Der hohe ­Bedarf wird eines der bestimmenden Themen in diesem Jahr. In einer exklusiven Analyse von BÖRSE ONLINE stehen zwei europäische Riesen aus Spanien und Italien auf der Kaufliste weit oben.

Anwendungen für künstliche Intelligenz, Digitalisierung und Cloud-Services sind die neuen Stromfresser. Dazu kommen die Industrie und die Produktion, die fossile Energien durch Elek­trifizierung ersetzen. Elektroautos, Wärmepumpen und der Ausbau erneuerbarer Energien fordern zusätzliche Netzkapazitäten. Urbanisierung und die Verlagerung von IT-Prozessen in die Cloud treiben die Grundlast nach oben.

Politische Förderprogramme und Klimaziele beschleunigen den Wandel. Strom wird zur Schlüsselressource — und die Nachfrage wächst schneller als jede Prognose. Laut dem Jahresbericht „Renewables 2025“ der Internationalen Energieagentur (IEA) wird die globale Kapazität erneuerbarer Energien bis zum Ende des Jahrzehnts um rund 4600 Gigawatt zunehmen. Das entspricht der gesamten Stromerzeugungskapazität von China, der EU und Japan zusammen. Die Nachfrage nach Stromabnahmeverträgen (PPAs) dürfte in Europa steigen, da Hyperscaler, also extrem große Cloud-Anbieter wie Amazon, Microsoft oder Google, vermehrt nach CO2-freien, festpreisgebundenen Vereinbarungen suchen. Laut einem Szenario von Bloomberg Intelligence wird der Stromverbrauch von Rechenzentren zwischen 2024 und 2032 um das Zwei- bis Dreifache steigen, selbst wenn die Energieeffizienz (PUE) sich verbessert.

Diese zusätzliche Last dürfte die Nachfrage nach erneuerbaren Energien erhöhen und damit das Gewinnpotenzial für Versorger wie Iberdrola, Enel, RWE und Engie steigern, während gleichzeitig Investitionen in Netze und Batteriespeicher angeregt werden. Zwischen 2026 und 2028 erwarten Analysten für fast die Hälfte der Stoxx-600-Versorger ein jähr­liches Wachstum des Gewinns je Aktie von mehr als sechs Prozent. Unternehmen wie Iberdrola und Enel stehen dabei im Rampenlicht, denn sie profitieren von stabilen Margen, einer hohen Qualität der Gewinne und einer Dividendenrendite, die deutlich über dem breiten Markt liegt.

Iberdrola: Champion mit erneuerbarer Energie

Iberdrola, Spaniens Energieriese, hat sich mit einem klaren Fokus auf regulierte Netzinfrastruktur und erneuerbare Energien strategisch stark positioniert. Erst Ende Oktober hob der Konzern die Pro­gnose für das laufende Jahr an: Der bereinigte Gewinn soll dieses Jahr prozentual zweistellig zulegen. Bislang war der Konzern lediglich von einem mittleren bis hohen einstelligen Wachstum ausgegangen. Besonders stark lief das dritte Quartal, in dem die Schätzungen der Analysten deutlich übertroffen wurden. Stetig erwirtschaftet Iberdrola hohe Cashflows.

Dies macht sich letztlich an der Kurs­entwicklung bemerkbar: Alleine 2025 legte der Titel rund 40 Prozent zu. Hinzu kommt die geringe Volatilität. Weltweit ist der Konzern stark aufgestellt: In Spanien hat er einen Anteil an der Stromerzeugung von rund 30 Prozent. Mehr als drei Viertel des Ergebnisses vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen stammen aus regulierten Geschäftsbereichen. Iberdrola ist eine der besten Möglichkeiten, vom Thema Infrastruktur und letztlich der Energiewende zu profitieren. Der Konzern verfolgt eine klare Strategie, weltweit auf wachstumsstarke Segmente rund um die Energiewende zu setzen. Alleine in den Jahren 2024 bis 2026 will Iberdrola 34 bis 36 Milliarden Euro investieren. Ein Drittel davon soll in erneuerbare Energie fließen, zwei Drittel für den weiteren Aufbau der Stromnetze. Zwar ist der Titel im vergangenen Jahr bereits stark gelaufen. Jedoch sollte auch 2026 noch einiges an Potenzial vorhanden sein.

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BO Data/small charts
Wie an der Schnur gezogen sieht der Chart von Enel aus. Dabei ist weiterhin genügend Platz nach oben.

Enel: Günstiger Versorger aus Italien

Auch der italienische Stromkonzern Enel zählt zu den Schwergewichten der europäischen Energiebranche und ist in der gesamten Wertschöpfungskette der Stromwirtschaft aktiv. Das Unternehmen ist breit diversifiziert und erwirtschaftet rund 45 Prozent seines operativen Gewinns in Italien, jeweils ein Viertel in Iberien und den amerikanischen Märkten. Die internationale Ausrichtung macht Enel weniger anfällig für lokale Marktschwankungen und regulatorische Risiken. Den Fokus wollen die Italiener künftig nicht lediglich auf die Kapazitätserweiterung legen, sondern sich stärker auch auf Effizienz trimmen. Mit einer Nettoverschuldung des 2,5-fachen Ebitda ist das Unternehmen flexibel und kann sowohl Übernahmen stemmen als auch die Ausschüttung an die Aktionäre erhöhen — sei es durch Aktienrückkäufe oder eine attraktivere Dividende. Für rund eine Milliarde Euro sollen Anteilscheine zurückgekauft werden.

Aktuell wird der Konzern mit einem Abschlag gegenüber den europäischen Wettbewerbern gehandelt. Die starke Entwicklung im Bereich der Netze, die für stabile und planbare Erträge sorgt, ist im Kurs nicht ausreichend berücksichtigt. Nach soliden neun Monaten erhöhte Enel die Prognose für das Gesamtjahr leicht. Unterm Strich soll der Gewinn über dem bisherigen Plan von 6,7 bis 6,9 Milliarden Euro liegen. Der Umsatz stieg vor allem dank besserer Preise im Großhandel um 3,6 Prozent auf knapp 60 Milliarden Euro.

Für die Aktie spricht zudem, dass Enel bereits jetzt eines der größten Smart-Grid-Netze Europas betreibt. In Italien wurden bereits mehr als 40 Millionen digitale Stromzähler („Smart Meter“) installiert. Diese Geräte liefern kontinuierlich Daten zu Verbrauch, Netzbelastung und Störungen. Die Daten werden in Echtzeit mit KI-Algorithmen ausgewertet, um Netzschwankungen frühzeitig zu erkennen und gezielt gegenzusteuern. Anleger greifen auch hier zu. 

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BO Data; Stand: 22.12.2025

Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe von BÖRSE ONLINE (Heft 02/2026). Sie können die komplette Ausgabe unter diesem Link direkt als E-Paper kaufen.


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