DAS IST LOS BEI DER DEUTSCHEN BÖRSE:

Während etliche Branchen und Unternehmen massiv unter den Folgen der Pandemie leiden, war der Dax-Konzern (DAX 30) davon bislang nicht betroffen. Im Gegenteil: Der Börsenbetreiber profitierte sogar von den Kursturbulenzen und dem deutlich erhöhten Handelsvolumen. Zudem stieg der Absicherungsbedarf der Investoren, was im ersten Jahresviertel wiederum das Geschäft der Derivatebörse Eurex antrieb, der größten Sparte des Konzerns.

Entsprechend positiv fielen denn auch die Zahlen aus: Während die Nettoerlöse um 27 Prozent auf 915 Millionen Euro stiegen, kletterte das um Sondereffekte bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) sogar um 30 Prozent auf 620 Millionen Euro. Beide Werte zogen damit noch stärker an, als Experten ohnehin erwartet hatten. Zudem wurden die Prognose und die Dividende bestätigt. Insofern kann es kaum überraschen, dass die Deutsche Börse keine wesentlichen Rückschläge für ihr Geschäft durch die Corona-Pandemie erwartet und sich für mögliche künftige Zukäufe wappnet.

Konzernchef Theodor Weimer verdeutlichte auf der Online-Hauptversammlung im Mai denn auch, dass Größe für den Erfolg von Marktinfrastrukturdienstleistern sehr wichtig sei. Ungeachtet dessen bremste er aber zugleich die Erwartungen. Denn größere Fusionen oder Übernahmen habe der Frankfurter Börsenbetreiber derzeit nicht vor. Eine Notwendigkeit, die Richtung fundamental zu ändern oder das Ruder herumzureißen, gebe es nicht, hatte Weimer bereits zuvor auf der Bilanz-Pressekonferenz im Februar gesagt. Stattdessen bleibe Wachstum aus eigener Kraft eine Priorität. Allerdings setzt der Konzernlenker auch auf Zukäufe, um das Geschäft auszubauen. Hier hat er vor allem das Devisenhandelsgeschäft im Blick.

Zuletzt hatte die Deutsche Börse aber eher kleinere Zukäufe getätigt, während größere Übernahmeversuche scheiterten. Etwa der im Jahr 2017 geplatzte Zusammenschluss mit der Londoner Börse LSE. Oder das 2019 nicht von Erfolg gekrönte Ansinnen, die Devisenhandelsplattform FXall des Finanzdatenanbieters Refinitiv zu kaufen, da sich die London Stock Exchange (London Stock Exchange (LSE)) (LSE) für 27 Milliarden Dollar Refinitiv im Ganzen schnappte.

Weimer äußerte sich auf der Hauptversammlung auch zu Spekulationen über seine Zukunft. In Anbetracht seiner Kandidatur für den Aufsichtsrat der Deutschen Bank stellte der frühere HVB-Chef aber klar, dass er seinen Vertrag bei der Deutschen Börse bis zum Ende der regulären Laufzeit erfüllen wolle. Weimer, der bislang auf eine positive Bilanz zurückblicken kann und den Konzern nach der Insideräffäre um seinen Vorgänger Carsten Kengeter wieder in ruhiges Fahrwasser gelenkt hat, führt den Marktplatzbetreiber seit Anfang 2018. Er hat momentan einen Vertrag bis zum 31. Dezember 2024 und wird immer wieder als möglicher Nachfolger von Deutsche-Bank-Aufsichtsratschef Paul Achleitner genannt.

Im Anschluss an die Hauptversammlung gab es zudem einen Wechsel an der Spitze des Kontrollgremiums. Der langjährige Aufsichtsratschef Joachim Faber, der den Posten seit 2012 inne hatte, wurde von seinem Nachfolger Martin Jetter abgelöst, einem früheren IBM-Manager (IBM).

Für Aufregung sorgte Anfang Juli derweil ein Software-Fehler, der den Xetra-Handel der Deutschen Börse für mehrere Stunden lahmlegte. Es war schon der zweite Vorfall dieser Art binnen kurzer Zeit, nachdem es im April ebenfalls zu einer Systemstörung gekommen war. Die Deutsche Börse versprach daraufhin Besserung. Bereits Mitte Juni gab es dagegen Erfreuliches zu verkünden: So wurde die Technologiepartnerschaft mit der Wiener Börse um fünf Jahre verlängert.

DAS SAGEN DIE ANALYSTEN:

Bei den Marktexperten überwiegen zwar nach wie vor die positiven Einschätzungen. Doch es macht sich mittlerweile auch Skepsis breit, ob das Ende der Fahnenstange in Sachen Kursniveau nicht bereits erreicht oder gar überschritten sein könnte. Von den insgesamt 12 im dpa-AFX-Analyser erfassten Analysten, die sich seit der Vorlage der Quartalszahlen Ende April näher mit der Deutschen Börse befasst haben, sprechen sich immerhin vier für den Kauf der Aktie aus. Gleich sieben Mal lautet hingegen die Empfehlung, die Papiere zu halten und die weitere Entwicklung abzuwarten.

Lediglich das Analysehaus Warburg Research spricht sich aktuell für den Verkauf der Titel aus. Warburg-Analyst Andreas Pläsier begründet sein Votum damit, dass die Bewertung der Papiere nach ihrem guten Lauf inzwischen zu hoch erscheine. Außerdem rechnet der Experte im zweiten Quartal mit geringerer Wachstumsdynamik.

Mit einem Wert von 140 Euro hat NordLB-Analyst Michael Seufert das niedrigste Kursziel auf dem Zettel. Er verweist zwar darauf, dass die Deutsche Börse dank des außergewöhnlichen Umfelds im Zusammenhang mit der Corona-Krise einen dynamischen Start ins Jahr gehabt habe. Doch rechne das Management im weiteren Jahresverlauf mit zyklischem Gegenwind, gibt Seufert zu bedenken. Ähnlich argumentiert Haley Tam von der Schweizer Bank Credit Suisse, die ebenfalls mit Gegenwind im kommenden Jahr rechnet. Sie geht dennoch davon aus, dass die Deutsche Börse in diesem Jahr im Plan liegt und ihre Ziele erreichen dürfte.

Deutlich optimistischer gibt sich dagegen das Analysehaus Jefferies mit einem Kursziel von 167 Euro. Analyst Martin Price sieht für die kommenden Jahre sogar noch Luft nach oben für die Markterwartungen und sieht den Konzern auf einem guten Weg in Richtung Überschussziel für das laufende Jahr. Aus Sicht von Benjamin Goy von der Deutschen Bank bleibt die Bewertung der Deutschen Börse trotz des von ihm deutlich auf 172 Euro erhöhten Kursziels günstig. Er macht sein Ziel nun an seinen Schätzungen für 2022 fest.

DAS MACHT DIE AKTIE:

Auch die Anteilsscheine der Deutschen Börse konnten sich dem Corona-Crash nicht entziehen. Doch seit Mitte März geht es für die Titel wieder kontinuierlich nach oben - erst jüngst erreichte der Kurs mit 170,15 Euro den bisher höchsten Stand. Derzeit liegt der Kurs knapp darunter und das nachdem die Aktie am 19. März binnen weniger Wochen bis auf 92,92 Euro abgestürzt war.

Seit ihrem Crash-Tief hat die Aktie aber wieder mehr als 80 Prozent zugelegt. Mittlerweile kostet ein Papier sogar mehr als noch vor dem Beginn der Virus-Krise, die Anteilsscheine gehören inzwischen zu den größten Profiteuren der Pandemie.


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Im laufenden Jahr steht ein Plus von rund einem Fünftel zu Buche. Auf längere Sicht sieht es sogar noch erheblich besser aus: In den zurückliegenden 5 Jahren haben die Anteilsscheine ihren Wert mehr als verdoppelt. Ohnehin kannte die Entwicklung im vergangenen Jahrzehnt mit Ausnahme kleinerer Rücksetzer nur eine Richtung: nämlich bergauf.

Momentan kommt die Deutsche Börse auf eine Marktkapitalisierung von rund 32 Milliarden Euro. Damit ist sie an der Börse deutlich mehr wert als die ebenfalls in Frankfurt angesiedelten Finanzinstitute Deutsche Bank (knapp 17 Milliarden Euro) und Commerzbank (knapp sechs Milliarden Euro) zusammen.

dpa-AFX