belastet haben, weichen nun Konjunkturhoffnungen", sagte Commerzbank-Experte Eugen Weinberg. Allerdings könnte die Förderdisziplin bröckeln. Das könnte zu einer Überversorgung am Ölmarkt führen.

Aufwärts ging es auch bei Bitcoin: Die älteste und wichtigste Cyberdevise der Welt verteuerte sich um bis zu 2,7 Prozent auf 18.421,99 Dollar. Das Rekordhoch könne bald fallen, sagte Timo Emden von Emden Research. "Spätestens dann rechne ich verstärkt mit Gewinnmitnahmen." Ende 2017 war Bitcoin nach einer rund 2000-prozentigen Kursexplosion an der Schwelle von 20.000 Dollar knapp gescheitert.

ESSENSLIEFERDIENSTE UND PAKET-DIENSTLEISTER GEFRAGT


Zudem waren Papiere gefragt, die von Ausgangsbeschränkungen profitieren. Die Aktien des Essens-Lieferdienstes Delivery Hero gewannen im Dax 1,2 Prozent, im MDax gehörten die HelloFresh-Titel mit plus 3,3 Prozent zu den stärkeren Werten. Deutsche Post gewannen 1,4 Prozent. Ebenfalls fester notierten europaweit Energie-Titel. RWE stiegen um rund drei Prozent an.

In Italien beflügelten Fusionsphantasien die Bankaktien. Einem Zeitungsbericht zufolge bezeichnete der Hauptaktionär die Idee eines Zusammenschlusses der BPER Banca mit der rivalisierenden Banco BPM als "faszinierend". Die Papiere der beiden Institute gewannen je dreieinhalb Prozent.

Mit einem Minus von 13,9 Prozent steuerten die Aktien des britischen Softwareunternehmens Sage auf den größten Tagesverlust seit März 2001 zu. Der operative Gewinn im abgelaufenen Geschäftsjahr schrumpfte aufgrund von Investitionen ins Cloud-Geschäft und aus der Pandemie entstandenen Kosten.

rtr