Mindestens vier Monate Wartezeit für einen Depotübertrag? BÖRSE-ONLINE-Leser Karl Buicker konnte es kaum glauben. Mitte April hatte er bei seinem Broker Degiro den Antrag gestellt, seine Wertpapiere auf sein neues Depot bei der Onvista Bank zu übertragen. Doch dann erhielt er von seinem bisherigen Broker, der seinen Sitz in den Niederlanden, aber auch viele deutsche Kunden hat, diese Information: "Aufgrund des hohen Aufkommens an Anfragen haben wir einen Rückstand von mindestens vier Monaten bei Depotübertragungen. Wenn Sie diese Verzögerung in Kauf nehmen, setzen wir Sie auf die Warteliste, damit Ihre Übertragungsanfrage nach mindestens vier Monaten eingeleitet werden kann. Wir entschuldigen uns für alle Unannehmlichkeiten, die Ihnen dadurch entstehen können."

Grund für BÖRSE ONLINE, bei der FlatexDegiro AG, zu der Degiro gehört, nachzufragen, worin das Problem besteht. "Weniger bei den Depotausgängen, mehr bei den Depoteingängen hat Degiro ein hohes Aufkommen, beides wird aber im selben Team bearbeitet", erläutert Sprecher Achim Schreck. Beim Depotübertragen laufe bei Degiro noch vieles manuell ab, man habe das Team inzwischen aufgestockt und arbeite mit Hochdruck daran, "solche für Kunden verständlicherweise unangenehmen Verzögerungen zukünftig noch besser zu vermeiden", beteuert Schreck und ergänzt, bei Flatex funktionierten Depotüberträge inzwischen stärker digitalisiert als bei Degiro. Zum Hintergrund: Im vergangenen Jahr hatte es bei Flatex Kundenbeschwerden über schleppende Depotüberträge gegeben, die auch die Finanzaufsicht Bafin auf den Plan gerufen hatten.

In Internetforen wird noch über einen anderen Grund dafür gemutmaßt, dass Depotüberträge weg von Degiro länger dauern könnten: Wer dort Kunde sei, räume - je nach ausgewählter Depotart - Degiro das Recht ein, seine Wertpapiere auszuleihen. Und die müssten vor einem Übertrag erst "zurückgeholt" werden, so die Mutmaßung. Sprecher Schreck weist dies zurück: "Wertpapierleihe ist kein Thema im Zusammenhang mit Depotüberträgen, denn wir verleihen aktuell keine Aktien bei Degiro, das ist nur eine theoretische Option."

Gut Ding braucht Weile

Während unserer Recherche erhielt Leser Buicker dann von Degiro die folgende Info: "Die Warteliste für die Überträge ist mittlerweile abgearbeitet." Verbunden allerdings mit dem Hinweis, dass der Wertpapierübertrag, wenn er jetzt gestartet werde, durchaus vier bis sechs Wochen dauern könnte. Buicker hält das immer noch für zu lange, die FlatexDegiro AG dagegen bei internationalen Überträgen durchaus für üblich.

Einstweilen führt Buicker zwei Depots. "Positionen, von denen ich mich eh früher oder später trennen wollte, habe ich verkauft, das Geld dann an meinen neuen Broker Onvista überwiesen und dort andere Positionen neu gekauft", erzählt er. Diese Entscheidung traf er auch deshalb, weil Degiro als Auslandsbroker Depotüberträge nicht kostenlos durchführt - und die steuerlichen Anschaffungsdaten auch nicht mitliefert. An Buickers Beispiel zeigt sich, dass bei Überträgen von einzelnen Wertpapieren oder ganzen Depots die Tücken im Detail liegen. BÖRSE ONLINE klärt die wichtigsten Aspekte.

Ich möchte meinen Broker wechseln. Wie gehe ich am besten vor?

Wichtig ist es, dass Sie zunächst einmal das neue Depot eröffnen. "Damit ein Depotübertrag stattfinden kann, müssen sowohl das alte als auch das neue Depot aktiv sein", schreibt die Finanzaufsicht Bafin. Einfach nur das alte Depot zu kündigen, ohne ein neues anzugeben, klappt nicht. Um den eigentlichen Übertrag anzustoßen, gibt es nun mehrere Möglichkeiten: Sie beauftragen ihren neuen Broker, die Wertpapiere einzuziehen und das Depot bei der alten Bank gleich mit zu kündigen. Oder Sie beauftragen Ihren alten Broker mit dem Übertrag. So oder so müssen die beiden Banken miteinander kommunizieren. Nicht immer klappt das nach Erfahrungen unserer Leser reibungslos. Anders als beim Girokontenwechsel gibt es beim Depotübertrag kein gesetzlich vorgegebenes Stan- dardverfahren.

Kann ich meine Wertpapiere weiter handeln, während der Übertrag läuft?

Das ist der Knackpunkt, der Depotüberträge heikel macht. Denn in dieser Zeit können Sie nicht über Ihre Papiere verfügen. Daher sollte man sich gut überlegen, welche Wertpapiere man überträgt - getreu der Devise: Je spekulativer das Anlageprodukt, desto zurückhaltender sollte man mit einem Übertrag sein.

Bei sehr spekulativen Papieren empfiehlt es sich zu erwägen, eine Zeitlang das alte und das neue Depot parallel laufen zu lassen, die spekulativen Werte im alten Depot lieber zu verkaufen, das Depot nach und nach zu leeren und dann zu schließen. Wertpapiere, die man lange halten möchte, kann man getrost übertragen. Neue Engagements geht man dann nur noch auf dem neuen Depot ein.

Lassen sich auch Wertpapiersparpläne übertragen?

Hier gibt es eine Besonderheit zu beachten: Sie hatten bei Ihrem alten Broker einen Fonds- oder ETF-Sparplan laufen? Bei einem Depotübertrag können nur ganze Anteile übertragen werden, Bruchteilsanteile müssen separat verkauft oder zurückgegeben werden.

Wenn Sie denselben Fonds oder ETF beim neuen Broker weiter besparen möchten, sollten Sie erst prüfen, ob er diesen auch anbietet. Andernfalls hilft nur der Neuabschluss eines ETF- oder Fondssparplans mit identischem Anlageschwerpunkt.

Wie lange darf ein Übertrag dauern?

"Ein Depotübertrag kann durchaus mehrere Wochen in Anspruch nehmen", heißt es seitens der Finanzaufsicht Bafin. Selbst heutzutage würden Depotüberträge zum Teil noch von Hand bearbeitet. Aufsichtsrechtliche Vorgaben, in welchem Zeitraum ein Depotübertrag abgeschlossen sein sollte, gibt es derzeit zwar nicht. "Fragen Sie aber nach, wenn nach drei bis vier Wochen noch nicht alle Wertpapiere übertragen worden sind", empfiehlt die Bafin. Klar ist aber auch: Wenn einer der beteiligten Broker im Ausland sitzt, kann es erfahrungsgemäß länger dauern.

Worin liegen die größten Probleme bei Depotüberträgen?

Viele Beschwerden, die die Bafin im Wertpapierbereich erreichen, beziehen sich auf die Dauer von Depotüberträgen. Denn "trotz der fortgeschrittenen Digitalisierung von Finanztransaktionen ist eine Übertragung der Wertpapiere auf Knopfdruck oft nicht möglich". Ursache dafür kann sein, dass die Broker mit verschiedenen Lagerstellen zusammenarbeiten. Es kommt zudem auch stark auf die zu übertragenden Wertpapiere an. Ausländische Papiere sind nicht bei allen Brokern handelbar - die Übertragung macht dann Probleme oder klappt nicht.

Was dürfen Wertpapierüberträge kosten?

Der Übertrag von Wertpapieren ist bei deutschen Banken und Brokern grundsätzlich kostenlos - egal ob das ganze Depot oder nur Teile davon übertragen werden. Denn die Herausgabe verwahrter Wertpapiere gilt als gesetzliche Pflicht. Der Bundesgerichtshof hatte das schon vor vielen Jahren entschieden (Az. XI ZR 200/03 sowie XI ZR 49/04 vom 30.11.2004). Doch das Wörtchen "grundsätzlich" zeigt: Gewisse Kosten können für Anleger trotzdem anfallen. Zum Beispiel dann, wenn mit dem Übertrag auch die Inhaberschaft an Wertpapieren wechselt. Bei Namensaktien fällt regelmäßig ein Entgelt zur Umschreibung an, das einige Institute berechnen. Auch bei Lagerstellenwechseln von ausländischen Wertpapieren können Fremdkosten anfallen.

Müssen Wertpapierüberträge von Auslandsbrokern auch kostenlos sein?

Wer sein Auslandsdepot ins Inland überträgt, muss mit Kosten rechnen. Degiro zum Beispiel verlangt sowohl bei der Einlieferung als auch bei der Auslieferung von Wertpapieren pro übertragener Position zehn Euro, hinzu kommen externe Gebühren, die sich von Börsenplatz zu Börsenplatz unterscheiden. Sie schwanken zwischen acht Euro für in Frankfurt oder auf Xetra gehandelte Aktien über 46 Euro für Aktien, die an der New York Stock Exchange gehandelt werden, bis hin zu 176 Euro für Aktien an der Börse Prag. Anleger, die diese Kosten vermeiden möchten, sollten daher in Erwägung ziehen, die Wertpapiere aus dem alten Depot zu verkaufen - zu dem Preis, dass sie dann womöglich steuerpflichtige Gewinne erzielen.

Ich würde gern mein Wertpapierdepot zu einem Neobroker umziehen. Geht das?

Nicht alle neuen Broker akzeptieren Depotüberträge. Justtrade und Finanzen.net zero(vorher: Gratisbroker) nehmen keine an, Smartbroker, Scalable Broker und Trade Republic (TR) schon. Eine gesetzliche Pflicht, Wertpapierüberträge anzunehmen, existiert laut Bankenvertretern nicht. Institute können daher selbst entscheiden. Manche werben sogar mit Wechselprämien um neue Depots. Tipp: vorab prüfen, ob der neue Broker die zu übertragenden Wertpapiere handelt.

Muss ich 25 Prozent Abgeltungsteuer zahlen, wenn ich meine Wertpapiere von meinem alten auf mein neues Depot übertrage?

Nein, sofern Sie in beiden Fällen der alleinige Eigentümer des Depots sind, wenn also kein sogenannter Gläubigerwechsel stattfindet. Und auch dann nicht, wenn man Vermögenswerte zu einer ausländischen Bank verlagert. Dann müssen Steuerzahler mit deutschem Wohnsitz die Erträge ihres Auslandsdepots allerdings später über die Steuererklärung selbst angeben, denn ausländische Anbieter ziehen keine deutsche Abgeltungsteuer ein. Der deutsche Fiskus erhebt fällige Abgeltungsteuer über den Steuerbescheid.

Ziehen die steuerlichen Anschaffungsdaten von meinen Wertpapieren mit um?

Seit Start der Abgeltungsteuer 2009 müssen inländische Banken der neuen Bank Anschaffungskosten und Kaufdatum der übertragenen Wertpapiere mitteilen. Die Verlustverrechnungstöpfe können auf den neuen Anbieter übertragen werden - aber nur, wenn das Depot vollständig umzieht und der Verlustübertrag ausdrücklich beantragt wird. Da die Steuerdaten mit umziehen, lassen sich abgeltungsteuerfreie Kursgewinne auf den neuen Broker übertragen. Ausländische Broker sind zu dieser Datenweitergabe nicht verpflichtet.