Bei Glovo können Kunden den Angaben zufolge jedes Produkt oder jeden Artikel innerhalb ihrer Stadt kaufen, empfangen und versenden. Delivery-Hero-Chef Niklas Östberg sieht in Lateinamerika ein außergewöhnliches Wachstumspotenzial für Online-Lieferdienste.

An der Börse wurde die Nachricht mit leichter Verzögerung positiv aufgenommen. Nachdem die Delivery-Aktie nach Handelsstart bis zunächst mehr als zwei Prozent verloren hatte, drehte der Kurs wenig später mit rund drei Prozent ins Plus auf 91,80 Euro. Branchenexperten werteten die Übernahme positiv. So baue Delivery Hero seine Marktanteile in einigen Ländern aus und gewinne außerdem neue Märkte hinzu, schrieb Berenberg-Analystin Sarah Simon. Dort, wo sich das Geschäft der beiden Unternehmen bisher überschneidet, rechnet sie auch mit Synergien.

Delivery Hero ist in Lateinamerika bereits in Argentinien, Panama und der Dominikanischen Republik vertreten. Mit der Übernahme der Glovo-Teile baut das Unternehmen sein Geschäft in diesen Ländern aus und erweitert es außerdem auf Peru, Ecuador, Costa Rica, Honduras und Guatemala.

Der Mitteilung zufolge wollen beide Unternehmen die Transaktion innerhalb der nächsten Wochen abschließen, wenn die behördlichen Genehmigungen vorliegen. Dort, wo Delivery Hero bisher nicht vertreten ist, soll Glovoa das Geschäft bis März 2021 weiterführen.

Laut Delivery-Chef Östberg arbeitet der deutsche Konzern bereits seit mehreren Jahren eng mit Glovo zusammen. Glovo-Chef Oscar Pierre will sein Unternehmen auf diejenigen Märkte fokussieren, in denen es bereits sehr stark ist, und neue Märkte zu erschließen, in denen er ein enormes Wachstumspotenzial sehen. Für Lateinamerika sehe er Delivery Hero als den bestmöglichen Partner, um das dortige Glovo-Geschäft auf die nächste Stufe zu heben.

Welche Summe Delivery Hero am Ende für den Deal bezahlt, hängt von der weiteren Entwicklung der übernommenen Geschäftsteile ab. Von den 230 Millionen Euro entfallen 60 Millionen Euro auf eine leistungsabhängige, variable Komponente.

Delivery Hero war vor wenigen Wochen als Nachfolger des insolventen Zahlungsdienstleisters Wirecard in den deutschen Leitindex Dax aufgerückt. Der Essenslieferdienst zählt zu den Profiteuren der Corona-Pandemie. Der Aktienkurs hat seit dem Jahreswechsel um rund ein Viertel zugelegt. Auf Sicht von zwölf Monaten hat er sich sogar mehr als verdoppelt. Von ihrem Rekordhoch, das sie Anfang Juli bei 106,20 Euro erreicht hatte, ist die Aktie inzwischen aber wieder ein Stück entfernt. Insgesamt wird Delivery Hero an der Börse derzeit mit knapp 18 Milliarden Euro bewertet.

Dabei schreibt das Unternehmen immer noch hohe Verluste, denn das laufende Geschäft deckt die Kosten nicht. Unternehmenschef Östberg erklärte die tiefroten Zahlen mit hohen Investitionen für den Geschäftsausbau. Es gebe nur zwei Wege, bald Gewinne zu erzielen, sagte er in dieser Woche in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". Entweder man verlange höhere Provisionen von den Partnerrestaurants, oder man baue das Geschäft weiter aus und könne die Provisionen sogar senken. "Letzteres ist unser Weg."

Im ersten Halbjahr zeigte die Entwicklung jedoch noch in die entgegengesetzte Richtung. Während sich der Umsatz im Jahresvergleich fast verdoppelte, wuchs der Verlust im fortgeführten Geschäft noch stärker.

Das 2011 gegründete Unternehmen Delivery Hero ist bisher in 44 Ländern in Europa, Lateinamerika, Asien, dem Nahen Osten und Nordafrika vertreten und beschäftigt weltweit mehr als 27 000 Mitarbeiter. Der Konzern hat sein deutsches Geschäft (Foodora, Lieferheld, Pizza.de) im vergangenen Jahr an den damaligen niederländischen Konkurrenten Takeaway.com - heute Just Eat Takeaway (Lieferando) - verkauft.

Glovo wurde 2015 in Barcelona gegründet und ist den Angaben zufolge in mehr als 650 Städten in 22 Ländern in Osteuropa, dem Nahen Osten, Lateinamerika und Teilen Afrikas tätig. Das Unternehmen habe monatlich mehr als 2,5 Millionen aktive Nutzer, 50 000 aktive Kuriere und mehr als 50 000 assoziierte Partner weltweit.

dpa-AFX